Krefeld: Stadthaus: Politik wagt zweiten Anlauf

Krefeld: Stadthaus: Politik wagt zweiten Anlauf

Nach einer sachlichen Debatte im Bauausschuss will die Politik einen neuen Anlauf zur Sanierung des Stadthauses wagen. Zudem soll die Planung für einen Neubau vorangetrieben werden. Unmut herrscht über den Denkmalschutz.

Vorweg dies, denn es ist nicht selbstverständlich: Es gab keine Schuldzuweisungen an die Adresse der Verwaltung oder an Planungsdezernent Martin Linne, im Gegenteil. "Die Verwaltung hat vernünftig gearbeitet", sagte CDU-Ratsherr Manfred Läckes. Auch Linnes Darstellung der Abläufe seit dem Beschluss zur Sanierung des Stadthauses im November 2016 bot für solche Vorwürfe wenig Anhaltspunkte. Dass die Denkmalschützer beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) dem Materialerhalt bei Fenstern, Fliesen und Türen einen so hohen Stellenwert einräumen würden, dass sie faktisch die Sanierung gefährden, war demnach unabsehbar. Gestern hat der Bauausschuss nun die Konsequenz aus diesem Dilemma gezogen: Krefeld wird nun zweigleisig fahren. Die Stadt wird einen zweiten Anlauf mit neuer Ausschreibung für eine Sanierung des Stadthauses in drastisch abgespeckter Form wagen; parallel dazu wird die Grundlagenplanung für einen Neubau vorangetrieben - für den Fall, dass man sich nicht mit dem Denkmalschutz einigt. Der Standort eines möglichen Neubaus - Willy-Brandt- oder Theaterplatz - soll bei der nächsten Ratssitzung festgelegt werden.

Foto: Stadt Krefeld

Linne berichtete, dass er aus dem entscheidenden Gespräch mit dem Amt für Denkmalpflege im Rheinland Mitte Januar dieses Jahres mit dem Eindruck herausgegangen sei, man sei sich einig. Er begründete diesen Optimismus auch damit, dass es in 95 Prozent der denkmalrechtlichen Fragen Übereinstimmung gegeben habe. Dann kam überraschend die Mitteilung des LVR über erhebliche Bedenken gegen die Planung.

Parallel dazu stellte sich heraus, dass keine Firma bereit war, sich an einer Ausschreibung in der vorgesehenen Form zu beteiligen (wir berichteten). Die Unternehmen hielten die Einzel-Aufarbeitung von Fenstern, Türen und Fassadenfliesen für technisch undurchführbar. Ein wichtiger Punkt, der mehrfach betont wurde: Es war keine Frage des Geldes; die Sanierung in der angestrebten Form ist nach Auffassung der Fachfirmen nicht machbar. Die Politik wurde über diese Entwicklungen im April informiert.

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So war gestern der Konsens: Nicht die Krefelder Verwaltung oder Linne hatten den Fortgang der Dinge aufs Spiel gesetzt; es war der Denkmalschutz mit Forderungen nach Materialerhalt um jeden Preis. "Das ist schlichtwerg nicht nachvollziehbar", sagte SPD-Fraktionschef Benedikt Winzen und sprach damit für alle. Konsens im Raum war auch dies: Wünschenswert ist die Sanierung nach wie vor. Winzen betonte, es gehe schließlich um ein Denkmal und ein bedeutendes Beispiel moderner Architektur. Dazu kommt: Den Bau links liegen zu lassen, wäre kein billiges Vergnügen. Die "Ewigkeitskosten" für den puren Erhalt betrügen 350.000 Euro jährlich, sagte FDP-Ratsherr Paul Hoffmann. Krefeld wäre als Eigentümer verpflichtet, den Bau mindestens zu sichern. Allerdings ließ Linne keinen Zweifel, dass damit langsamer Verfall verbunden wäre. Es gebe viele Beispiele für Denkmäler, die nach dem Scheitern hehrer Sanierungspläne jahrzehntelang vor sich hin gammeln. Dass es andere Interessenten für den Bau geben könne, schloss er aus.

Ironie dabei: Ausschussvorsitzender Jürgen Wettingfeld (CDU) zitierte genüsslich aus der Zeitschrift "Monumente" - einer Fachzeitschrift für das Denkmalwesen. Tenor des Beitrags über Eiermann: Der Architekt selbst hätte kaum viel Aufhebens um den Erhalt seiner Bauwerke gemacht. Zitat aus der April-Ausgabe: "Das Bewahren von Altem war seine Sache nicht, Architektur für die Ewigkeit empfand er als Anmaßung. Und den möglichen Abbruch dachte er bei der Konstruktion seiner Bauten gleich mit. Als Denkmalpfleger hätte sich Egon Eiermann nicht gerade empfohlen. Dass man heute alles daransetzt, seine einzigartigen Bauten auch für nachfolgende Generationen zu erhalten, wäre dem Meister der Moderne wohl übertrieben nostalgisch vorgekommen." So wurde der Plan, einen zweiten Anlauf der Sanierung mit einer entschlackten Ausschreibung zu wagen, mit den Stimmen von SPD, CDU, Grünen und FDP beschlossen. Wohlgemerkt: Die Gestalt des Gebäudes soll nach wie vor bewahrt werden - aber mit modernem Material. Die Grünen enthielten sich bei dem Vorhaben, die Planung für einen Neubau voranzutreiben. Sie befürchten, dass damit ein heimlicher Vorentscheid für einen Neubau verbunden sei; die Fraktion will die Priorität der Sanierung sichergestellt sehen. Grünen-Fraktionschefin Heidi Matthias sah für ihre Fraktion noch Beratungsbedarf.

Der Verzug kostet Geld; wenn alles gut läuft und der Denkmalschutz einlenkt, kostet die rund 18-monatige Verzögerung immer noch mindestens fünf Millionen Euro, erläuterte Linne. Sollte der LVR nicht einlenken und am Ende das Heimatministerium entscheiden müssen, ist die Dauer unabsehbar. Allein dieser Prozess könne sich bis zu zwei Jahren hinziehen, sagte Linne - obwohl die Verwaltung auch das Ministerium über alle Entwicklungen informiert hat. Auch das könnte das Aus für die Sanierung bedeuten. So liegt das Schicksal des Stadthauses jetzt in der Hand von einer Handvoll Bediensteten der LVR.

(RP)