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Theater Krefeld: "Antigone" und "Schwester von" als Doppelpremiere

Schauspiel im Theater Krefeld : Doppelpremiere: Antigone und ihre Schwester

In seiner Tragödie „Antigone“ verhandelte Sophokles vor 2600 Jahren die Frage des zivilen Ungehorsams. Ismene ist im Stück eine Randfigur. Im zeitgenössischen Schauspiel „Schwester von“ steht sie im Mittelpunkt. Das Theater zeigt beide Stücke am Wochenende.

Hätten Martin Luther King, Mahatma Gandhi und die Menschen in den Baumhäusern im Hambacher Forst vor 2600 Jahren gelebt, hätte Sophokles sie zu den Protagonisten einer Tragödie machen können. In seinem berühmtesten und noch immer gespielten Drama „Antigone“ geht es um die seit Jahrtausenden aktuelle Frage des zivilen Ungehorsams: Hat der Mensch das Recht, sich aus seinem Moralempfinden heraus gegen das Gesetz von Politik oder Herrschern aufzulehnen? Antigone, die Tochter des Ödipus, nimmt sich dieses Recht. Sie widersetzt sich der Anordnung von König Kreon und begräbt ihren toten Bruder. Kreon hatte bei Todesstrafe das Totenritual für Polyneikes verboten, der mit seinen Truppen Theben erobern wollte. Im Kampf gegen seinen Bruder Eteokles waren beide Brüder gefallen.

Am Samstag, 29. September, 19.30 Uhr, hat die Tragödie in der Inszenierung von Matthias Gehrt Krefeld-Premiere im Theater. Es ist eine besondere Situation, denn am Abend zuvor, Freitag, 28. September, hat ein Stück in der Fabrik Heeder Premiere, das den antiken Mythos um das Haus der Labdakiden fortschreibt. Die niederländische Theaterautorin Lot Vekemans lässt nach 3000 Jahren Antigones Schwester Ismene zu Wort kommen. Die Vernünftige, die damals versucht hatte, Antigone von ihrem Vorhaben abzubringen, ist als Nebenfigur der Geschichte stets im Schatten geblieben. Nun darf sie sprechen, sich rechtfertigen, erklären, wie es ist, keine eigene Identität zu haben und nur „Schwester von“ zu sein. Sascha Mey hat das Ein-Personen-Stück mit Esther Keil in Szene gesetzt. Antiker Psychothrill im Doppelpack.

„Es ist etwas Besonderes, beide Stück in direkter Folge zu sehen. Aber auch mit Abstand wirken sie“, sagt Dramaturg Martin Vöhringer, der „jahrelang nur darauf gelauert“ hat, Vekemans Stück über die vergessene Schwester in den Spielplan zu holen. Ismene will ihren Namen reinwaschen. „Sie will nicht Mittäterin sein, aber auch nicht vergessen werden. Und der Verlust ihrer Schwester hat sie verletzt“, erklärt Mey. „Manchmal mögen wir sie sehr, manchmal auch gar nicht“, sagt Esther Keil. Wie vielschichtig die Figur Ismene um Anerkennung ringt, hat sie in der Vorbereitung zu dieser Übertragung aus Mönchengladbach gespürt. „Man entdeckt immer wieder neue Nuancen und kann neue Fragen stellen.“ Einerseits sei es nachvollziehbar, dass Ismene aus der Abstellkammer der Geschichte heraus wolle, andererseits schwingen Bewunderung für den Mut der Schwester und Neid in ihrem Monolog mit. „Irgendwie sind wir auch alle Ismenes. Sonst wären wir nicht hier, sondern säßen im Baumhaus im Hambacher Forst.“

Esther Keil ist Antigones Schwester Ismene, die nach 3000 Jahren ihr Schweigen  endlich reden will. Foto: Matthias Stutte

In der Antike führt der Widerstand direkt in den Untergang aller Beteiligten. „Es ist ein Stück wie ein Renn-Auto“, sagt Regisseur Gehrt. „Ein Diskurs-Stück, in dem man gut zuhören und mitdenken muss.“ Als Vorlage hat er nicht die berühmte Hölderlin-Übersetzung gewählt, sondern eine in direkterer Sprache von Peter Krumme.

Es ist kein Zufall, dass Joachim Henschke den Kreon spielt. Die Rolle hatte er auch in Gehrts Inszenierung des „Ödipus“ 2010. Und Eva Spott wird wie damals wieder als blinder Seher Teiresias auftreten. Es ist derselbe Stoff, nur ein neues Kapitel der Familiensaga. Denn auch die soll erzählt werden: „Als Kreon sein Verbot ausspricht, rechnet er nicht damit, dass ausgerechnet seine Nichte, die Verlobte seines Sohnes, sich widersetzen wird“, sagt Gehrt.

Vera Maria Schmidt wird als Antigone ihr Debüt auf der großen Bühne in Krefeld geben. Melina Mänz wird als stummes alter ego Antigones auf der von Gabriele Trinczek gestalteten Bühne Trauerkerzen aufstellen. Eine besondere Form hat Gehrt dem Chor zugedacht. Seine Funktion als allwissender Kommentator übernimmt Michael Ophelders. „Wir haben die Texte gestrichen und in Musik übersetzt“, berichtet Gehrt. Der Musiker Jörg Ostermeyer, Saxofonist wie Ophelder, hat komponiert. . „Mit dieser Form sind wir der Antike nicht fern“, so Gehrt. Da waren Tanz und Musik wichtige Stilmittel.