Gedenkfeier zur Reichspogromnacht in Krefeld „Ein ganz starkes Signal der Solidarität“

Krefeld · Rund 400 Menschen – doppelt sie viele wie sonst – kamen zur Gedenkfeier anlässlich des 9. November. Oberbürgermeister Meyer sprach von einem „ganz ganz starken Signal“ der Solidarität mit der jüdischen Gemeinde.

Rund 400 Menschen waren zur Gedenkveranstaltung für den 9. November 1938 zum Platz An der alten Synagoge gekommen – doppelt so viele wie sonst.

Rund 400 Menschen waren zur Gedenkveranstaltung für den 9. November 1938 zum Platz An der alten Synagoge gekommen – doppelt so viele wie sonst.

Foto: Jens Voss

Rund 400 Menschen haben in Krefeld an der Gedenkveranstaltung zum 9. November teilgenommen, bei der an die Reichspogromnacht 1938 erinnert wurde. Die Reden standen unter dem Eindruck der Geschehnisse am 7. Oktober, als die palästinensische Terrororganisation Hamas in Israel den schlimmsten Massenmord an Juden nach dem Holocaust begangen hat. Oberbürgermeister Frank Meyer sagte, er könne sich nicht erinnern, „dass so viele Krefelderinnen und Krefelder hier gestanden haben, um mit ihrem Kommen ein ganz, ganz starkes Signal zu setzen“.

Oberbürgermeister Meyer bei seiner Ansprache unter einem Zeltdach – der angekündigte Regen blieb aber aus.

Oberbürgermeister Meyer bei seiner Ansprache unter einem Zeltdach – der angekündigte Regen blieb aber aus.

Foto: Jens Voss

Die Gedenkfeier fand wie immer an dem Ort statt, an dem früher die jüdische Synagoge stand, bis sie am 9. November 1938 von den Nazis niedergebrannt wurde. Neben Meyer sprachen der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Samuel Naydych, und  Sandra Franz, Leiterin der NS-Gedenkstelle Villa Merländer. Zum Abschluss sprach Michael Gilad, der frühere Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, ein Grußwort und sang ein jüdisches Gebet zum Totengedenken sowie das Kaddisch-Gebet, das als Lobpreisung Gottes auch ein Zeichen der Hoffnung ist – es war ein bewegender Abschluss.

 Solidaritätsplakat für Israel im Kampf gegen die Terrororganisation Hamas.

Solidaritätsplakat für Israel im Kampf gegen die Terrororganisation Hamas.

Foto: Jens Voss

Gekommen waren unter anderem viele Ratspolitiker, Vertreter der christlichen Kirchen und der Türkischen Union, darunter der Vorsitzende Tufan Ünal. Meyer begrüßte ihn besonders und betonte unter Applaus, dies sei ein ganz besonders wichtiges Signal.

 Samuel Naydych, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde: „Jetzt ist nicht die Zeit, leise zu sein.“

Samuel Naydych, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde: „Jetzt ist nicht die Zeit, leise zu sein.“

Foto: Jens Voss

Meyer erinnerte an das Massaker der Hamas und all die Menschen, die dabei „auf allerschrecklichste Weise ihr Leben verloren haben“. Er wies auch auf die antisemitischen Hassparolen, die auf propalästinensischen Demonstrationen  gerufen wurden, und sagte unter starkem Applaus: „Hass und Hetze gegen Juden dürfen in diesem Land, in dieser Stadt keinen Platz haben.“ Immer wieder heiße es „nie wieder“, doch die Welt habe sich in eine andere Richtung gedreht. Dass er heute sagen müsse „nie wieder ist jetzt“, erfülle ihn mit Wut und Fassungslosigkeit. Ein Besuch bei der jüdischen Gemeinde, bei dem ihm Gemeindemitglieder von ihrer Angst berichtet hätten, auf die Straße zu gehen und ihre Kinder zur Schule zu schicken, habe ihn beschämt, ebenso wie das „dröhnende Schweigen vieler in unserer Gesellschaft“. All das zeige, dass dieser Ruf „nie wieder“ kein Selbstläufer sei. Meyer wünschte sich, dass die Krefelder ihre Stadt als „Stadt der Toleranz und des Friedens prägen“, und sagte der jüdischen Gemeinde zu, gemeinsam an der Seite der Jüdinnen und Juden zu stehen.

Samuel Naydych zeigt sich bewegt, dass diesmal so viele Menschen erschienen waren; auch freue er sich, „unsere muslimischen Freunde zu sehen“. Die Frage, warum Erinnern wichtig sei, sei heute beantwortet, sagte er mit Blick auf das Massaker und den weltweit aufflammenden Judenhass; „wenn wir vergessen, passiert es wieder“. Er hielt Bilder von Opfern der Hamas in der Hand, berichtete von einem entführten zweijährigen Mädchen und beklagte, dass weltweit auf den Straßen nicht etwa  die Mörder verurteilt, sondern der Tod von Juden gefeiert werde. Die jüdische Gemeinde in Krefeld trauere auch über die palästinensischen Opfer in Gaza; dennoch dürfe man nicht verwechseln, wer schuld daran sei. Es sei die Hamas, die sich hinter Kindern verstecke. „Israel kämpft nicht gegen Muslime oder Palästinenser, sondern für die ganze zivilisierte demokratische Welt“, sagte er unter Applaus.  Er rief zu lautstarkem Protest gegen Judenhass  auf, „jetzt ist nicht die Zeit, leise zu sein“.

Sandra Franz bekannte, über die Ereignisse der vergangenen Wochen frustriert und wütend zu sein. Sie arbeite seit 17 Jahren daran, die Erinnerung an die NS-Zeit lebendig zu halten und einzuschärfen: „Nicht vergessen: Judenhass ist widerwärtig und dumm.“ Doch der vergangene Monat habe gezeigt: „Wir haben nicht annähernd genug getan.“ Der Antisemitismus, der am 9. November 1938  zum Ausdruck gekommen sei, sei niemals verschwunden.

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