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SC Bayer 05 Uerdingen: Anna Keyserlingk, die fliegende Gräfin

Leichtathletik : Anna Keyserlingk, die fliegende Gräfin

Dem 16-jährigen Shootingstar des SC Bayer 05 Uerdingen gelingt in der Halle im Dreisprung mit 12,95 Metern ein neuer deutscher Rekord. Die U18-Europameisterschaft in Italien wird wahrscheinlich wegen des Coronavirus’ abgesagt.

Anna Keyserlingk ist so etwas wie der Shooting-Star der deutschen U18 Leichtathletik des zuürckliegenden Winters. Bei den Deutschen U20-Hallenmeisterschaften – Nationale U18-Titelkämpfe werden in der Halle nicht angeboten – ersprang die 16-Jährige im Trikot des SC Bayer 05 Uerdingen nicht nur den Titel im Dreisprung, sondern stellte mit ihrer Siegesweite von 12,95 Metern gleichzeitig einen neuen Deutschen U18-Hallenrekord auf. Hiermit reiht sie sich in der Deutschen Rekordliste neben so illustren Namen wie Grit Breuer, Heike Drechsler (früher Daute) sowie den aktuellen Stars Gina Lückenkemper und Konstanze Klosterhalfen ein.

Ihr erfrischendes Live-Interview bei der Deutschen Meisterschaft und weitere Kommentare auf Leichtathletik.de taten ein Übriges, Anna Keyserlingk in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken. In der Szene wird sie „die Gräfin“ genannt. Denn was viele bis dahin vielleicht gar nicht wussten – sie ist tatsächlich eine waschechte Gräfin. Offiziell in ihrem Pass und damit auch in ihrem Leichtathletik-Startpass steht Anna Gräfin Keyserlingk. „Schuld“ daran ist ihr Vater Alexander Graf Keyserlingk, dessen Vorfahren seit 1918 den Namensbestandteil „Graf“ offiziell tragen und eine Grafschaft im Baltikum ihr Eigen nannten.

„Am Anfang war es schon etwas komisch, bei Wettkämpfen oder in der Schule so aufgerufen zu werden – vor allem, wenn man dann die irritierten Blicke der anderen sah“, sagt Anna Keyserlingk. „Da wird jede Geste und Äußerung schnell auf die Goldwaage gelegt, um einem Arroganz zu unterstellen. Doch so bin ich nicht. Ich lege keinen gesteigerten Wert darauf, als Gräfin aufgerufen zu werden, aber was soll ich machen – ich heiße nun mal so. Für meine Schulfreunde und Trainingspartner bin ich natürlich Anna und mein Blut ist auch nicht blauer als das von anderen.“ Sagt sie und lacht.

Anna Keyserlingk lebt mit ihrer Familie in Hüls. Bruder Benedikt (19) ist ebenfalls mit dem SC Bayer 05 Uerdingen verbunden. Er absolviert nämlich dort gerade ein einjähriges Freiwilliges Soziales Jahr. Da seine Schwester noch keinen Führerschein hat, teilen sich der Vater, Mutter Stephanie und Benedikt den Fahrdienst, um das Küken der Familie zum Training in den Covestro-Sportpark zu kutschieren. Anna Keyserlingk besucht sie die 10. Klasse des Gymnasiums Horkesgath. Nach dem Abitur im Jahr 2022 will die Spitzensportlerin Jura studieren und Anwältin werden.

Doch zunächst steht der Sport im Vordergrund. Hierfür trainiert sie viermal pro Woche je zwei Stunden. Dabei steht vielseitiges, mehrkampforientiertes Training im Vordergrund. „Wir springen im Training maximal einmal wöchentlich“, berichtet ihr Trainer Detlef Franz. „Seit den Hallenmeisterschaften Mitte Februar haben wir kein einziges Mal Dreisprung trainiert.“

Cheftrainer Peter Quasten bestärkt den Kollegen in seiner Trainingsausrichtung. „Vielseitige Athletik und Mehrkampftraining setzen aktuell noch genügend Trainingsreize und dienen langfristig der Verletzungsprophylaxe“, so Quasten. „Annas Krafttraining beschränkt sich auf maximal 20 Minuten pro Woche. Mit dieser Art des Trainings sind wir bis jetzt sehr gut gefahren. Bei ständigen Leistungssteigerungen besteht absolut keine Notwendigkeit, daran etwas zu ändern.“ Auch die Wettkampfhäufigkeit in Sachen Dreisprung soll auf einem Mindestmaß gehalten werden. Stattdessen sollen auch weiterhin Disziplinen wie Sprint, Hürdenlauf, Weit - und Hochsprung im Portfolio gehalten werden.

Wie es in dieser Saison sportlich weitergehen wird, steht allerdings in den Sternen. Die jüngste Entwicklung rund um den Corona-Virus lässt aktuell keine Prognosen zu. Das für die Osterferien geplante Vereins-Trainingslager auf Teneriffa musste bereits abgesagt werden. Und auch die U18-Europameisterschaften Mitte Juli in Rieti (Italien) dürfte dem Virus zum Opfer fallen. Hier hätte Keyserlingk mit etwas Glück sogar in den Medaillenbereich springen können. Im Moment bleibt ihr nur, sich so gut es geht individuell fit zu halten, um für die Saison, wann immer sie beginnt, gerüstet zu bleiben.

Nach der Schließung aller Sportanlagen funktioniert das in enger Absprache mit ihren Trainern durch Alternativprogramme. Läufe, Sprints und Sprünge werden im Wald oder in Parks durchgeführt. Für Athletik und Stabilitätstraining muss dann auch schon mal das Wohnzimmer herhalten.