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So verlief der erste Schultag zu Corona-Zeiten in Krefeld

Start mit Abschlussklassen : So verlief der erste Schultag zu Corona-Zeiten in Krefeld

Schulstart in Krisenzeiten: Am Donnerstag trafen die ersten Schüler in den weiterführenden Schulen ein. Ein normaler Schultag wurde es nicht. Es war ein Testlauf für die sehr unterschiedlichen Sicherheitskonzepte der Schulen.

Am Donnerstag öffneten Krefelds weiterführende Schulen für Jugendliche, die vor den Abschlussprüfungen stehen. Es waren nicht nur Abiturienten in den Schulen unterwegs, sondern auch zahlreiche Zehntklässler, die am Ende des Schuljahres den Hauptschulabschluss oder den Mittleren Schulabschluss machen. In den Berufskollegs fanden sich zudem Schüler ein, die vor dem Erwerb der Fachhochschulreife, vor Berufsabschlüssen, vor dem Abitur oder vor Berufs- bezeihungsweise Weiterbildungsabschlüssen stehen. Es war also bereits am ersten Tag eine Menge los. Wir haben uns in einigen Schulen umgeschaut und bei Lehrern und Schülern  nachgefragt, wie der Schulstart gelaufen ist.

Gesamtschule Uerdingen: „Sehr zufrieden“ war Vize-Schulleiter Dirk Wellesen mit dem ersten Tag an der Gesamtschule Uerdingen. „Es hat bis auf Kleinigkeiten alles gut geklappt“, resümiert er. Die Gesamtschule hat ihre Schüler mit einem Video auf den ersten Tag vorbereitet. Am Donnerstag waren nahezu alle Schüler der zehnten Klasse in der Schule. Nur ein Schüler der 145 Zehntklässler  hat besondere Bedingungen geltend gemacht und war zu Hause geblieben. Die Schule hat ein besonderes System an Wegen und Unterrichtsstruktur ausgearbeitet. An jedem Tag wird ein Fach unterrichtet; Donnerstag war Mathematik dran. Die sonst üblichen sechs Kurse wurden auf zwölf Kurse verteilt; im Unterricht selbst wurde alle halbe Stunde gelüftet. Die zwölf Klassenräume waren verteilt auf zwei Etagen. Es gab eine Pause am Schulvormittag, der etwa von acht bis 11.30 Uhr dauerte; die Schüler haben sich vor dem Gang in die Pause die Hände gewaschen. Die Pausen selbst waren gestaffelt, die Schüler verteilten sich zudem vor und hinter der Schule. Nicht ganz geklappt hat die Pausenstaffelung: Es kam zu Begegnungen von Schülern auf dem Flur, die so nicht geplant waren, berichtet Wellesen, „demnächst wird an die Tür geklopft, wenn eine Gruppe durch ist und die nächste Gruppe in die Pause gehen kann.“ Auf den Fluren gilt die Mundschutzpflicht, in den Klassen dürfen die Mundschutze abgenommen werden. Die Schule hat selbst Behelfsmasken gefertigt, um Schülern, die über kein eigenen Masken verfügen,  eine Maske zur Verfügung stellen zu können.

Berufskollegs Uerdingen und Glockenspitz: „Es war viel Vorbereitung, aber dafür hat es heute auch gut geklappt“, sagt Sven Mundry, der aktuell die Berufskollegs Uerdingen und Glockenspitz leitet. In Uerdingen sind an diesem Tag rund 200 Schüler in den Gebäuden, 48 davon werden am heutigen Freitag eine Vorabi-Klausur schreiben. Dafür haben die Lehrer die Turnhalle hergerichtet, in der sich Tische im geforderten Abstand von 1, 50 Meter aneinanderreihen. Jeder Platz ist durchnummeriert und einem bestimmten Schüler zugewiesen, um im Falle einer Erkrankung die Sitznachbarn schnell ermitteln zu können. Alle Schüler wurden von ihren Lehrern telefonisch über die Sitzordnung informiert und kennen auch die Regeln, wie sie sich zwischen den Tischreihen zu bewegen haben. Viel zu tun hat derzeit auch das Reinigungspersonal, das alle Tische und Stühle vor und nach Gebrauch desinfiziert.

Nichts läuft wie gewohnt an diesem Tag. So gibt es auch keine zentralen Pausen mehr und der Unterricht findet in kleinen Gruppen von zwölf Schülern statt. Die verschiedenen Eingänge nutzt die Schule, um die Jugendlichen schon vor Betreten des Schulgebäudes zu trennen. Pläne informieren, welche Klassen welchen Eingang zu nutzen haben. Auf den vorgeschriebenen Abstand wird überall im Gebäude hingewiesen. „Ich fühle mich trotz Corona auf die Abiprüfungen gut vorbereitet“, sagt Philip Küntges. Der 18-Jährige hat auch in der unterrichtsfreien Zeit engen Kontakt zu seinen Lehrern halten können. Sorgen um seine Gesundheit macht er sich weniger. „Ich arbeite in meinem Nebenjob im Einzelhandel, dadurch kenne ich schon vieles. Trotzdem ist die Situation momentan irgendwie surreal. So richtig bin ich noch nicht im Prüfungsmodus.“ Sehr gestört hat den Abiturienten das politische Hin und Her. „Ich habe mir einen Lernplan für zu Hause gemacht, den ich mehrmals ändern musste, weil sich immer wieder Termine verschoben haben. Das hat genervt“, sagt er.

