Thomas Hoeps und Jac Toes stellen in Krefeld ihren Thriller "Die Cannabis-Connection" vor

Literatur in Krefeld : Thriller-Premiere fürs Duo Hoeps & Toes

Der Krefelder Thomas Hoeps und sein niederländischer Schriftstellerkollege Jac Toes haben einen psychologisch raffinierten Roman geschrieben. „Die Cannabis-Connection“ hat am 2. September Deutschlandpremiere.

Die ersten Sätze umhüllt der Geruch von teurem After Shave auf dem edlen Stoff eines italienischen Designeranzugs – obwohl nichts davon geschrieben steht. Aber es würde zu diesem alerten 57-Jährigen passen: Marcel Kamrath, promovierter Jurist, noch frisch im Amt des Staatssekretärs im Bundesjustizministerium, erfolgsverwöhnt. Im Vorbeigehen deutet die Kanzlerin an, dass ihm demnächst ein Ministerposten in der Regierung winken könnte, wenn erst der affärengeplagte Minister für Entwicklungshilfe vom wackligen Stuhl gerutscht ist. Kamraths Welt ist sonnendurchflutet und heil – anderthalb Seiten lang. Dann durchzieht ein Haarriss sein Hochgefühl.

Bei dem feinen Riss wird es nicht bleiben. Thomas Hoeps und Jac Toes lassen Abgründe aufklaffen, mit jeder Satzwendung ziehen sie die Daumenschrauben für ihre Figuren fester an und saugen den Leser in einen 350-seitigen Alptraum: „Die Cannabis-Connection“  ist der vierte gemeinsame Roman des deutsch-niederländischen Autorenduos – und der erste Thriller.

„Aus den Krimis mit ihren klassischen Strukturen haben wir uns weiterentwickelt“, sagt der Krefelder Hoeps, der in Mönchengladbach das Kulturbüro leitet. Zum Jahreswechsel steht auch eine berufliche Veränderung an. Hoeps bleibt in der Kulturverwaltung, allerdings mit einer halben Stelle. „Ich möchte wieder Zeit zum Schreiben haben“, sagt der 53-Jährige. Toes, 1950 in Den Haag geboren, lebt und arbeitet als freier Gerichtsreporter in Arnheim.

Zwei Männer, zwei Sprachen, ein gemeinsames Buchprojekt: Das ist gut organisiert. Jeder schreibt seine Kapitel: Hoeps natürlich auf Deutsch,  Toes in niederländischer Sprache, die Hoeps dann ins Deutsche übersetzt. Auch das ist neu in der langjährigen Zusammenarbeit. Aber ein logischer Schritt. Seit vielen Jahren arbeiten sie zusammen und sind befreundet.

Das Cover zum Thriller „Die Cannabis-Connection“, erschienen im Unionsverlag. Foto: Petra Diederichs

Drei Jahre lang haben Hoeps und Toes  ihr jüngstes Buch vorbereitet. „Ein Niederländer und ein Deutscher, wir arbeiten seit 13 Jahren zusammen – da müssen wir uns mit dem  Thema Cannabis beschäftigen“, sagt Toes. Der Rahmen war schnell erstellt: Der strebsame Politiker Kamrath will die Legalisierung von Cannabis durch die Bundesgremien bringen. Die Sache lässt sich gut an – aber es ist ja ein Thriller. Das Verhängnis lauert der Hauptfigur in der Kneipe beim Feierabendbier auf: Sander van Haag, ein Jugendfreund aus der Hausbesetzerszene in Amsterdam, den Kamrath für tot hielt. Ein blutiges Geheimnis verbindet beide. Van Haag erpresst Kamrath, die Legalisierung von Cannabis zu stoppen. Doch das Räderwerk ist bereits in Gang gesetzt. Die ehemaligen Freunde liefern sich einen verheerenden Machtkampf. Grausam vernichten sie Existenzen und kämpfen ums eigene Überleben. Es ist ein strategischer Krieg, in den Kamrath getrieben wird. Und es ist klar, dass nicht beide ihn überleben werden.

„Wir haben viele Gespräche über den Vietnamkrieg geführt. Und es hat uns nicht losgelassen, dass oft sehr kluge, erfahrene und analytisch denkende Menschen in Machtpositionen den Punkt verpassen, wo sie noch etwas zugeben könnten, um aus einer Sache – zwar mit Schaden, aber halbwegs sauber – herauszukommen. Das immer irrationalere Handeln auch gegen eigene Werte und Interessen ist ein Phänomen. Beispiel Barschel. Mit der Lüge war er schon verloren. Dabei gibt es ja Gegenbeispiele, wo Leuten, die ihr Fehlen eingestehen, Respekt gezollt wird“, findet Hoeps.

Ob es für Kamrath den Moment gegeben hätte, mit dem schrecklichen Geheimnis aus der Jugendzeit an die Öffentlichkeit zu gehen, ist nicht klar zu beantworten. Denn die Verstrickungen mit dem eiskalten Strategen van Haag sind so eng und vielfältig, dass sie ihm zum Verhängnis werden. Denn der Feind von heute ist für ihn auch immer noch ein bisschen der Freund von früher.

Es ist die psychologische Feinzeichnung der Figuren, die den Thrill ausmachen. Der Leser rast mit Kamrath in immer größerer Beschleunigung in einen Tunnel, die Geschichte nimmt Kurven und Wendungen und erinnert in ihrer Rasanz an die Thriller von Lars Stigsons Millennium-Trilogie (auch weil hier ebenfalls die Geschichtsstränge bis in den Nationalsozialismus zurückreichen).

„Unsere Figuren haben Vergangenheit“, erzählt Hoeps. Gemeinsam konstruieren sie Biografien mit etlichen Details. Sogar Fotos, wie die Figuren aussehen, gibt es. „Es ist wichtig, dass eine Blondine nicht plötzlich als dunkelhaarig beschrieben wird“, sagt Toes lachend. Aber vor allem hilft es beim Schreiben, um zu verstehen, wie  die Figuren ticken. Kamrath  ist Hoeps’ Protagonist, Toes hat zum Beispiel aus der Perspektive der Privatermittlerin Marie Vos geschrieben. Die Handlung aus der Gegenwart wechselt sich ab mit Kapiteln aus Amsterdam 1982, in denen sich die verhängnisvolle Verbindung zwischen Kamrath und van Haag entwickelt. So baut sich Mosaikstein für Mosaikstein die Geschichte zusammen, die Fragen zu Schuld, Sühne, Verantwortung und moralische wie ethische Werte lange nachhallen lässt.

Hoeps & Toes, Die Cannabis-Connection, Unionsverlag, 19 Euro; ISBN 978-3-293-00551-8

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