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Steckenpferd-Ritter Gysi und Laschet im Duett im Krefelder Karneval

Karneval in Krefeld : Steckenpferd-Ritter Gysi und Laschet im Duett

Grandios: Die Steckenpferdsitzung einte das Unvereinbare – einen preußischen Sozialisten und einen rheinischen Katholiken.

Am Ende hat ein rheinischer Katholik 18 Minuten lang einen preußischen Sozialisten gelobt, und besagter Sozialist 26 Minuten lang einen Saal mit 1000 rheinischen Narren so mühelos von einem Gelächter ins nächste getrieben, als habe er nie etwas anderes getan. Nun machen zwei gute Redner noch keinen grandiosen Abend – dieser Abend aber, an dem der Linke-Politiker Gregor Gysi zum Steckenpferdritter der Prinzengarde geschlagen wurde und  CDU-Ministerpräsident Armin Laschet Laudator war, war außerordentlich, selbst für Steckenpferd-Maßstäbe: eine Lehrstunde über Humor, der gerne zitiert und selten verstanden  wird. In diesem Geist war die Begegnung der beiden mehr Duett als Duell.

„Ist der Weg zum Sozialismus wirklich so trostlos?“: CDU-Ministerpräsident Armin Laschet hielt eine gefeierte Laudatio auf Gysi und amüsierte sich prächtig. Rechts erkennbar: Oberbürgermeister Frank Meyer. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Die Steckenpferd-Sitzung bot im ausverkauften Seidenweberhaus wie so oft hochklassigen Karneval: mit Kabarettisten wie Guido Canz oder musikalischen Urgewalten wie den Bläck Fööss und den Höhnern. In puncto Humor hatte der Abend etwas Seltenes: Da sprachen zwei Leute, die sich politisch und landsmannschaftlich fremd sind, sich aber in ihrem Humor ähnelten: Beiden gemein sind Eleganz im Angriff, Selbstironie, wache Nachdenklichkeit  und Charme: als die Fähigkeit, mit Fremdem und Befremdlichem zivil umzugehen. Beide Redner schenkten sich  inhaltlich nichts; Laschet blieb Christdemokrat, Marktwirtschaftler, Katholik, Gysi Sozialist mit Gift gegen die CDU und den „Kapitalismus“ (das „Linke“-Schmähwort für demokratische Marktwirtschaft und als „-ismus“ die ewige Unterstellung, dass Geld alles sei).

Der feierliche Moment: Prinzengarde-Präsident Christian Cosman verleiht die Würde des Närrischen Steckenpferdritters an Gregor Gysi. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Gysi, sagte Laschet, sei als Gregor Gregorowitsch Gysi die Rache des Ostens am Westen, dem das rheinische Idiom so fremd sei wie vernünftige Wirtschaftspolitik. Genüsslich berichtete Laschet von einer Untersuchung über lachende Politikergesichter, bei der die „Linke“ an letzter Stelle landete. „Ist der Weg zum Sozialismus wirklich so trostlos“, fragte Laschet mitleidig und forderte Gysi auf, seinen Gefährten Lebensfreude zu erklären: „Leonardo DiCaprio hat auch noch gelacht, als die Titanic unterging.“

Der Rheinische Diakon Willibert Pauels mit Steckenpferd bei der Verleihung des Steckempferdes an Gregor Gysi. Foto: Jens Voss

Laschet spottete über Berlin, fragte, wie man es beim neuen Flughafen  fertigbringe, so lange nicht fertig zu werden, und würdigte Gysi als trojanisches Pferd des Sozialismus. Nachdem der fünf Monate Wirtschaftssenator in der Hauptstadt gewesen sei, sei Berlin arm, aber sexy gewesen. In einem Punkt verhielt Laschet sich nobel: Er billigte Gysi (der von Gegnern auch schon mal als willfähriger Stasi-Knecht geschmäht wurde) zu, sich  zu DDR-Zeiten als Anwalt für andere eingesetzt zu haben. Wenn er nun im Rheinland geehrt werde, dann „nicht, weil Sie so links sind, sondern weil Sie so ein netter Kerl sind“. Peng: Rheinisch integriert  wird der Mensch Gysi, nicht der Politiker.

Gysi parierte, und von ihm konnte man die Kunst lernen, wie man seine Sticheleien gleich mit Wundsalbe versorgt. Auch er finde, dass Laschet das netteste Mitglied der CDU sei  – was bei der CDU nicht schwer sei; allerdings, ergänzte Gysi sofort, sei es in seiner eigenen Partei noch viel leichter, der Netteste zu sein. Doppeltes Gelächter, eine halbe Versöhnung – Humor für Fortgeschrittene.

Anfangs nahm Gysi erst einmal den ganzen Saal für sich ein: Ihm sei aufgefallen, dass die Leute hier schon singen und feiern, bevor sie getrunken haben, „das ist in Berlin undenkbar“. Er nannte sich einen Generalisten und erklärte den Unterschied zum Spezialisten: Spezialisten wüssten alles, könnten aber nichts erklären, er, Gysi, wisse nichts, könne aber alles erklären. Die Berliner Mentalität suchte er dem versammelten linksrheinischen Rheinland mit einer Anekdote aus dem Bus zu erklären: Gysi hat demnach einmal einen Busfahrer gefragt, ob gleich der Alexanderplatz kommt. „Der kommt nicht, da müssen Sie schon hinfahren“, lautete die Packung Berliner Schnauze. Mit Blick auf Laschets Lob über seine DDR-Zeit sagte Gysi, er ziehe Probleme an. „Ich habe mich mit Hoeneß das erste Mal gut verstanden, als gegen ihn ermittelt wurde“, sagte er und erwähnte dann eine mögliche Nähe zur SPD:  Das zündete; der Saal bog sich förmlich vor Lachen. Als Gysi den Älteren riet, „Hören Sie auf, den ganzen Tag über Krankheit zu quatschen, davon wird man auch nicht gesund“, lag ihm das Publikum endgültig zu Füßen: Gregor Gregorowitsch, der Ost-Sozialist, war zum Schorsch von nebenan mutiert.

Bei alldem flocht Gysi immer wieder Nachdenkliches ein: „Wenn du nicht zuhörst, kannst du auch nicht reden“, war so ein Satz, vielleicht ja das Geheimnis seiner Schlagfertigkeit. Und er betonte, dass ihn und Laschet eines verbinde: die Abneigung gegen Pegida und die AfD. Applaus im Saal.

Das alles war wie ein Gegenentwurf zur Sitzung aus dem vergangenen Jahr, als ARD-Chef Rainald Becker in seiner Laudatio auf Laschet ätzende Schärfe zeigte. Witz kann eben auch eine Kriegserklärung sein. Laschet und Gysi haben sich als Politiker keine Sekunde verbogen, ohne aufeinander einzudreschen.

Wer wollte, konnte auch beim Karnevalskabarettisten Guido Cantz den Unterschied sehen. Cantz war wieder dabei, er vertritt die deftige Version des Humors: mehr Keule als Florett, ein bisschen schlüpfrig, zwischen politischem Pamphlet und schenkelklopfender Dampfplauderei: Wo Cantz bürgerlicher Hofnarr war, waren Laschet und Gysi adelige Feingeister. Ritter eben, genauer: Steckenpferdritter.