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Verhaltener Start für Krefelds Einzelhandel nach Lockerung der Einschränkungen

Geschäfte öffnen wieder : Verhaltener Start für Krefelds Einzelhandel

Die Kundschaft zeigte sich am Tag eins der Lockerung der Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie sehr diszipliniert. Die Stadt war deutlich voller als in den vergangenen Wochen. Der große Run auf die Geschäfte blieb aber aus.

CITY Die Innenstadt lebt wieder. Schon am Vormittag füllt sich die Hochstraße mit Menschen, die vor den Geschäften im angemessenen Abstand Schlangestehen oder Einkauftstüten mit neuer Kleidung tragen. „Frühjahrsmode ist jetzt gefragt“, sagt Anja Lache, die rund um die Königstraße die Läden Marc O’Polo, Tommy Hilfiger, März und Rigby & Peller betreibt. „Und zwar alles: Kleidung, Strick, Schuhe, Hosen. Das gesamte Sortiment ist gefragt.“ Und dabei darf es auch chic sein. Casual fürs Homeoffice möchte niemand. Die Lust auf Luxus ist es nicht mal, die die Menschen in die Läden treibt, eher die Sehnsucht nach der Normalität. Besonders exklusive Duftwässerchen machen in der Parfümerie Pieper nicht das Gros aus. „Viele Stammkunden kommen. Es ist keine große Beratung notwendig. Sie kaufen, was in den vergangenen Wochen ausgegangen ist“, berichtet Belinda Arians, stellvertretende Fillialleiterin.

Den Sicherheitsabstand wahren alle, sogar wenn es um Dessous geht. „Es ist schwierig, aber wir achten sehr darauf. Zum Glück haben wir gutes Augenmaß und können auch auf Abstand sehen, ob ein BH passt“, sagt Agathe Schwarz von Dessous-Moden Heinen. Luxuswäsche hat sie am ersten Tag verkauft, aber die erste Nachfrage war nach einem Gartenkleid - weil man halt daheim bleibt.

In der Krefelder Innenstadt war es abseits der Hochstraße schon deutlich ruhiger. Das Foto zeigt die Kleinsche Buchhandlung an der Rheinstraße. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Auch der Buchhandel hat zu tun. „Wir haben zwar am Telefon viel beraten und über Bücher erzählt, aber es ist halt schöner, wenn man ein Buch in der Hand halten kann“, sagt Sabine Schütz von der Klein’schen Buchhandlung. Das online und Lieferangebot aber werde weiter genutzt „vor allem von Älteren, die noch unsicher sind, in gEschäfte zu gehen.“

Sowohl in der Carré-Modeboutique in Fischeln als auch bei Ernstings Family war gestern gut Betrieb. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Christoph Borgmann von der Interessengemeinschaft Königstraße sagt: „Alle Kollegen sind auch froh, dass sie sich wieder darstellen können. Auch wenn es keine Schlangen vor den Türen gibt: Die Leute können wieder Waren anfassen und anprobieren. Und die Stimmung in der Stadt ist nicht mehr so gespenstisch wie vergangenen Woche.“

Eine Andeutung von Belebtheit gab es in Hüls zu sehen, wo einige Kunden mit dem Rad und zu Fuß ihre Einkäufe erledigten. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Fischeln: Die Kölner Straße in Fischeln ist am späten Montagmorgen recht belebt. Fast alle Geschäfte haben wieder geöffnet. Doch nur einige sind auch gut besucht. Als „verhalten“ bezeichnen die meisten Inhaber oder Angestellten das Kundenverhalten am ersten Tag nach Ende des Shutdowns. Karl-Heinz Hafels vom gleichnamigen Raumausstattungs- und Lederwarengeschäft, berichtet, dass Kunden sich zunächst telefonisch erkundigten, ob das Ladengeschäft wieder geöffnet sei. „Es muss bei den Menschen erst ankommen, dass offen ist“, sagt er. Er rechnet damit, dass es Zeit braucht, bis „alle wieder wissen, wie sie dran sind“. Vielen Kunden hätten nun sicherlich auch erst mal andere Einkaufs-Prioritäten. Im Juweliergeschäft Ada habe es am Montagmorgen noch keine Kaufkunden gegeben, jedoch Nachfrage nach Reparaturen und Batteriewechseln, berichtet Verkäufer Fritz Wendling. Anders sieht es in den beiden Modegeschäften aus: Sowohl in der Carré-Modeboutique als auch bei Ernstings Family ist gut Betrieb. „Die Leute freuen sich unglaublich, dass wieder offen ist“, sagt Selin Cetinkaya von Carré. Einige Stammkunden seien schon da gewesen und hätten nach sommerlicher Mode geschaut. Die Verkäuferinnen bei Ernstings Familiy berichten, die Kunden seien sehr diszipliniert und würden sich an die Abstandsregeln halten.

