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Theater Krefeld Standing Ovations und Gänsehaut bei der Uraufführung von "Himmel über Paris"

Theater Krefeld : Himmel über dem Pariser Ghetto

Matthias Gehrt inszenierte die Uraufführung einer musikalischen Odyssee durch das nächtliche Paris: Ein herrlicher Chanson-Abend und ein gutes Schauspiel über Sehnsüchte und kleine Welten.

Der Titel klingt nach Wim Wenders. Oder Woody Allen. Das mag Zufall sein. Aber wer mit entsprechenden Erwartungen ins Theater geht, wird nicht enttäuscht: „Himmel über Paris“ hat den Pulsschlag der kleinen Leute, die vom großen Glück träumen und immer wieder enttäuscht werden – Bilder voller Melancholie und Sehnsucht. Aber auch schräge Situationen voller Witz. Mit standing ovations feierte das Publikum die Uraufführung des Stücks, das Lothar Kittstein für das Gemeinschaftstheater geschrieben hat.

Nach minutenlangem Beifall hatte das Premiernpublikum noch auf eine Zugabe gehofft. Die gab es nicht. Eine richtige Entscheidung: So blieb am Ende nicht der Eindruck einer begeisternden Revue, deren Melodien nostalgische Erinnerungen hoch holten, sondern der Nachhall des Schauspiels.

Frank (Adrian Linke) trifft die Muslima Fatima (Carolin Schupa) Foto: Matthias Stutte

„Himmel über Paris“ ist gespickt mit französischen Chansons von Edith Piaf, Jacques Brel, Charles Aznavour und Gilbert Bécaud, die jeder mitsummen kann. Spätestens bei „Milord“ ist das Publikum aufgetaut und klatscht mit. Das Ensemble füllt diese französische Hitparade mit Emotionen, die weit über Sentimentalität hinausgehen. Esther Keil gibt das so oft schon malträtierte „La vie en rose“ so frisch und persönlich, dass es neu strahlt. Ihre Interpretation von „Milord“ wühlt auf. Sie ist die zentrale Figur des Abends: Bettina. Als Lehrerin ist sie frustriert über die Schüler; als frisch Geschiedene hat sie den Rest ihres Selbstwertgefühls als Frau auf der Strecke gelassen. Ein Trip nach Paris soll Farbe in ihr Leben bringen. Doch es kommt anders. Sie steigt in den falschen Bus und landet statt im hübschen Hotel in den Banlieus, wo nach Einbruch der Dunkelheit weder Taxi noch Bus Richtung Innenstadt verkehren: „Das ist nicht mehr Paris. Das ist nicht mal mehr Europa“, sagt einer der Halbwüchsigen. Kurz drauf ist sie Handtasche, Papiere und Schmuck los. Paris bei Nacht: Das hatte sie sich anders vorgestellt.

Das männliche Pendant ist Frank (Adrian Linke), Entwickler einer neuen Babywindel, mit der er groß rauskommen will. Ein Großkotz im Anzug und mit dem passenden tiefen Sound für die Brel-Titel, der die Dienstreise für ein erotisches Abenteuer nutzen will. Bordsteinschwalbe Juliette (keck und lasziv: Vera Maria Schmidt) ist clever und noch vor dem Liebesdienst mit seinem Koffer und der Brieftasche weg. Bei der Verfolgung landet auch er in den Ghettos am Stadtrand: Die Stadt der Liebe, entpuppt sich als Stadt der Diebe.

Mit „Les Comédiens“ und einer Prügelei in Zeitlupe beeindruckten (v.l.) Henning Kallweit, Ronny Tomiska und Philipp Spmmer. Foto: Matthias Stutte

Zwei Menschen aus dem deutschen Mittelstand landen nachts in einem Dschungel, dessen Gesetze sie nicht kennen. Der Überlebenswille setzt Kräfte frei. Bettina, die Leisetreterin im Designerkleid, lernt den rauen Ton der Straße. Anfangs entschuldigt sie sich noch permanent („Ich bin eigentlich nicht so“), bemüht sich um Korrektheit („Das war kein Araber, das war ein Weißer. Darf man Weißer sagen?“). Wenn sie im Dunkeln an der Haltestelle der großen Oednis steht, ist sie die pure Verlorenheit. Doch sie kämpft sich raus, strahlt wie ihre kräftige Singstimme. Ihr galliger Humor erreicht eine selbstironische Gelassenheit: „Ich fühle mich ganz leicht. Wie eine Plastiktüte, die man weggeworfen hat.“

Regisseur Matthias Gehrt lässt den Personen Raum, zu wirken. Im Spiel mit den Klischeevorstellungen zeigt er keine Abziehbild-Figuren, keine Schwarz-Weiß-Sozialkritik und keinen sterilen Laborversuch von Gutbürgerlichen in der Extremsituation. Raffiniert hüllen Gabriele Trinzcek (Bühnenbild ) und Petra Wilke (Kostüme) die schmucklose Ghetto-Welt und ihre Bewohner in Grautöne, nur die Besucher aus Deutschland haben Farbe, was nicht nur durch die Diebstähle klug variiert wird. Die Vorstellungen vom O-la-la-Frankreich und vom Reich-und-glücklich-Deutschland zerschellen im trüben Laternenschein an der Wirklichkeit. Die Begegnungen der verschiedenen Welten liefern mit den bekannt-vertrauten Chansons großes Kino: Philipp Sommer und Ronny Tomiska als coole Ghettokids ohne Visionen, die sich damit abfinden müssen, dass Paris mit seinem Glanz längst seine dreckige Seite abgeschrieben hat; Henning Kallweit als Kleinkrimineller und Carolin Schupa als emanzipierte Muslima mit Glitzerkleid und Kopftuch, die allen klarmacht, wo es langgeht. Joachim Henschke ist ein kriegswunder Ex-Soldat. „Je t’appartiens“ (Ich gehöre dir) singt er wundervoll zart und mit Narben auf jedem Ton. „Danke dafür“, ruft eine Stimme aus dem Publikum in den Applaus.

Jochen Kilian (Klavier und musikalische Leitung) und Heinz Hox am Akkordeon sind mehr als instrumentale Begleiter. Mit improvisierten Untermalungen verbinden sie die Szenen und tragen die Singstimmen.

Nach knapp zweieinhalb Stunden ist so viel klar: „Himmel über Paris“ ist ein wundervoller Chanson-Abend mit wirklich guten Sängern. Und es ist ein überzeugendes Schauspiel mit lauten, leisen und unausgesprochenen Tönen.