Krefeld: Völlig durchdesignt

Krefeld: Völlig durchdesignt

Ab heute ist im Kaiser-Wilhelm-Museum eine Doppel-Ausstellung zu sehen, die mit der Verbindung von Design und Handwerk spielt. Es gibt eine Möbelschau der Gegenwart und eine Retrospektive zu Peter Behrens als Prolog zum Bauhaus-Jubiläumsjahr 2019.

Der kuscheligste Platz im Kaiser-Wilhelm-Museum befindet sich in der ersten Etage: ein unspektakulär kubusartiger schwarzer Sessel. Aber wer sich hineinsinken lässt, mag gar nicht mehr aufstehen. Tief lässt sich einsinken in wolkige Weichheit. Das unerwartet bequeme Sitzmöbel war die Idee von Martin Szekely, einem der wichtigsten zeitgenössischen Designer Frankreichs. Das Duo Domeau & Pérès hat die Idee realisiert. Der Sessel "Domo" gehört zu den Designerstücken, die Bruno Domeau und Philippe Pérès den Krefelder Kunstmuseen geschenkt haben. Rund 60 Objekte renommierter internationaler Designer sowie Prototypen, Entwurfsskizzen und Archivmaterial haben die Franzosen, die seit 1996 exklusiv mit führenden avantgardistischen Designern zusammenarbeiten, der Krefelder Sammlung überlassen. Auch Peter Ghyczy, der mit Möbeln aus Polyurethan in den späten 60er Jahren berühmt geworden war, hat - wie berichtet - dem Museum wichtige Beispiele seiner Arbeit geschenkt. In der Ausstellung "Von der Idee zur Form. Domeau & Pérès: Dialoge zwischen Design und Handwerk" sind sie erstmals ausführlich zu sehen: Möbel, die für den Gebrauch entstanden sind, aber wegen ihrer zukunftsweisenden Form Designgeschichte geschrieben haben.

Museumsleiterin Katia Baudin ist glücklich über die Neuzugänge, denn sie passen in ihr Konzept, den Gründungsimpuls für das Museum wiederzubeleben: "Es war damals ein Appell des Werkbundes für eine Zusammenarbeit von Kunst, Handwerk und Industrie, um Exzellenz und Innovation in den angewandten Künsten zu fördern. Diesen Fragen wollen wir uns nach 100 Jahren wieder zuwenden." Deshalb schlägt die Ausstellung einen gelungenen Bogen in die Vergangenheit: Ein Teil der ersten Etage gehört der Erinnerung an Peter Behrens, den Pionier des Industriedesigns. In seinem Berliner Architekturbüro haben Le Corbusier, Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius einst angefangen.

Die Doppelausstellung beginnt mit einer Filmbox. Die Designerin Matali Crasset hat sie den Präsentationsständen der Design- und Möbelmessen nachempfunden. In rund 30 Minuten gibt ein Film Einblick in die Arbeit von Dumeau & Pérès. Der Polsterer Philippe Pérès und der Sattler Bruno Domeau haben das Know How ihrer traditionellen Berufe in die Ästhetik der Moderne übertragen und stellen sich dabei in den Dienst namhafter Künstler und Designer. Und sie bauen im Auftrag von Stiftungen und Erben berühmte Möbelentwürfe nach - etwa von Sophie Taeuber-Arp oder Filmemacher Jacques Tati.

Probesitzen und Anfassen sind erwünscht - überall dort, wo eine neonfarbene Aufschrift dazu ermuntert und die Objekte nicht auf einem Podest stehen. Design ist ein haptisches Vergnügen. Es ermöglicht die Entdeckung, dass Christophe Pillets Relaxliege "Video Lounge" nicht aus Leder oder Stoff gefertigt ist, sondern aus hochglänzendem Metall; dass nicht nur Holz, sondern auch Leder ein beliebtes Material für Tische ist, und dass eine mit Filz verkleidete spindartige Säule sich zu einem Gästebett mit Lampe ausrollen lässt.

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"Diese Objekte beleuchten auf einzigartige Weise, wie Designer und Industrie versucht haben, neue Anwendungen für unseren Alltag zu entwickeln", sagt Baudin. Sie erzählen Zeitgeschichte. Der Garden Egg Chair von Peter Ghyczy - ein Plastik-Ei, das sich zu einem Gartensessel aufklappen lässt - ist geradezu beispielhaft für seine Entstehungszeit 1968. "Wir waren für eine kurze Periode von 1968 bis 1972 sehr euphorisch, was den Einsatz von Kunststoffen anging. Dann kam die Ölkrise und die Begeisterung endete schlagartig. Mein Glaube an Kunststoff verschwand, ich habe mich Holz und Glas zugewandt", erzählt der Designer, der heute in der Nähe von Venlo lebt.

Spannend ist die Ausstellung auch, weil sie die neuen Sammlungsstücke ergänzt mit älteren Exponaten. Zum Beispiel: Jérôme Gauthiers Sitzkissen und Tischchen für ein japanisches Restaurant (von 2005) fügen sich farblich und stilistisch perfekt in die Reihe japanischer Holzschnitte aus dem Museumsbestand. Die Grenze von Handwerk und Kunst darf in jedem Raum neu diskutiert werden. Diese Ausstellung wird von der französischen Botschaft und dem Institut Francais unterstützt.

Die Eröffnung der Doppel-Ausstellung beginnt heute um 19 Uhr, im Kaiser-Wilhelm-Museum, Joseph-Beuys-Platz.

(RP)