Theater Krefeld: Zum Gruseln schöne Frauen-Oper

Premiere : Zum Gruseln schöne Frauen-Oper

Beverly und Rebecca Blankenship inszenieren Francis Poulencs Konventoper „Die Gespräche der Karmeliterinnen“ als ein Modell für Märtyrertum. Trotz des fragwürdigen Konzepts gelingt eine musikalisch mustergültige Aufführung.

Krefeld Diese Nonnen gibt es gar nicht. Ihre Tracht mit den grauen Schleiern hat Kostümbildnerin Gerti Rindler-Schantl für die Krefelder Erstaufführung der Oper „Die Gespräche der Karmeliterinnen“ des französischen Komponisten Francis Poulenc frei erfunden. Schon hieran zeigt sich, dass die Regie führenden Schwestern Beverly und Rebecca Blankenship das Werk genau 62 Jahre nach der Uraufführung aus seiner historischen Verortung lösen wollten. Dazu passt, dass Bühnenbildner Christian Floeren seines Amtes minimalistisch walten durfte: Die Bühne des Stadttheaters bleibt  leer, die Akteure bewegen sich auf einer von illuminierten Bodenplatten erhellten Fläche. Einziges Möbel: eine blutrote Guillotine, die allmählich aus der Untermaschinerie emporwächst. Subalterne Gestalten, die als Putztruppe kniend den Boden wischen, dienen als belebte Requisiten zum Hinfläzen. Und auch die Nonnen stützen ihre todkranke Priorin (Kerstin Brix) mit ihren Leibern.

 Das Orchester leitet Mihkel Kütson hinter einem Gazeschleier sichtbar auf der Hinterbühne. Der Orchestergraben ist geschlossen, dadurch rückt das körperbetonte Spiel der Solisten nah ans Publikum, gewinnt so an Intensität. Das Thema der Oper, Märtyrertum, ist historisch verbürgt: 1794 verurteilte ein jakobinisches Revolutionstribunal 16 Schwestern des Karmeliterordens zu Compiègne bei Paris zum Tode und ließ die Frauen, die ihrem Glauben nicht abschwören wollten, unter der Guillotine hinrichten. Doch die Blankenships wollten diesen historischen Rahmen sprengen und das Publikum zur Reflexion über globale Weiterungen des Begriffs Martyrium anhalten. Dazu präsentierten sie im Theaterfoyer und auf der Bühne sowie in Projektionen Porträts von Frauen, die sie als Märtyrerinnen ansehen. Fragt sich nur, ob es klug war, neben der Karmelitin Edith Stein, der NS-Widerständlerin Sophie Scholl und der 1919 ermordeten Sozialistin Rosa Luxemburg auch eine palästinensische Selbstmordattentäterin (Wafa Idris) und die Terroristin Brigitte Kuhlmann als Opfer zu würdigen. Kuhlmann gehörte zu dem Verbrecherteam, das 1976 ein Flugzeug mit fast 100 Israelis ins ugandische Entebbe entführte, um inhaftierte Terroristen freizupressen. Ein operativer wie ethischer Fehlgriff – auch jetzt in der Dokumentation zu der Poulenc-Oper.

Gern spielen die Blankenships mit Klischees. Die Kerkermeister (Hayk Dèinyan, Alexander Kalina) treten krass blutbesudelt auf. Und die Dekadenz des den Revolutionären verhassten Adels prangert Blankenship an, indem sie den Tenor David Esteban in der Rolle des Bruders der Hauptperson Blanche (Sophie Witte) anhält, seine Schwester unsittlich zu begrapschen.

Poulencs Musik spielt meisterhaft mit Elementen der Stilgeschichte, von der Gregorianik über neobarocke und klassische Formate bis hin zur Clarté des französischen Impressionismus. Ihr emotionaler Angang ist riesig, und Kütson gewährleistet mit erhabenem Feinsinn, dass die Niederrheinischen Sinfoniker, der Opernchor und der Damen-Extrachor ein klangintensives Hörereignis erschaffen. Unter den vielen Solistinnen dieser gruselig-schönen Frauenoper ragen die lyrische Sopranistin Sophie Witte als Novizin Blanche, Panagiota Sofroniadou (Schwester Constance) vom Opernstudio, Kerstin Brix als auch mimisch großartige Darstellerin der Priorin und Eva Maria Günschmann (Marie) eindrucksvoll hervor. Wenn in der Schlussszene das zischende Fallbeil den wunderschönen Choralgesang der 16 Schwestern immer wieder unerbittlich unterbricht, bis die letzte Karmelitin (Valerie Eickhoff) hingestürzt ist, singt allein noch Sophie Witte. Doch ihre Blanche, die ihre Angstpsychose überwindet und freiwillig aufs Schafott steigt, erfährt tröstenden Zuspruch aus dem Zuschauersaal: Der auf dem Balkon platzierte Damenchor stimmt mit ein in das Salve Regina. Am Ende feiert das Premierenpublikum mit Ovationen die Mitwirkenden eines Opernabends, dessen Regieschwächen die musikalische Bannkraft nicht aushebeln konnten.

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