Stefan Leko: Als K1-Kickboxer in Japan zum Superstar

K1-Kämpfer Stefan Leko : Als Kickboxer in Japan zum Superstar

In den 2000ern war Stefan „the Blitz“ Leko einer der besten K1-Kickboxer der Welt. Er gewann vor zehntausenden Zuschauern in Tokio oder Las Vegas Kämpfe und wurde in Japan zur regelrechten K1-Ikone. Nun gibt er sein Comeback bei einem Kampfsportevent in seiner Heimatstadt.

Als Stefan Leko das Kampfsportstudio in Krefeld betritt, wirkt er ein wenig unscheinbar, fast schüchtern in seiner Lederjacke und Jogginghose, eine Trainingstasche über die Schulter gewuchtet, jedenfalls nicht so eindrucksvoll wie man das aus dem Fernsehen kennt, wenn ein Superstar einer Kampfsportart die Arena betritt. Doch als es um die Fotos geht, schaltet er innerhalb weniger Sekunden in den Wettkampfmodus. Kampfpose eingenommen, wie schon hunderte Male zuvor, grimmige Miene, durchdringende blau-graue Augen, eine plötzliche Aura der Stärke und Entschlossenheit. Erst als Leko gesagt wird, dass er ruhig auch Lächeln könne, entspannen sich seine Gesichtszüge. Die Routinen des Showbusiness, in dem er rund zehn Jahre auf der großen Bühne kämpfte, stecken noch in ihm. Irgendwie hat der 45-Jährige nie ganz aufgehört, der weltbekannte Kickboxer Stefan „the Blitz“ Leko zu sein – und wird es vermutlich auch nie gänzlich. Am 30. November steigt er in seiner Heimatstadt Krefeld gar wieder in den Ring, gegen den MMA-Kämpfer Karl Stahl bei der KOK-Fight-Night in der Yayla-Arena.

Während Leko hierzulande eher unter Kampfsport-Enthusiasten oder Szene-Insidern bekannt ist, war er im fernöstlichen Japan nach der Jahrtausendwende ein Superstar, ja eine Ikone des Kampfsports. Rund ein Jahrzehnt kämpfte Leko in den großen Arenen dieser Welt vor bis zu 70.000 Zuschauern, ständig unterwegs, von Stadt zu Stadt, von Hotel zu Hotel, von Kampfring zu Kampfring. Die Japaner hatten Kampfsport Anfang der 90er Jahre groß aufgezogen, einen eigenen Kosmos mit neuem Regelwerk geschaffen, das K1. Die Regeln bedienen sich dabei den Schlag- und Tritttechniken verschiedener Kampfsportarten wie Boxen, Muay Thai, Kickboxen, Karate oder Taekwondo. Die Kämpfe sind so ausgerichtet, dass sie möglichst kurzlebig und actionreich erscheinen, denn das gilt als attraktiv für den Zuschauer: Es wird drei mal drei Minuten gekämpft, „da ist nichts mit Klammern oder Taktieren, du musst direkt Vollgas geben“, erklärt Leko und bezeichnet K1 als „reine Knallerei“. Trotzdem gilt es, sich möglichst unbeschadet zu halten, denn bei den Wettkämpfen müssen K1-Kämpfer an einem Tag häufig gegen drei verschiedene Gegner im Ring antreten.

Die Marke K1 wurde Ende der 90er Jahre so groß, dass die TV-Übertragungen in Japan, auch von Lekos Kämpfen, unglaubliche Rekordquoten von fast 30 Prozent erreichten und die Wettkämpfe überall auf der Welt ausgetragen wurden, die Preisgelder für Siege gingen in die Hunderttausende. Zweimal kämpfte Leko allein in Las Vegas, wo er 2001 und 2006 den Grand Prix holte.

Unvergessen unter seinen Fans bleibt beispielsweise sein Knock-out im ersten Las-Vegas-Finale gegen den Niederländer Peter Aerts. Der berüchtigte rechte Haken Lekos traf den etwas größeren und breiteren Aerts mitten ins Gesicht. Der Hühne klappte zusammen und blieb bewusstlos liegen. „Wir beide waren Trainingspartner und dachten nie, dass wir beide so weit kommen“, sagt Leko, während er das Video stolz auf seinem Handy zeigt. Nach dem Ende des Kampfes, als Aerts wieder zu sich kam, umarmete ihn Leko entschuldigend am Boden. Doch anschließend sprachen die beiden fast zwei Jahre lang kein Wort mehr miteinander.

