Kolumne KR wie Krefeld : Unsere „No go-areas“

Bei einer Architektur-Tagung Köln war auch das Seidenweberhaus Thema. Am Ende ging es auch um die Kapitulation einer Bürgergesellschaft vor Leuten, die eine Stadt als ihren Mülleimer betrachten.

Bei einer Tagung in Köln am Donnerstag zum Thema Nachkriegsarchitektur war auch das Seidenweberhaus ein Thema. Die Krefelder Veranstaltungshalle aus dem Jahr 1976 steht bekanntlich auf der Liste der bedrohten „Betonmonster“, die im Zuge einer Ausstellung über den Baustil des Brutalismus im Frankfurter Architekturmuseum erstellt wurde (wir berichteten). Zum Abschluss des Tages gab es eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Tausendfüßler, Laubfrosch und andere Charakter-Monster: Das Erbe der Nachkriegsmoderne in der Europäischen Stadt.“ Unter anderem nahm der Kurator der Frankfurter Brutalismus-Ausstellung, Oliver Elser, teil. Auch ich war als Diskutant geladen - zum einen, weil ich eine kritische Auseinandersetzung mit der Frankfurter Ausstellung geschrieben habe, zum anderen, weil ich - anders als die meisten im Tagungssaal - für den Abriss eines „Charakter-Monsters“ plädierte: des Seidenweberhauses.

Die Argumente für den Erhalt waren ähnlich denen, die bei den Debatten in Krefeld zu hören waren: Nicht schon wieder ein Gebäude abreißen, das mittlerweile zur Identität Krefelds gehört. Das vielleicht in zehn Jahren anders, nämlich überwiegend wertschätzend beurteilt wird. Das nicht für seinen erbärmlich-stinkenden Zustand verantwortlich ist. „Putzen und nutzen“ lautete eine mehrfach zitierte Parole. Die Kunsthistorikerin und ehemalige Kölner Stadtkonservatorin Hiltrud Klier bescheinigte dem Seidenweberhaus gar „unendlich schöne“ Facetten und behauptete, es habe in den 70er Jahren in Krefeld eine Debatte um den Abriss des Kaiser-Wilhelm-Museums gegeben – sie mahnte damit Misstrauen in Abrissgelüste an.

Die Argumente für den Abriss sollen hier nicht wiederholt werden; es mag genügen zu sagen: Die Forderung, Architektur wie das Seidenweberhaus nicht einfach freizusprechen von den Problemen, die eben auch das Gebäude als solches stiftet, fand wenig Widerhall.

Es gab nun eine Stellungnahme, die ein Generalproblem in vielen Städten ansprach und beklagte. Der in Köln lebende Künstler Merlin Bauer, der die in Köln bekannte und beliebte Kampagne „Liebe deine Stadt“ ins Leben gerufen hat, beklagte die grassierende Verwahrlosung öffentlichen Raums und machte dafür Egoismus, Narzissmus und mangelnden Respekt vor öffentlichem Eigentum verantwortlich. Vor allem beklagte er, dass die Stadtgesellschaft, die Kommune, der Staat oder wen man sonst als Subjekt eines solchen Handelns benennen möchte, keine Antwort auf diese Verrohung im Umgang mit Architektur findet. Er sagte – wohl weil unausgesprochen die Frage nach Repressalien gegen solches Verhalten im Raum stand – fast entschuldigend, er stehe für eine liberal-freiheitliche Demokratie. Es gab am Ende kein Ergebnis, nur Ratlosigkeit.

Auch Krefeld kennt solche Beispiele. Das Seidenweberhaus, klar, oder den Schinkenplatz, der mit Bänken und Beeten schöngemacht wurde, bis die Bänke wieder abgebaut wurden, weil sich dort eine Trinkerszene angesiedelt hatte. Eine Stadt kapituliert: Die Polizei ist nicht zuständig, der Ordnungsdienst nicht da; was bleibt, sind Müll, Urin, Scherben und Angst vor einem hässlich besetzten Ort. So bilden sich in jeder Stadt „Mini-no-go-areas“, also Orte, um die man ein Bogen macht. Wenn eine Gesellschaft darauf keine Antwort findet, muss man sich über verödende Architektur ebenso wenig wundern wie über Menschen, die eine Stadt als ihren Mülleimer betrachten.

So erzählt das Seidenweberhaus zum einen von umstrittener Architektur, zum andern von vielen kleinen Kapitulationen einer Gesellschaft.

(vo)
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