Serie Denkmalschutz: Verdruckstes Gedenken

Serie Denkmalschutz: Verdruckstes Gedenken

Die Untere Denkmalbehörde prüft, ob die Reste der De-Greiff-Säule denkmalwürdig sind. Die Expertise der Denkmalschützer macht deutlich, wie verdruckst und darin auch rücksichtslos die Nachwelt mit den Resten der Säule umgegangen ist.

Von dem einst stattlichen Denkmal für Cornelius de Greiff sind nur Reste übriggeblieben. Nun könnte es einen neuen Impuls für den Wiederaufbau geben: Die Untere Denkmalbehörde prüft, ob die Überbleibsel denkmalwürdig sind, und hat dazu eine packende Expertise über die Geschichte der Säule, ihre Zerstörung und die Versuche des Wiederaufbaus verfasst.

Eine Facette: De Greiff hat der Stadt in seinem Testament umgerechnet 15 Millionen Euro vermacht, damals 466.000 preußische Taler. Zum Vergleich: Um 1850 betrug der Monatslohn eines Webers rund zehn Taler.

Foto: Stadtarchiv Krefeld

Als de Greiff 1863 starb, galt er als Geizhals, Hagestolz und Sonderling, der nicht viel für die Stadt übrighatte. Umso größer war die Überraschung, dass er der Stadt ein Vermögen vermachte und - als Mennonit -unparteiisch viele, auch katholische soziale Institutionen bedachte. Schon 1865 wurde ihm zu Ehren auf dem Ostwall eine Gedenksäule errichtet - in Höhe der Wilhelmstraße in der Sichtachse zum Rathaus. Schmonzette am Rande: "Ein Standbild wurde angesichts der Physiognomie des Verstorbenen verworfen", heißt es in der Expertise des Denkmalschutzes - de Greiff war offenbar keine Schönheit und nicht büstentauglich.

Die Gedenksäule für ihn war 15 Meter hoch. Auf einer Basaltbasis stand ein fünf Meter hoher Sockel aus Sandstein und Basalt. Der darauf stehende Säulenschaft war sechs Meter hoch und bestand aus schlesischem Marmor. Es folgte ein Kapitell aus Sandstein und dann die markante Darstellung des Sagenvogels Greif aus dem Wappen der Familie. Der Vogel war 2,50 Meter hoch und bestand aus einfachem Zinkblech.

1976: der Säulenschaft des De-Greiff-Denkmals in einem stufenförmig abgesenkten Becken. Auch diese Variante wurde wieder verworfen. Foto: Stadtarchiv Krefeld

Bereits 1876 fielen erste Beschädigungen auf, die auf die steigende Luftverschmutzung oder Konstruktionsmängel zurückgingen. 1907/08 wurde das Denkmal saniert: Der Marmorschaft wurde durch bayerischen polierten Granit ersetzt, der Vogel aus Kupferblech neu gearbeitet, der Sockel mit Girlanden und Löwenköpfen verziert.

Beim Bombenangriff auf Krefeld 1943 wurde auch die De-Greiff-Säule zerstört. Übrig blieben Trümmer, der Schaft und zwei Basaltblöcke aus Sockel und Kapitell. Die Reste wurden auf einem städtischen Betriebshof gesichert. Alles, was Bronze an dem Denkmal war, war schon während des Krieges eingeschmolzen worden. Die Vogelfigur verschwand spurlos.

Modell der De-Greiff-Säule. Foto: RP-Archiv. HDS

Mitte der 50er Jahre gab es erste Bestrebungen, das Denkmal wiederzuerrichten. Nach langer Debatte entschied man sich für einen Entwurf des Hochbauamtes. Die im Amt erstellte Rechnungsliste enthielt übrigens einen Betrag über 250 Mark als Skizzengeld für Joseph Beuys.

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Dieser Entwurf war ästhetisch und denkmalschützerisch eine Katastrophe. Der Schaft wurde gesandstrahlt, der polierte Granit bekam also eine stumpfe Oberfläche. Dabei ging Material verloren - aus heutiger Sicht ein Sakrileg an historischer Substanz. Die Säule wurde mit einer Simpel-Krone aus Kupfer bestückt. Das Ganze fiel bei der Bürgerschaft mit Hohn und Spott durch. Nach sieben Monaten wurde der Gedenk-Murks in einer Nacht- und Nebelaktion wieder abgebaut.

1976 beschloss der Rat einen weiteren Versuch einer Neu-Aufstellung: Der Schaft wurde nun in einem stufenförmig abgesenkten Becken neben der Dionysiuskirche installiert. Erneut wurde die Oberfläche gesandstrahlt; es gab keine Hinweistafel - wieder fiel das Urteil vernichtend aus; wieder wurde das Ganze als Murks zurückgebaut.

1980 gab es noch eine Debatte um die Säule, die aber im Sande verlief - auch deshalb, weil Rekonstruktionen historischer Bauten in jener Zeit als Geschichtsklitterung obsolet erschienen. Die noch kümmerlicher gewordenen Reste des Denkmals lagern seitdem auf einem Betriebshof der Stadt. Mittlerweile ist die Zeit eine andere: Nach dem bewegenden Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche, nach der Rekonstruktion des Berliner Schlosses und dem beginnenden Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche ist die Diskussionslage eine andere.

Es gibt eine neue Wertschätzung des Entwurfs. Nicht das reale Gebäude, sondern die architektonische Idee wird demnach als wertiger Kern und wahre Identität eines Bauwerks gesehen - damit relativiert sich der Vorwurf, dass ein Wiederaufbau minderwertig und quasi eine Fälschung sei.

Die Expertise zeigt einmal mehr auch dies: Seit mehr als sieben Jahrzehnten schwelt der Wunsch, die Säule wieder aufzubauen. Vielleicht ist es Zeit, den Gedanken der historisch getreuen Rekonstruktion aufzugreifen. Die verdrucksten Versuche der Vergangenheit verliefen ja nach dem bekannten Motto aller Verdruckstheit: Mögen täten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut.

Nur die originalgetreue Rekonstruktion wäre spektakulär, nur sie würde eine historische Wunde symbolträchtig schließen. Erfüllt wäre auch ein wichtiger Aspekt bei allen Rekonstruktionen der jüngeren Vergangenheit: Es ging um Widerspruch gegen die zerstörerische Kraft der Geschichte, aber auch um die Bedeutung für die Gegenwart. De Greiffs Testament war ein Akt des Gemeinsinns von historischem Ausmaß. Daran in einer freien Bürger-Gesellschaft zu erinnern ist keine Geschichtsklitterung, sondern eine Art Lebensversicherung für die kollektive Identität.

(RP)