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Trauer um den Krefelder Lachsack

Nachruf : Trauer um den Krefelder Lachsack

Josef Alberts war in Krefeld bekannt wie ein bunter Hund, schaffte es immer wieder, Menschen und Medien zu fesseln. Dabei kämpfte er mit schweren Depressionen. Wenn er lachte, dann lachte er immer auch um sein Leben. Ein Nachruf.

Die Nachricht verbreitete sich bei Facebook und rief Bestürzung und Anteilnahme hervor: Josef Alberts alias der Krefelder Lachsack ist tot. In Krefeld kannte man ihn von etlichen Stadtfesten und anderen publikumsträchtigen Gelegenheiten, auch bei Sportereignissen war er Dauergast am Spielfeldrand. Riesige bunte Brille, schrilles Kostüm, lauthals losbrechendes Lachen: Das waren seine Markenzeichen. Hinter dieser bunten Außenseite steckte ein Mensch, der an Depressionen litt und um sein Leben kämpfte: Er hat freimütig von Suizidversuchen gesprochen und berichtet, wie er sich oft und oft aus dem schwarzen Sog der Krankheit herausarbeiten musste. Er war nicht nur „der einzig lebende Lachsack“, wie er sich selbst bezeichnete, er war auch der, der um sein Leben lachte.

Dabei hatte dieses Leben auch abenteuerliche Züge. 1952 in Wachtendonk geboren, Abitur in Kempen, erst Sport-, dann Arztstudium, beide abgebrochen. Mit Anfang 20 wurde die Krankheit manifest, Alberts nahm jahrelang Medikamente, über die er später in einem sehr offenen Lebensbericht gegenüber der „Krone“ sagt: „Ich habe 20 Kilo zugenommen und wurde noch unglücklicher.“

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Halt und Stärke suchte er dann in spirituellen Experimenten. Er war katholisch erzogen, versuchte es aber – so muss man es wohl sagen – mit allen möglichen Bewegungen: Er wurde Anhänger der Bhagwan-Sekte, ging auf Pilgerfahrt nach Mekka (die er abbrechen musste, weil sein Vater starb), er versuchte es mit Sufismus (einer islamischen Askese-Richtung), er war Teil der Findhorn-Bewegung, einer sich spirituell verstehenden Lebensgemeinschaft in Schottland, und er widmete sich der aus Japan stammenden Reiki-Lehre.

Bei alldem war Josef Alberts weder dumm noch einsam, im Gegenteil, er war ein Kommunikator, eine Rampensau vor dem Herrn, der ohne Scheu auf Menschen zuging und gewinnend sein konnte. Nach dem Studium gab es eine Phase, in der er nach eigenen Angaben unter anderem als Verkäufer in Timesharing-Agenturen gutes Geld verdiente, bei Agenturen also, die Nutzungsrechte für Ferienimmobilien verkauften.

 Mit Pappnase und Deutschland-Fahne: Der Lachsack kam Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dessen Ehefrau in Krefeld nahe.
Mit Pappnase und Deutschland-Fahne: Der Lachsack kam Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dessen Ehefrau in Krefeld nahe. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Dann begann die Odyssee durch die esotrisch angehauchten Spiritualismen dieser Welt. Josef Alberts ging 1993 nach Großbritannien, erst ins schottische Findhorn, dann nach London, wo er mit anderen eine „Reiki Federation“ aufbaute und selbst als Reiki-Meister auftrat.

Doch nichts war von Dauer. 2003 kehrte er nach Deutschland zurück und lernte die Lachyoga-Bewegung kennen, die laut Wikipedia von einem Journalisten erfunden, dann von einem indischen Arzt zu einer Lehre weiterentwickelt und weltweit bekannt gemacht wurde. Lachen: Damit fällt das Stichwort, das ihn zur Rolle seines Lebens führen sollte. Was klar bleiben muss: Hintergrundrauschen dieses ruhelosen Lebens war stets seine Krankheit. Alberts war kein Wellness-Esoteriker, der ein Schäufelchen mehr Lust und ein Schlückchen mehr Sinn buchte – er suchte verzweifelt und grundlegend Halt.

 Josef Alberts quasi in Zivil; das Foto entstand 2005.
Josef Alberts quasi in Zivil; das Foto entstand 2005. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Irgendwann war Alberts nicht mehr in der Lage, für seinen Lebensunterhalt zu sorgen; er lebte von Hartz IV. Und er wurde zum Lachsack. Der Gegensatz zwischen dem Menschen Alberts, dem es krankheitsbedingt oft an Zutrauen zum Leben fehlte, und der neuen Rolle könnte ergreifender und brutaler nicht sein. Dabei spielte er den Lachsack teils grandios. Es gibt ein hinreißendes Foto unseres Fotografen Thomas Lammertz aus dem Jahr 2005: Alberts steckt in einem Jutesack mit der Aufschrift „Bitte hier drücken“ (über einem roten Punkt) – und ein paar Kinder samt Eltern amüsieren sich prächtig über die skurrile Erscheinung. Ein Bild voller Lebenslust. In solchen Momenten wurde der Mensch sichtbar, der Alberts ohne seine verfluchte Krankheit hätte sein können: ein Mann mit Humor und dem Schalk im Nacken, den Menschen freundlich zugewandt.

 Ein Foto von Josef Alberts (in der Collage links oben) wurde beim britischen Daily Telegraph in die Fotos des Jahres aufgenommen. Anlass: Die Trauung von William und Kate.
Ein Foto von Josef Alberts (in der Collage links oben) wurde beim britischen Daily Telegraph in die Fotos des Jahres aufgenommen. Anlass: Die Trauung von William und Kate. Foto: Screenshot

Eben diese Seite an ihm hat immer wieder auch die Medien fasziniert. Er war 2011 in England in seiner britisch anverwandelten Lachsack-Uniform bei der Trauung von William und Kate dabei und schaffte es auf die Titelseite des Daily Telegraph. WDR, RTL, Kika porträtierten ihn, auch bei den Krefelder Medien war er immer mal wieder präsent. Bei der RP tauchte er zuletzt beim Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf einem Foto auf: Alberts war dem Ehepaar Steinmeier ganz nah, alle drei schmunzelten, lachten, Alberts trug eine rote Clownsnase und eine Deutschlandfahne. Ein schönes, ein metaphorisch aufgeladenes Foto, weil die Offiziösität der Staatsoberhaupt-Gegenwart von der Kunstfigur Lachsack entschärft und ins Menschliche gebogen wird.

 Josef Alberts alias der Lachsack zieht 2005 auf dem Neumarkt Kinder und Erwachsene in seinen Bann.
Josef Alberts alias der Lachsack zieht 2005 auf dem Neumarkt Kinder und Erwachsene in seinen Bann. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Das Foto ist auch ein Traumbild: Es zeigt den Traum von einem Leben ohne Depression. Alberts war es nicht vergönnt. Er musste um die Leichtigkeit, die dieses Foto ausstrahlt, in jeder Sekunde seines Daseins kämpfen.

Wer Depressionen hat, sollte nicht allein bleiben und sich Hilfe suchen. Ein Ansprechpartner: die Stiftung Deutsche Depressionshilfe,
www.deutsche-depressionshilfe.de 

(jvo)