Kooperation mit Krefelder Schulen Wie das Kresch Schülern den Nationalsozialismus vermittelt

Krefeld · Zwei starke Frauen lehnen sich auf gegen die Unmenschlichkeit der Nazis: Mit Stücken über Sophie Scholl und die Krefelder Bäuerin Anna Tervoort spricht das Kresch ein junges Publikum an - und kommt auch in Schulen. So funktioniert das,

Die bodenständige Bäuerin: Anja Balzer in einer Szene aus „Anna Tervoort - Gerechte unter den Völkern" im Kresch-Theater

Die bodenständige Bäuerin: Anja Balzer in einer Szene aus „Anna Tervoort - Gerechte unter den Völkern" im Kresch-Theater

Foto: Reza Blersch

Sophie ist jung, Studentin, lebt behütet in ihrer Münchner Familie. Anna ist Bäuerin, kennt harte Arbeit. Seit ihr Mann als Soldat in den Krieg ziehen musste, bewirtschaftet sie den Hof in Krefeld allein. Beide sind Frauen, die sich widersetzen, die sich dem grausamen Regime der Nationalsozialisten mutig entgegenstellen, die ihre Leben riskieren: Sophie Scholl aus der Widerstandsgruppe Weiße Rose und Anna Tervoort, die eine junge jüdische Frau bei sich versteckte und ihr so das Leben rettete. Beide sind Identifikationsfiguren. Mit zwei Stücken bringt das Kreschtheater zurzeit Schülerinnen und Schülern das Schicksal der beiden Frauen nahe, lässt sie wahre Geschichten aus Deutschlands dunkelsten Jahren packend erleben.

Für Kresch-Leiterin Isolde Wabra ist das klarer Bildungsauftrag. Die Kooperation mit Schulen gehört zum Kresch-Programm. Theaterbesuche, Vor- und Nachgespräche sind vereinbart.

An diesem Vormittag sitzt eine Gruppe der Gesamtschule am Kaiserplatz, einem Kooperationspartner des Kresch-Theaters, im Publikum. Im vergangenen Jahr haben das Theater und die Schule eine zweijährige Zusammenarbeit beschlossen. „Ein Punkt der Vereinbarung sind regelmäßige Besuche, so wie heute, und die Gespräche mit den Jugendlichen nach den Aufführungen“, sagt Isolde Wabra.

Das Kreschteam Christina Wouters, Franz Mestre und Anja Balzer (v.l.) im Nachgespräch mit einer Gruppe der Gesamtschule Kaiserplatz. Foto: Stadt Krefeld

Das Kreschteam Christina Wouters, Franz Mestre und Anja Balzer (v.l.) im Nachgespräch mit einer Gruppe der Gesamtschule Kaiserplatz. Foto: Stadt Krefeld

Foto: Stadt Krefeld

Erstes Stück: Sophie Scholl, gespielt von Christina Wouters. Als sie den rechten Arm zum Hitler-Gruß hebt, geht ein Raunen und Tuscheln durch die Zuschauerreihen. Dieser Arm, der mit der linken Hand immer wieder heruntergedrückt wird, schnellt reflexartig ebenso oft wieder hoch. Die Geste zeigt den Widerspruch. Sophie hatte sich anfangs vom Nationalsozialismus begeistern lassen. Als sie die Grausamkeiten der Nazis mitbekommt, will sie gemeinsam mit ihrem Bruder und Freunden die Menschen zum Widerstand gegen die Unmenschlichkeit bewegen - mit Flugblättern. Sie wird verhaftet und zum Tode verurteilt.

Gebannt verfolgen die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer die packenden Szenen. Sätze wie „Was wir denken, denken viele, aber sie sagen es nicht“ oder „Zum Abschied von unseren Eltern haben sie uns nur eine halbe Stunde gegeben“ haben Wucht. Die Identifikation mit der fast gleichaltrigen Sophie ist für die Schüler bewegend.

Zweites Stück: Auch die Geschichte von Anna Tervoort geht unter die Haut. Anja Balzer spielt die Bäuerin aus Traar - eine Geschichte, die sich quasi vor der eigenen Haustür ereignete. Anna Tervoort (1909-2003) ist eine bodenständige Person, eine, die zupackt, nicht viel Aufhebens macht. Als die Jüdin Johanna Werner deportiert werden soll, sagt die Bäuerin „Frau Werner kann hier bleiben.“ Anna Tervoort gefährdet ihr eigenes Leben für einen Menschen, den sie bis dahin nicht einmal gekannt hat. Von der Gedenkstätte Yad Vashem wurde sie 1997 als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet. Eine seltene Ehrung, und sie ist dort die einzige Krefelderin, die auf diese Weise gewürdigt wurde.

Epilog: Die Schauspielerinnen Anna Balzer und Christina Wouters sowie Franz Mestre, der im „Anna Tervoort“-Stück Regie führt, kommen auf die Bühne. Welche Eindrücke und Empfindungen die Schüler hatten, möchte Mestre wissen. Im Tervoort-Stück war die Rede von polnischen Zwnagsarbeitern. Ein Schüler fragt nach: „Was ist denn Zwangsarbeit, so was wie Sklaverei?“ - „Ja. Unter anderem wurden Kriegsgefangene zur Arbeit auf Bauernhöfen gezwungen“, erklärt Mestre. Eine Schülerin sagt betroffen: „Ich wusste zwar von Sophie Scholl, aber nicht, dass sie hingerichtet worden ist.“ Viele sind nachdenklich.

Das Kresch-Theater gibt auch Gastspiele in Schulen, nicht nur innerhalb von Krefeld. „Auch die überregionale Nachfrage steigt weiter an. Das ist für uns eine schöne Bestätigung, dass wir mit unseren Themen die Lebenswirklichkeit der Schüler ansprechen und bei dem Thema Nationalsozialismus mit einer traurigen Aktualität“, sagt Isolde Wabra.

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