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Krefeld: Überwältigendes Interesse an Debatte um Zukunft des Seidenweberhauses

Krefeld : Überwältigendes Interesse an Debatte um Zukunft des Seidenweberhauses

Überraschend viele Bürger plädieren offensiv für den Erhalt, während die Experten mit dem Bau meist hart ins Gericht gehen. Zwei zeitgleiche Veranstaltungen von CDU und SPD stießen auf großes Publikumsinteresse.

In Krefeld zeichnet sich eine Kluft zwischen Bürgerschaft und Expertenmeinung zur Zukunft des Seidenweberhauses ab. Während Architekten mit dem Gebäude hart ins Gericht gehen, sprechen sich überraschend viele Bürger überraschend klar für den Erhalt des Komplexes aus. Dies ist jedenfalls der Eindruck, den man nach den beiden ersten großen Diskussionsveranstaltungen zum Thema haben kann. CDU und SPD haben zeitgleich zu hochkarätig besetzten Podiumsdiskussionen eingeladen; beide Veranstaltungen stießen auf überwältigende Resonanz.

Die SPD hatte in den Südbahnhof eingeladen - auch er war brechend voll. Links im Bild SPD-Parteichef Frank Meyer, etwas rechts von ihm SPD-Fraktionschef Ulrich Hahnen. Foto: Thomas Lammertz

Bei der CDU, die ins Seidenweberhaus eingeladen hatte, war die Expertenmeinung eindeutig. Architekt Rainer Lucas berichtete als Vorsitzender des Gestaltungsbeirates der Stadt vom einstimmigen Votum des Gremiums, das da lautete: Abreißen. Das Gebäude sei wenig einladend, die Zugänge seien nicht erkennbar, es durchbreche Sichtachsen und "korrespondiert nicht mit den Netzwerken der Innenstadt"; laut Lucas müsste es eigentlich entlang des Ostwalls stehen und sich zur Stadt hin öffnen - so aber stehe es schlicht an der falschen Stelle. Da die hexagonale Struktur starr ist, helfen laut Lucas auch keine kosmetischen Eingriffe.

Im Saal hatte er damit keine Chance: Die meisten Stimmen plädierten für den Erhalt, wobei ein Mann vorschlug, das Ganze mit Kommunalobligationen zu finanzieren: 50 000 Krefelder müsste je 1000 Euro zeichnen, rechnete er vor. Auffällig war aber: Das Plädoyer pro Seidenweberhaus war meist nicht getrieben von finanziellen Erwägungen, sondern von der Sorge, wieder etwas in Krefeld abzureißen, das eine bestimmte Epoche widerspiegele. "In Krefeld wird zuviel abgerissen", brachte es eine Frau unter Applaus auf den Punkt.

Für die CDU erklärte Fraktionschef Philibert Reuters, seine Fraktion diskutierte ergebnisoffen - nur darin sei man sich einig, dass Krefeld eine solche Halle brauche. Dennoch ließ er Sympathie für den Erhalt erkennen. "Ich war angenehm überrascht, wie viele Krefelder mit Liebe zu diesem Haus stehen. Je länger ich mich hier aufhalte, umso mehr habe ich dieses Haus schätzen und lieben gelernt." Dafür erntete auch er Applaus. Am Vortrag von Jürgen Wettingfeld, dem planungspolitischen Fachmann der CDU, wurde deutlich, dass der Blick aufs Geld kein eindeutiges Urteil erlaubt: Eine Sanierung mit leichten ästhetischen Korrekturen würde demnach nicht viel weniger, möglicherweise sogar mehr kosten als ein Neubau.