Auch die Lehrer mussten bis zur letzten Sekunde an der Umsetzung der Hygienerichtlinien basteln. „Es war ein gutes Stück Arbeit, und wir sind stolz darauf, es in der uns nur begrenzt zur Verfügung stehenden Zeit geschafft zu haben“, sagt Sven Mundry, der zurzeit auch das Berufskolleg Glockenspitz leitet und entsprechend in beiden Schulen eingespannt war. Unterricht wie gewohnt wird es seiner Einschätzung nach noch lange nicht geben können. „Wir wollen die gemeinsame Zeit nutzen, um Fragen zu beantworten und auf Schwierigkeiten einzugehen, die während der Zeit des Distanzlernens aufgetaucht sind“, erklärt er. 

Auf 36 der 100 Lehrkräfte muss das Berufskolleg Uerdingen momentan verzichten. Am Kolleg Glockenspitz sind es 20. Da die Lerngruppen halbiert wurden, wird aber eigentlich mehr Personal benötigt. Zumal am Berufskolleg, anders als an einer Grundschule, in vielen Fächern Expertenwissen gefragt ist. Für einen Kollegen einzuspringen, ist deshalb nur bedingt möglich. „Die Lockerung war und ist für uns eine logistische und organisatorische Herausforderung. Ich bin erleichtert, wenn alle Prüfungen geschrieben sind ohne das ein Schüler oder Lehrer erkrankt“, sagt Antje Kunkel, stellvertretende Leiterin des Berufskollegs Glockenspitz, mit Blick auf die Maßnahmen, die im Falle einer Erkrankung zu treffen wären. In den beiden Gebäuden an der Glockenspitz sollen die Schüler sogar zwei Meter Abstand einhalten. „Das variiert, je nachdem, welchen Anweisungen man folgt“, erklärt die Studiendirektorin.

Gymnasium am Moltkeplatz: Dieser Donnerstag war kein gewöhnlicher. Udo Rademacher, Schulleiter des Moltke-Gymnasiums, wusste morgens noch nicht, wer überhaupt erscheinen würde – schließlich ist der Unterricht freiwillig. Die meisten Abiturienten sind jedoch da, nur ein Schüler fehlt. Der Schulleiter begrüßt seine Schüler an diesem Morgen in kleinen Gruppen persönlich. Auch wenn der digitale Unterricht reibungslos abgelaufen sei, spiele die Atmosphäre beim Lernen auch eine große Rolle – etwas, das nur persönlicher Unterricht gewährleisten kann. Jetzt sollen die Schüler die Möglichkeit bekommen, einige Stunden am Tag zurück zur Schule zu kommen und sich im Unterricht auf ihr Abitur vorzubereiten. Auch Abiturientin Johanna Gref (18) ist froh, wieder da zu sein: „Grundsätzlich ist es gut, dass wir die Möglichkeit bekommen, Fragen zu stellen“, findet sie. „Im Endeffekt müssen wir aber trotzdem selber lernen.“ Außerdem haben die Schüler ihre Freunde vermisst.

Wie vor der Pandemie ist der Unterricht jedoch nicht – es werden strenge Hygiene-Maßnahmen eingehalten: Tische sind auseinandergerückt, Desinfektionsspender aufgestellt. Rademacher berichtet, dass ein Hygiene-Plan aufgestellt wurde. Dieser beinhaltet unter anderem, dass alle Klassenräume mit genügend Flüssigseife und Handtüchern ausgestattet sind. Außerdem findet man überall in der Schule schwarze Pfeile auf dem Boden, die eine Laufrichtung vorgeben, damit es möglichst wenige Begegnungen auf dem Gang gibt. „Der Laufplan ist aber eher für die Zeit gedacht, wenn auch die anderen Stufen wieder in den Unterricht kommen“, erklärt Rademacher.

Eine Maskenpflicht gibt es an der Schule nicht. „Wir können unseren Schülern auch so Sicherheit garantieren“, findet der Schulleiter. Um ihre Gesundheit machen sich die Schüler des Moltke-Gymnasiums keine Sorgen. Nur der Unterricht habe sich sehr verändert: „Die Interaktion ist sehr eingeschränkt, die Lehrer können nicht mehr rumgehen und wir nichts mehr an die Tafel schreiben“, berichtet Abiturient Florian Kaulen (18).

Alle Kurse, die mehr als zehn Teilnehmer haben, werden geteilt, ein zweiter Lehrer unterrichtet die andere Kurshälfte. Dennoch wechselt der Fachlehrer zwischen den Räumen, um all seine Schüler unterrichten zu können. Pausen gibt es keine, damit sich die Schüler auf dem Gang nicht begegnen. Stattdessen sollen die Lehrer zeitversetzt selbst kleine Pausen einlegen.

Trotz der psychischen Belastung, der die Schüler durch die Pandemie ausgesetzt sind, findet Rademacher die Bedingungen für das Abitur fair. Schließlich würden alle verpassten Leistungskurs-Stunden nachgeholt – und die Schüler müssten sich neben ihren Abiturvorbereitungen nicht zusätzlich mit Nebenfächern wie Sport oder Religion herumschlagen. Die Schüler jedoch glauben schon lange nicht mehr an ein faires Abitur. „Es ist eine besondere Situation“, findet Johanna Gref (18). „Ein normales, faires Abitur zu schreiben, ist ohnehin nicht mehr möglich, egal, wie man mit der Situation umgeht.“