Uerdingen: Mehr Passanten als in den Vorwochen waren gestern zu sehen. Nicole Kusch hat den Eingang ihres Wollgeschäfts auf der Niederstraße zu einer Durchreiche für die Käufer von Wolle und Strickzubehör umgestaltet. Im Inneren der Ladengeschäfte haben die Inhaber mit viel Fantasie den Boden markiert, um der der Zehn-Quadratmeter-pro-Kunden-Lösung zu entsprechen.

„Auch unser Einzelhandel blickt optimistisch und mit Macherenergie auf die schwer einschätzbare Situation“, sagt Matthias Rutkowski vom Uerdinger Kaufmannsbund. In enger Zusammenarbeit mit dem Einzelhandelsverband bietet der Kaufmannsbund seinen Händlern eine tägliche Beratung an. Von gedämpften Erwartungen spricht Reinhard Hasler, dessen inhabergeführtes Schuhgeschäft seit 62 Jahren im Hause Oberstraße 33 besteht. Die weitverbreitete Angst vor der Abwanderung der Kunden ins Internet teilt er nicht: „Unsere Kunden sind eher in mittlerem Alter. Die bestellen nicht im Netz.“

„Wir sind einfach froh, wieder arbeiten zu dürfen“, bekennt Evelyn Lohmar, die mit ihrem Mann Ulrich Lohmar das Juweliergeschäft Holtermann an der Niederstraße 69 betreibt. Ulrich Lohmar wünscht sich, dass dieser erste Schritt in die Normalität weitere nach sich zieht. Vermehrt fragen Kunden telefonisch an, ob das Geschäft geöffnet sei; so auch das junge Paar, das an diesem Morgen nach Trauringen schaute. „Die Kunden sind ganz entspannt“, hat Lohmar erkannt, „aber viele wünschen sich wieder einen geregelten Ablauf des Tages. Die Leute hier verlangen nach Normalität. Ein ungeregelter Alltag verstört sie.“

Marcel Gentges vom Technik-Service Gentbaum in der Niederstraße 40a blickt mit einem weinenden und einem lachenden Auge auf den Umstand, dass der Strom der Kunden nur mühsam in Gang gekommen ist. Kurzarbeit und ein unsicherer Arbeitsplatz veränderten das Käuferverhalten. Junge Leute haben früher ihr Handy weggeworfen, um Platz für ein neues zu schaffen. Dies unterbleibt nun in Zeiten der Ungewissheit. Ältere Menschen kämen dagegen und ließen ihr altes Handy reparieren.

Hüls: Die meisten Einzelhändler sind erleichtert, dass sie ihre Geschäfte wieder öffnen dürfen. „Gerade jetzt in der Zeit, in der mein Laden fünf Wochen geschlossen war, habe ich gemerkt, wie sehr ich den Kontakt mit meinen Kunden vermisst habe“, berichtet Renate Gerks von „Gerks Moden“. Ihre Kunden haben den ganzen Morgen angerufen, um zu erfahren, ob sie wieder in ihrem Geschäft anzutreffen sei. „Ich hätte fast neben dem Telefon stehen bleiben können“, erzählt sie. Die Frequenz im Laden sei „ok“ gewesen und jeder habe sich sehr diszipliniert verhalten.

In anderen Geschäften fällt die Bilanz ähnlich aus: Erleichterung über die Wiedereröffnung und vorbildliche Kunden. Anneliese Fimmers desinfiziert die Hände ihrer Kunden in ihrem Modeatelier am Eingang. „So wie vor Corona kann es aber nicht wieder werden“, fürchtet sie. Wenn die Kunden den Laden verlassen haben, reinigt sie sorgfältig die Türklinke.

Marion Carabini eröffnet ihren Laden „Marion’s Shabby Chic“ für Kleinmöbel noch nicht wieder – sie hat Asthma und will kein Risiko eingehen. Um dennoch etwas zu verkaufen, können die Möbel bei ihr telefonisch bestellt werden.Claudia Hass bietet am Eingang ihres „Deko, Schenken und Mehr“ Handschuhe und Desinfektionsmittel an. „Am Ende sind wir doch alle einfach nur froh, dass wir wieder öffnen dürfen“, sagt sie.