Oberbürgermeister Gregor Kathstede brachte in seinem Vortrag eine Tunnellösung für die St.-Anton-Straße ins Gespräch. Hintergrund: Zentrales städtebauliches Problem sei, dass der Theaterplatz durch die stark befahrene Straße von der Innenstadt abgeschnitten werde. Er wisse, betonte Kathstede, dass ein Tunnel eine Vision sei, aber, so sagte er auch, "ich bin nicht krank"; auch in Düsseldorf sei sicher dem ersten, der die Tunnellösung für die Rheinuferstraße vorgeschlagen habe, der Gang zum Arzt empfohlen worden. Ein Aspekt wurde nur am Rande erwähnt: die Drogenszene. Ein Mann fragte, wie sich auf dem Theaterplatz etwas zum Besseren wenden soll, wenn dort weiter die Drogenszene residiert - eine Antwort bekam er nicht. Es werde der Stadt nicht gelingen, ohne Drogenszene zu sein, sagte Reuters. Im Südbahnhof waren die Meinungen nicht so eindeutig verteilt. Der 70er-Jahre-Bau sei damals unter Vorzeichen errichtet worden, die keine Gültigkeit mehr hätten, erklärte Planungsdezernent Martin Linne. Nachdem sich mit den Neubauten rund um den Theaterplatz das Umfeld verändert habe (ein Aspekt, den auch Oberbürgermeister Kathstede betont hatte), wirke das heruntergewirtschaftete Seidenweberhaus wie ein Fossil. Der Theaterplatz benötige eine neue Fassung, eine Öffnung zur St. Anton-Straße müsse bleiben. Von der Möglichkeit, mit einer Minimalsanierung dem Baukörper noch ein wenig Zukunft zu verschaffen, riet Linne ab. Dies sei zu wenig wirtschaftlich und verbessere das Gesamterscheinungsbild nicht.

Für Architekt Piet Reymann, der für die Stadt eine Machbarkeitsstudie erstellt hatte, leidet der Theaterplatz unter fehlender Vernetzung mit der Innenstadt, einer diffusen Zugangssituation und einer schroffen Architektursprache (dies hatte auch Lucas bei der CDU sinngemäß so vorgetragen). Reymann schlägt vor, das Seidenweberhaus zur Mediothek hin zurückzubauen, um die Sichtachse von der Carl-Wilhelm-Straße zum Ostwall hin wieder zu öffnen - Blickpunkt könne die De-Greiff-Säule sein. Reymann plädierte für eine Verbreiterung des Durchganges durch das Seidenweberhaus in der Sichtlinie der Lohstraße. Zum Ostwall hin sollte ein Hotelbau entstehen, mindestens aber ein ebenerdiger Glasbau, der als Markthalle oder Veranstaltungsbühne dienen könne.

Reymann kritisierte zudem die die Beleuchtung des Platzes und möchte die verwinkelten Treppen begradigen, um die Nischen zu beseitigen, die als "nutzlose Angsträume" empfunden werden und die Ursache für "die unangenehmen Gerüche" seien, über die sich viele beklagten. Seine Ausführungen wurden mehrfach von spontanem Beifall begleitet.

Die Publikumsdiskussion ergab ein differenziertes Bild. Es gab Sympathien für die Reymann-Vorschläge und Vorstöße für einen Neubau (weil am Ende in etwa so teuer wie eine Sanierung mit Aufwertung). Es gab aber auch Stimmen, die einen Neubau als zu teuer kritisierten. Als Problem wurde in der Debatte auch die St.-Anton-Straße mit ihrem überstarken Verkehrsaufkommen empfunden - dies sei eine Grenze der Innenstadt, die man nur höchst ungern überquere.

Wie die CDU betonte auch die SPD, die Zukunft des Seidenweberhauses ergebnisoffen zu diskutieren. SPD-Chef und Bürgermeister Frank Meyer, der den Abend moderierte, wollte sich im derzeitigen Stadium der Überlegungen weder für einen Neubau noch für einen Umbau festlegen: "Politik muss tiefer in alle Möglichkeiten hineinschauen und Schnellschüsse vermeiden. Unsere Entscheidung wird das Stadtleben über eine lange Zeit hinweg prägen."

(RP)