Er habe sich die Popularität nicht ausgesucht, irgendwie sei es einfach passiert, sagt Leko. Er habe Kickboxen vor allem „aus Liebe gemacht“, es sei nie sein Ziel gewesen, berühmt zu werden. Große Teile seiner Kindheit lebte er bei seiner Tante in Mostar, heute innerhalb der kroatischen Entität im Westen von Bosnien-Herzegowina gelegen, obwohl er eigentlich in Krefeld geboren ist. Aber seine kroatischen Eltern, die sich in Deutschland kennengelernt hatten, arbeiteten hart: Sie hatten sich um mehrere Pommesbuden in Krefeld, Mönchengladbach und Moers zu kümmern und so wenig Zeit für ihren Sohn. Nur in den Schulferien kam Leko sie in Deutschland besuchen. Mit 15 Jahren zog er dann zurück nach Krefeld. „Es war am Anfang schwer für mich. Ich kannte kaum jemanden und konnte nur schlecht Deutsch sprechen“, erzählt er. Eines Abends geriet dann in einer Disko mit einem Türsteher aneinander. Dieser jemand war Klaus Waschkewitz, der in Krefeld und Duisburg noch heute Kampfsportstudios besitzt und viele große Namen der deutschen Boxszene in jungen Jahren trainierte. „Er hat mir Eiswürfel an den Kopf geschmissen“, erinnert sich Waschkewitz, „da hab‘ ich ihm gesagt: Wenn du so eine Energie hast, dann komm doch mal zum Training“.

Waschkewitz merkte schnell, dass er in Leko ein Naturtalent im Kickboxen gefunden hatte. Über einen befreundeten Herausgeber eines Kampfsport-Magazins wurde er dann auf das in Japan boomende K1 aufmerksam und erkannte für sich und einen Schützling eine Chance, es ganz nach oben zu schaffen. In rasender Geschwindigkeit ging es für Leko so von anfänglichen Hinterhof-Kämpfen in die großen Arenen dieser Welt. Seinem deutschen Meistertitel in Berlin folgte 1998, mit gerade mal 22 Jahren im schweizerischen Lausanne der Durchbruch. Er gewann den europäischen Grand Prix der K1-Serie und war plötzlich in aller Munde. Die japanischen Veranstalter wollten ihn als eines ihrer Aushängeschilder vermarkten, er war bald sogar als eigene Figur auf der Playstation spielbar.

1999 holte er den Titel beim prestigeträchtigen Grand Prix in Tokio – der endgültige Aufstieg zum Megastar. Während er sich in Deutschland auch damals meist frei in der Öffentlichkeit bewegen konnte, war das in Japan anders: Jeder erkannte ihn auf der Straße, wollte Autogramme. Bei manch einem Restaurant-Besuch drückten sich die Fans an den Scheiben die Nasen platt, um nur ja einen kurzen Blick auf ihn zu erhaschen.

Seinen Spitznamen „the Blitz“ gaben ihm die Fans. Er rührt daher, dass er seinen Gegnern in der Schwergewichts-Klasse meist körperlich unterlegen war, sie aber einfach nicht zum Zug kommen ließ, indem er sie pausenlos mit schnellen Schlägen und Tritten malträtierte. Diese Kampftaktik war extrem kräfteraubend, Leko trainierte deswegen bis zu neun Mal die Woche.

Im Jahr 2003 galt er als der beste K1-Kämpfer der Welt, doch dann stockte seine Karriere abrupt. Sein damaliger niederländischer Manager vom Team Golden Glory aus Breda hatte die japanischen Veranstalter erpresst, um ein Startrecht für einen weitere Kämpfer zu bekommen. Daraufhin wurde Leko erstmal nicht mehr zu den großen Turnieren eingeladen, und bald wollten die Japaner ihn dann ganz loswerden. Noch heute wird Leko wütend, wenn er davon erzählt, er fühlt sich betrogen, erst sieben Jahre später erfuhr er davon.

Die Zeit seiner aktiven Karriere vermisst Leko gegenwärtig nicht mehr. Zwar trainiert er immer noch regelmäßig, aber er würde seine Karriere auf diese Weise nicht noch einmal mitmachen wollen, sagt er: „Ich war ständig unterwegs und stand immer unter Strom“. Das alles sei es nicht wert gewesen.

Heute trainiert er andere junge Kampfsportler oder arbeitet auf dem Bau. Eine Frau oder Kinder habe er nicht, eher „viele Frauen“, wie er schalkhaft zugibt. Es scheint, als sei Leko bis heute nicht zur gänzlich zur Ruhe gekommen. Und daher war es auch keine Frage, für die Kampfveranstaltung in Krefeld zuzusagen, als ihm Klaus Waschkewitz eine erneute Rückkehr in den Ring anbot.

(jbu)
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