Unjubelte Premiere von "Szenen einer Ehe" in Krefeld

Theater Krefeld : Sie lieben und sie schlagen sich - Szenen einer Durchschnittsehe

In sechs Szenen beschreibt Ingmar Bergman alle Aggregatzustände einer Beziehung. Esther Keil und Bruno Winzen liefern einen grandiosen Parforceritt mit berührenden Momenten.

Jede Liebe endet unglücklich. Allein ihr Ende ist ein Unglück. Aber es bietet Heerscharen von Lyrikern und Liedermachern Stoff für die schönsten melancholischen Zeilen. Bei Ingmar Bergman kommt das Unglück deutlich vor dem Ende, wenn es denn überhaupt ein Ende gibt. Seine „Szenen einer Ehe“ sind prosaische Betrachtungen aus dem Alltag. „Das Opus zu schreiben, hat mich drei Monate gekostet; es zu durchleben, eine ziemlich lange Zeit“, hat er im Mai 1972 gesagt. Da hatte er eine mehrjährige Beziehung mit der Schauspielerin Liv Ullmann hinter sich und war gerade zum fünften Mal verheiratet. Der Mann kennt sich aus mit Gefühlskrisen.

Diesen Eindruck hatte auch das Publikum bei der Premiere von „Szenen einer Ehe“ im Theater. Jede Menge „Ähä“, „Ja klar“, „Natürlich“-Kurzkommentare aus dem Parkett begleiteten die Handlung. In sechs Szenen schildert Bergmann die zunehmende Zerrüttung eines augenscheinlich glücklichen Paares mit Sätzen, die jeder in seiner Beziehung schon einmal gehört oder gesagt hat.

Das Paar geht auf Distanz. Er packt die Koffer und will zu seiner Geliebten. Foto: Matthias Stutte

Das Paar hat sich eingerichtet mit weißen Einbaumöbeln, in denen alles verschwindet, was zum Leben gerade nicht gebraucht wird. Marianne (Esther Keil) und Johan (Bruno Winzen) sind Leute von nebenan, die im gehobenen Allerwelts-Chic gekleidet sind (Kostüme: Petra Wilke). Beide sind geübt in der Kunst des Untern-Teppich-Kehrens. Beim gemütlichen Kaminabend lässt er eine Tirade seiner Vorzüge los, während ihr zur eigenen Beschreibung nur einfällt, dass sie mit ihm verheiratet ist und sich nach nichts sehnt außer nach dem Sommer. Kurz darauf sagt sie zum ersten Mal, dass sie gar nicht genau weiß, wer sie ist.

Lange haben sie alles geschluckt. Jetzt brechen sich die Aggressionen handfest Bahn. Foto: Matthias Stutte

Gabriele Trinczeks  Bühnenbild ist für das komplexe Gefühlschaos maßgeschneidert: Alles, was stört, lässt sich wegsperren und wird unsichtbar. Es ist ein minimalistisch designter, geräumiger weißer Kasten auf der großen Bühne  – ohne Tür und ohne Fluchtöffnung für die Akteure. Regisseur Matthias Gehrt lässt den Schauspielern Raum, den sie in jedem Moment füllen. Unpathetisch und doch leidenschaftlich, wütend, verzweifelnd und kämpferisch demonstrieren sie die Zerbrechlichkeit ihrer Welt. Sie können nicht mehr mit und noch nicht ohne einander. Johans Liebe zu einer anderen Frau ist der Wendepunkt. Esther Keil zeigt alle Windungen der verratenen Frau, die sich erniedrigt, um am Mann festzuhalten und dabei gleichzeitig einen letzten Funken Würde wahren will. Das ist so untheatralisch traurig, dass man auf ihrer Seite sein muss. Doch auch Winzen zieht alle Gefühlsregister, wütet, um sich aus zu lang ausgehaltener Starre zu befreien, biegt und windet sich zwischen dem Reiz des Neuen und der Angst, das Vertraute zu verlieren.

Die andere Frau bringt kein Glück. Nach einem Jahr ist Johan privat und beruflich gestrandet, aber Marianne hat inzwischen den Geschmack von Freiheit erfahren. Die Gewichtung in der Beziehung kippt. Fast unmerklich hat derweil die angestaute Aggression den letzten Rest gegenseitigen Respekts gefressen. Jetzt wird es auch physisch brutal. Erst nach Jahren der Trennung reden beide wieder miteinander und erlangen ein fragiles Gleichgewicht. Vielleicht eine vorsichtige Annäherung.

Der Abend ist Schauspielertheater von höchster Qualität und macht deutlich, warum Bergmans Verfilmung ein Straßenfeger war. Auch nach 47 Jahren zieht der Stoff noch.

Weitere Termine: 25. und 29. Juni, 3., 7., 12. und 14. Juli. Kartentelefon 02151 805125.
Dauer zwei Stunden, 15 Minuten, eine Pause.

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