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Krefeld: Stricken gegen die Trauer

Krefeld : Stricken gegen die Trauer

Als Doris Brandt ihren Mann verlor, war sie verzweifelt. Seit Januar strickt sie Mützen. Die Handarbeit hilft ihr bei der Bewältigung.

Ein Tag ohne Strickzeug ist für Doris Brandt schlicht nicht vorstellbar. "Ich brauche die Handarbeit. Sie hilft mir dabei, meine Trauer zu verarbeiten", sagt die 77-jährige Forstwalderin. Vor gut einem Jahr hat sie ihren Mann Hermann verloren. 56 Jahre war das Paar verheiratet, hat einen Sohn und eine Tochter großgezogen und sich gemeinsam um die drei Enkelinnen gekümmert. "Mein Mann war immer für mich da. Er hat mir geholfen, wo er nur konnte, da ich schon länger gesundheitlich beeinträchtigt bin", erzählt Doris Brandt.

Mützen in allen Farben, Größen und Variationen erschafft Doris Brandt. Die Forstwalderin möchte ihre Werke gerne für einen guten Zweck verkaufen. Seit Januar hat sie bereits über 150 Mützen gestrickt. Foto: Thomas Lammertz

Eigentlich war Hermann der Starke, der Gesunde in ihrer Beziehung. Doch dann kam der Krebs, und der gelernte Schlosser verlor den Kampf gegen die schwere Krankheit. In den letzten Monaten war es seine Frau, die dem kräftig gebauten Mann bei den einfachsten Verrichtungen helfen musste. "Er war bis zuletzt zu Hause. Das war uns wichtig", sagt Doris Brandt.

Als ihr Mann mit 79 Jahren starb, fiel seine Frau in ein tiefes Loch. Hermann fehlte überall. Das wurde ihr jeden Tag aufs Neue schmerzlich bewusst. Ihre Tochter versuchte, die Mutter aufzumuntern, regte Café-Besuche an, um auf andere Senioren zu treffen. "Richtig funktioniert hat das leider nicht", sagt die 77-Jährige, die bis heute in ihrem Geburtshaus in Forstwald lebt.

Im Januar begann Doris Brandt zu stricken. Und fand damit das geeignete Mittel, ihre Trauer zu bewältigen. Handarbeit hatte sie schon immer gemocht. "Früher hatte ich eine kleine Töpferei und habe meine Produkte auf Handwerkermärkten in der ganzen Region verkauft. Das hat mir viel Spaß gemacht. Heute ist es mir leider gesundheitlich nicht mehr möglich."

Und so strickt Doris Brandt Mützen. Große und kleine Kopfbedeckungen, meist mehrfarbige, mit und ohne Muster. Mal haben die Mützen eine Plümmel, mal sind sie besonders lang und eignen sich dadurch auch als modisches Accessoire. "Meine jüngste Enkelin studiert Mode und gibt mir schon mal Tipps", sagt die Oma und schmunzelt. Denn wichtiger als modischer Schnickschnack ist ihr, dass die Mützen richtig schön warm halten. Und so sind alle Exemplare aus relativ dicker Wolle gefertigt.

Neben den Mützen hat sie auch schon Schals gestrickt, aber: "Mützen sind handlicher und schneller fertig. Ich kann sie gut während des Fernsehens stricken, ohne mich zu sehr auf die Handarbeit konzentrieren zu müssen." Das stetige Werkeln ihrer Hände beruhigt, ist für sie so etwas wie eine Therapie, und hilft ihr, die Trauer zu bewältigen. Hermann hätte ihr neues Hobby gefallen. Da ist sich Doris Brandt sicher. "Da ihm immer kalt auf dem Kopf war, hat er im Bett gerne eine Pudelmütze getragen. Daran muss ich heute denken, wenn ich mal wieder an einer Mütze stricke."

Über 150 Mützen hat Doris Brandt seit Januar gestrickt. Meist ist es eine pro Tag, an manchen Tagen werden es auch zwei. "Einmal habe ich sogar drei Mützen fertig bekommen, aber aus besonders dicker Wolle", erinnert sie sich. Um die vier Stunden braucht sie für ein Exemplar. Kindermützen schmückt die 77-Jährige liebevoll mit bunten Anhängern oder Aufnähern.

Fehlen nur noch die passenden Köpfe für die bunten Kreationen. "Ich würde die Mützen gerne für einen guten Zweck verkaufen. Da ich selber dazu aber nicht in der Lage bin, würde ich mir wünschen, dass sich Menschen bei mir melden, die Mützen für ihren Basar, ihre Einrichtung oder Organisation gebrauchen könnten. Wichtig ist mir, dass der Erlös gespendet wird." Eins ist jetzt schon sicher: Doris Brandt wird weiter stricken, Masche für Masche.

(RP)