Lokalsport: Eine magische Nacht

Lokalsport: Eine magische Nacht

Das Fußball-Regionalligaspiel zwischen Essen und Uerdingen und die Begleitumstände gleichen einer Wundertüte: eine Überraschung jagt die nächste. Glück und Unglück, Zufriedenheit und Unzufriedenheit liegen extrem eng beieinander.

Diesen Abend werden viele Fußballfreunde aus unterschiedlichsten Gründen nicht so schnell vergessen. Schon von den Fakten und Zahlen war es keine alltägliche Begegnung. Gastgeber Rot-Weiss Essen führte durch zwei Sonntagsschüsse bis zur 90. Minute mit 2:0. Zunächst hatte Benjamin Baier aus der Distanz in den Winkel getroffen, dann Kevin Grund per Freistoß. Wer wollte da noch auch nur einen Pfifferling für den KFC Uerdingen geben?

Jimmy! Der Anhänger der Blau-Roten gab 95 Minuten Vollgas. Er heizte die Stimmung an, als sie auf der Tribüne längst auf den Nullpunkt gesunken war. Er war der Garant dafür, dass die knapp 500 mitgereisten Fans eine Top-Leistung brachten und am Ende dafür überraschend noch belohnt wurden - mit den magischen 100 Sekunden an der Hafenstraße.

In der 90. Minute wurde der Ball wunderbar zu Maximilian Beister durchgesteckt. Der Joker stach. Na gut, aber der Anschlusstreffer kommt ja wohl zu spät - dachten (fast) alle. Doch dann kam der Ball zu Johannes Dörfler. "Das war glücklich, und ich dachte mir, Alles oder Nichts. Dann habe ich einfach drauf gehalten." 2:2, unglaublich.

All das wäre eigentlich schon genug, damit der Abend lange in Erinnerung bleibt, doch es gibt noch andere Aspekte, die dafür sorgen. Bei den Essenern ist es die Tatsache, dass sie bereits am Freitag eine 2:1-Führung gegen Wattenscheid in den letzten Sekunden verspielt und durch Treffer in der 89. und 90+4 noch verloren hatten. So haben sie quasi in fünf Schlussminuten fünf sicher geglaubte Punkte abgegeben. Der Frust darüber war so groß, dass einige RWE-Fans drohten durchzudrehen. Sie wollten nach dem Spiel gegen den KFC die Geschäftsstelle ihres Vereins stürmen, was jedoch mit Hilfe eines massiven Polizeiaufgebots verhindert wurde.

Aber auch für die KFC-Spieler gab es noch eine Überraschung. Gerade noch waren sie in der Kurve von den Fans ob des erfolgreichen Schlussspurts gefeiert worden, da schlug die Stimmung plötzlich um. KFC-Präsident Mikhail Ponomarev war nicht etwa in die Kabine geeilt, um mit ihnen den Punktgewinn zu feiern, sondern seinem Ärger über die zwei verlorenen Zähler Luft zu machen. Fußball ist eben emotional, schnelllebig, unberechenbar.

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Diese Einschätzung teilt Trainer Michael Wiesinger allerdings nicht. "Den Punkt nehme ich gern", sagte er. "Das ist ein Punkt für die Moral, darauf lässt sich aufbauen." War das 1:1 im Heimspiel gegen Verl am Samstag eine gefühlte Niederlage, so war das 2.2 in Essen ein gefühlter Sieg.

Dabei herrschte in der Einschätzung große Einigkeit. "Dass wir hier am Ende einen Punkt mitnehmen, ist natürlich glücklich", sagte Marcel Reichwein. Christian Dorda meinte achselzuckend: "So ist Fußball." Die Worte von Co-Trainer Stefan Reisinger "Man darf eben nie aufgeben", der indirekt die Einstellung der Mannschaft lobte, erinnerten irgendwie an Oliver Kahn. "Weiter, immer weiter", lauteten die legendären Worte des ehemaligen Weltklasse-Torhüters.

Nüchtern betrachtet war es jedoch eine allenfalls durchschnittliche Leistung des KFC. Kapitän Mario Erb bot eine mäßige Leistung und strahlt derzeit wenig Souveränität aus, Patrick Ellguth wirkte zu behäbig, Christian Schwertfeger bekam das Spiel im Mittelfeld nicht in den Griff, lediglich Dennis Chessa und Johannes Dörfler brachten das notwendige Tempo ins Spiel.

Ein Punkt bei Rot-Weiss Essen - damit könnte der KFC gut leben, wenn es da nicht diese völlig überzogene Erwartungshaltung gäbe.

(ths)
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