Krefeld: Verborgene Schönheit im Süden

Krefeld: Verborgene Schönheit im Süden

Stadtrundgang mit zauberhaften Anekdoten des Südbezirks: Zum Beispiel, wie Fritz Walter einen Supermarkt eröffnete.

Der Südbezirk ist einer der Stadtteile, die üblicherweise nicht im Rampenlicht stehen. Und wenn, dann geht es zumeist um soziale Probleme oder Schrottimmobilien. Doch Martin Schiffmann verlor bereits als Kind sein Herz an die Gegend, die er liebevoll als "Schmuddelecke Krefelds" bezeichnet. Gemeinsam mit dem Werkhaus Krefeld veranstaltet der 49 Jahre alte Maschinenbautechniker nun Führungen durch den Bereich jenseits des Bahndammes und stellt interessierten Bürgern in Führungen das Dreieck zwischen Kölner-, Gladbacher Straße und Obergath vor.

Foto: Sven Schalljo

Teil zwei seiner Führungsreihe entlang der Gladbacher Straße vom Kreisverkehr zwischen Gladbacher und Obergath, bis hin zum Helios-Klinikum fand am vergangenen Samstag statt. 22 Interessierte fanden sich ein, um trotz Temperaturen um den Gefrierpunkt und eisigem Wind den Ausführungen des gebürtigen St.Tönisers, dessen Großeltern im Südbezirk wohnten, zu lauschen. Erster Punkt der Reise durch die Vergangenheit war der Kreisverkehr selbst. Hier nämlich stand der alte Wasserturm. Dieser sollte ursprünglich in der Mitte des Rondells stehen bleiben. Doch es gab Streit um die Nutzung und als ein Gastronom, der auch Bordelle betrieb, ihn erwarb und damit drohte, ein Rotlichtetablissement einzurichten, kauften die Stadtväter ihm die Immobilie zum dreifachen Kaufpreis ab und sprengten sie im Jahre 1974. "Ich bin bis heute der Meinung, dass dies unnötig war und man den Turm hätte erhalten sollen", beharrt Schiffmann, der auch Fotos von der Sprengung herumzeigte.

Foto: Sven Schalljo

Weiter ging es zur Ulmenstraße, die die allererste reine Arbeitersiedlung Krefelds darstellte. Unterwegs erzählt Schiffmann vom Gebiet jenseits der Gath. Dieses gehörte bis 1929 und der Eingemeindung nicht zu Krefeld, sondern zu Fischeln. Dazu zählte auch das schon damals so benannte Krefelder Stahlwerk, das eben zunächst gar nicht in Krefeld lag, oder die Grundstücke unmittelbar südlich der in den 70ern neu gebauten Südtangente über Unter- und Obergath und Gladbacher Straße. Hier waren einst so genannte Schönfärber ansässig, die alte Kleidung immer dunkler färbten, um sie weiter nutzbar zu machen, wenn sie fleckig wurden. Die verwendeten Chemikalien verschmutzten den Boden und stellten ein großes Problem dar.

Schiffmann berichtete dann, die Häuser der Ulmenstraße hätten bis in die späten 50er Jahre keine Toiletten besessen. Arbeiter, die nur höflich nachfragten, ob eine Nachrüstung möglich sei, seien sofort entlassen und der Häuser verwiesen worden. Erst nach Schließung der Krefelder Baumwollspinnerei 1971 seien alle Häuser geräumt und aufwendig saniert worden.

Weiter ging es über die Spinnereistraße. Hier erzählte Schiffmann, der auf jede Frage erschöpfend zu antworten versteht, von der bewegten Geschichte der Industriellenfamilie Dilthey, die den Bezirk geprägt und sich für ihre Arbeiter eingesetzt hätte. Als sie das Geschäft an die Gronauer Familie van Delden verkauften und diese den Betrieb schloss, hätten, so erzählt Schiffmann, die türkischen Arbeiter nicht einmal eine Abfindung bekommen. Das Argument: Sie könnten ja umziehen und im Stammwerk in Gronau arbeiten. Weiter ging es über die Regenbogenschule, deren Uhr noch heute die Zeit des Bombardements im Juni 1943 zeigt, als sie beschädigt und als Mahnmal nicht repariert wurde, den REWE-Markt an der Lehmheide, bei dem zur Eröffnung Fritz Walter eine Autogrammstunde gab und das Stamm-Ladenlokal der ehemaligen Bäckereikette Sperling an der Ecke Gladbacher- und Vennfelder Straße zur alten ehemaligen Puddingfabrik Köhnen & Co. auf der Gladbacher Str. 215.

Anekdoten zur Geschichte der benachbarten Martinskirche - einer von nur zwei Kirchenneubauten in Krefeld zwischen den Weltkriegen neben der Herz-Jesu-Kirche - und dem Bunker an der Seyffardtstraße, dem einzigen im ganzen Südbezirk, folgten. "Die Tatsache, dass es für die ganze Gegend nur einen Bunker gab, zeigt, wie gering der Stellenwert des Stadtteils war. Mehr wollten die Verantwortlichen den Menschen hier nicht zugestehen", berichtet Schiffmann.

Es folgt der Emil de Greiff-Stift auf der Märklinstraße, benannt nach Krefelds erstem Kinderarzt. Der Stift sei das älteste noch stehende Kindergartengebäude der Stadt. Schließlich endete die Führung am Heliosklinikum mit Geschichten zu den Schwesternwohnheimen und der Lutherkirche, deren Spitze übrigens während des Krieges, aber durch einen Sturm beschädigt und nie repariert worden sei. So ging nach über drei Stunden eine interessante Führung zu Ende, deren dritter Teil am 3. März ansteht.

(RP)