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Paralympics: "Paralympics sind das A und O"

Paralympics : "Paralympics sind das A und O"

Der Hülser Tennislehrer Christoph Müller ist seit 2007 Bundestrainer der Tennisspieler, die im Rollstuhl sitzen. Mit seinen beiden Top-Spielerinnen Sabine Ellerbrock und Katharina Krüger fährt er zu den Paralympischen Spielen nach London.

Herr Müller, in ein paar Tagen beginnen die Paralympischen Sommerspiele der Sportler mit Behinderung. Sind Sie schon aufgeregt?

Christoph Müller Natürlich. Ich war bislang bei sechs Weltmeisterschaften dabei, aber die Paralympics sind natürlich das A und O. Das toppt alles.

Wie wird man Bundestrainer?

Müller Ich habe 2006 an einer Fortbildung teilgenommen, dabei den ehemaligen Bundestrainer kennengelernt und bin mit dem Verband in Kontakt geblieben. Zunächst bin ich dann zum Co-Trainer berufen worden, habe später dann die Damen betreut und seit dem 1. Januar 2007 nun alle Klassen: Damen, Herren, Jugend und Quad, also Sportler, die zusätzlich auch ihre oberen Extremitäten eingeschränkt haben.

Sie betreuen zwei deutsche Sportlerinnen, die Tennis im Rollstuhl spielen.

Müller Beinahe wären es drei gewesen. Leider hat es Steffen Sommerfeld nicht geschafft, weil er zwar die internationale, aber nicht die deutsche Norm geschafft hat.

Klingt merkwürdig. Ist die deutsche Norm höher als die internationale?

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Müller Kurioserweise ja. International gilt für die Herren eine Platzierung unter den Top 46 der Welt, national aber ein Top 20-Platz. Das ist eigentlich wider dem olympischen Gedanken. Steffen ist deshalb schon zum zweiten Mal nicht bei den Paralympics dabei. Da sollte sich das nationale paralympische Kommittee mal Gedanken machen.

Wie schätzen Sie die Aussichten Ihrer Schützlinge ein?

Müller Das ist schwer zu sagen. Sabine Ellerbrock ist die Nummer vier der Welt, und ich erwarte schon, dass sie ins Halbfinale kommt. Bei Katharina Krüger ist das nicht ganz so einfach. Sie ist zwar die Nummer 13 in der Welt, aber wird nicht gesetzt, weil nur vier Spieler gesetzt werden. Darum dürfte sie frühzeitig auf eine der weltbesten Spielerinnen treffen. Bei einer guten Auslosung aber kann sie mindestens die erste Runde überstehen. Und im Doppel muss man abwarten, ob wir gesetzt sind. Ziel ist aber das Viertelfinale.

Tennis im Rollstuhl klingt schwierig umzusetzen. Wird nach den gleichen Regeln wie bei Sportlern ohne Behinderung gespielt?

Müller Es gibt nur eine Änderung, nämlich dass die Bälle zweimal aufspringen dürfen. Ansonsten ist das Spielfeld gleich groß, die Bälle sind gleich und der Boden auch. Weltweit werden etwa 170 Turniere ausgetragen. Höhepunkte sind die vier Grand Slam-Turniere, die parallel zu denen der Fußgänger ausgerichtet werden. Die Sportler der Weltspitze sind Vollzeit-Profis.

Die Rollstühle dürften aber Spezialanfertigungen sein.

Müller Ja. Sie werden speziell für das jeweilige Handicap des Sportlers gefertigt. Sie haben einen leichten Sturz der Reifen. Dadurch sind sie schneller und wendiger. Sie wiegen nur acht Kilo. Und sie sind teurer, ab 4500 Euro aufwärts.

Ist es schwieriger, Menschen im Rollstuhl das Tennisspielen beizubringen?

Müller Grundsätzlich kann das jeder Tennislehrer. Du musst dich natürlich entsprechend bemühen und darfst im Kopf keine Barrieren haben. Außerdem muss man Fahrwege statt Beinarbeit beachten. Die Spieler müssen Ball, Schläger und den Rollstuhl gleichzeitig koordinierten. Schwieriger ist es daher vielleicht nicht, aber umfangreicher.

Das heißt?

Müller Du musst den Sportler besser kennen als normalerweise, am besten sogar seine Lebensgeschichte. Nicht alle haben schließlich ihr Handicap von Geburt an, sondern beispielsweise auch durch einen Unfall. Jeder geht anders damit um, auch psychisch. Dann musst du auch die Art des Handicaps berücksichtigen. Ein Querschnittsgelähmter kann weniger tennisspezifische Muskeln einsetzen als einer mit einer Amputation.

Haben Sie keine Berührungsängste?

Müller Nein, die habe ich nie gehabt. Ich unterrichte einen Menschen, der Tennis spielen möchte. Da ist es mir egal, ob er im Rollstuhl sitzt oder Fußgänger ist.

Wie werden die Sportler akzeptiert?

Müller Viele fragen, wie denn die Abläufe sind, also wie ein Spiel funktioniert und dergleichen. In Sachen Sponsoren ist es derzeit ganz schlecht. Viele Firmen tun sich schwer damit, Behindertensport zu unterstützen. Wer aber einmal den Kontakt gefunden hat, der akzeptiert und respektiert die Sportler enorm. Er sieht nicht mehr das Handicap, sondern findet es faszinierend, was sie trotz ihrer Behinderung machen können.

In London wird die Fernsehpräsenz so groß wie noch nie bei Paralympischen Spielen sein. Hilft das beispielsweise bei der künftigen Sponsorensuche?

Müller Es ist wichtig zu sehen, was die Sportler trotz ihres Handicaps leisten können. Es wäre schön, wenn das kontinuierlicher geschehen würde als nur bei den Paralympics. Das ist aber eine Aufgabe, die für uns Ansporn sein kann. ARD und ZDF geben jetzt den Anschub dazu. Wir müssen diesen Schwung daraus jetzt mitnehmen und am Köcheln halten.

Worauf freuen Sie sich am meisten in London?

Müller Vermutlich auf die Eröffnungsfeier am Mittwoch. Das Stadion ist ausverkauft. 80 000 Menschen sind dann darin. Das darf man sich nicht entgehen lassen.

(RP/url)