Serie: Kleine Geschichte Krefelds (7) Krefelds Wirtschaftswunder auf dem Rücken der Weber

Serie | Krefeld · Mit Fleiß und hochwertiger Ware trugen die Seidenweber zu Krefelds Größe im 18. Jahrhundert bei. Davon profitierten aber nicht alle Arbeiter. Wie das städtische Wirtschaftswunder gelang und warum die Politik der Preußen es beeinflusste.

Das prekäre Leben der Weber und die Revolten im 18. und 19. Jahrhundert haben sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Käthe Kollwitz verdeutlichte mit „Ende“, dem letzten Blatt im Zyklus „Ein Weberaufstand“ (1893-1897), den Zusammenbruch des Aufstands durch den Einsatz von Militär: Zwei Frauen trauern in einer Weberstube um Männer, die gefallen sind.

Das prekäre Leben der Weber und die Revolten im 18. und 19. Jahrhundert haben sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Käthe Kollwitz verdeutlichte mit „Ende“, dem letzten Blatt im Zyklus „Ein Weberaufstand“ (1893-1897), den Zusammenbruch des Aufstands durch den Einsatz von Militär: Zwei Frauen trauern in einer Weberstube um Männer, die gefallen sind.

Foto: Museum Schloss Rheydt

Dass Krefeld ein „goldenes“ 18. Jahrhundert erlebte, hing nicht nur vom Handelsgeschick der Mennoniten und der Familie von der Leyen ab. Ein wichtiger Faktor waren die Qualität der Arbeit und der Fleiß der Krefelder Seidenweber. Wer aus den kostbaren Seidenfäden gute Bänder und Stoffe herstellen wollte, musste konzentriert und mit viel Erfahrung an die Sache herangehen. Die Fingerfertigkeit der Weber muss exzeptionell gewesen sein. Viel ist in der Krefelder Geschichtsschreibung von den „Seidenbaronen“ (den Unternehmern) die Rede, weniger von den fähigen und fleißigen Seidenwebern. Immerhin existiert das Denkmal des „Meister Ponzelar“ (Ecke Südwall/Ostwall). Der „Verschönerungsverein“, später „Krefelder Verkehrsverein“, stiftete 1911 diese Bronzefigur, die im 2. Weltkrieg eingeschmolzen wurde. Nach 1945 konnte mit der Gussform eine Replik erstellt werden.

Die Figur zeigt einen Krefelder Seidenweber mit fiktivem Namen „Meister Ponzelar“ auf dem Weg zur Abgabe eines fertig gewebten Stückes im Kontor des Seidenunternehmers. In der Hand hält er einen Sack mit Bobinen, auf die die Seidenfäden aufgewickelt waren, die er vom Unternehmer erhalten hatte. Gehrock und Weste sind die typische Festtagskleidung, auf dem Kopf finden wir die „Jraadutkapp“, die Kappe mit vorstehendem Schirm. Am Denkmal steht der eher melancholischen Satz: „Dä wäeverei ut alden tied, die kömmt so leit neit wir“. Er weist auf den Übergang von der Handweberei (in Heimarbeit) zur Produktion mit mechanischen Webstühlen in Fabriken hin. Dieser für Krefeld wichtige Übergang fand gegen Ende des 19. Jahrhunderts statt.

Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte das paternalistische System sein Ende gefunden. Die Seidenbarone wussten genau, wie wichtig die Weber und deren Erfahrung für sie waren. Deshalb gab es in Zeiten der Krise auch keine Massenentlassungen, sondern die Arbeitszeit wurde gekürzt und es wurde auf Halde produziert. Die Unternehmer bauten sogar Siedlungen für die von ihnen abhängigen Weber.

An dieser Stelle sei auch auf die Bevölkerungsgruppen geblickt, denen kein Denkmal gewidmet wurde. Die Weberei war hierarchisch organisiert. Oben stand der Verleger, der dem Weber Haus, Webstuhl, Webmaterial zur Verfügung stellte. Die Weber waren in „Fabrikenmeister“ (mehrere Webstühle) und „Fabrikenknechte“ unterteilt. Der Fabrikenknecht arbeitete im Haus des Meisters. Ein Drittel des Stücklohns für seine Ware wurde vom Meister einbehalten. Frauen konnten in der Regel nicht Weberinnen werden. Sie leisteten die Vorarbeiten für den eigentlichen Webprozess, ebenso wie die Kinder, die als Spulkinder Fäden von der Bobine auf das Schiffchen spulten. Neben der Weberei gab es in Manufakturen organisierte Zwirnereien und Färbereien.

Es ist nicht leicht, etwas zur Lage der arbeitenden Klassen in Krefeld im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert zu sagen. Es gab Hungerrevolten, wie etwa 1741. Der Krefelder Magistrat hatte den Preis für ein 10-Pfund-Brot auf 15,5 Stüber festgelegt. Ein Aufruhr brachte die Stadtoberen dazu, den Preis um fünf Stüber zu senken. Die drei Anführer des Aufstandes waren bekannt, auch die Ehefrau von Theis Fütings gehörte dazu. Nach ihrer Verhaftung protestierten die Krefelder und sie bekamen eine milde Strafe. Man hatte offensichtlich Verständnis für die prekäre Lage der Einwohner. Dazu passt, dass die preußische Regierung 1785 feststellte: Ungeachtet der Seidenfabriken und des großen Fleißes der Krefelder herrsche „unter den gemeinen Hauffen mehrere Armuth, als man in solchen Umständen vermuthen mögte.“ Im Gegensatz dazu schrieb Wilhelm von Humboldt, der 1789 die von der Leyens besuchte: „Krefeld gewährt einen völlig anderen Anblick als die meisten Städte Deutschlands. Durchgehend sieht man großen Wohlstand herrschen.“ In Zeiten der Hochkonjunktur der Textilindustrie mag die Lage der Arbeiter besser als in anderen Städten gewesen sein, in Zeiten der Flaute herrschte aber auch Elend und Not. Dies beweisen auch die Armenhäuser für notleidende Krefelder, die von den Kirchen betrieben wurden. Für auswärtige Arme hatte man kein Verständnis: Ein „Armenjäger“ jagte diese Menschen aus der Stadt.

Auch die Politik der Stadtherren, konkret im 18. Jahrhundert die Politik der Preußen, hat zum Krefelder Wirtschaftswunder beigetragen. Der letzte Oranier-Herrscher Wilhelm III. starb kinderlos. Seine deutschen Besitzungen vermachte er Johann Wilhelm Friso, einem weitläufigen Verwandten. Die brandenburgischen Hohenzollern erhoben ebenfalls Anspruch: Der Große Kurfürst war mit Luise Henriette von Oranien verheiratet gewesen. Demzufolge sei der Sohn des Großen Kurfürsten der rechtmäßige Herr von Moers und Krefeld. Die Krefelder standen zu ihren (reformierten) oranischen Herrschern und lehnten die (lutherischen) Preußen ab. Aus Angst vor einem preußischen Überfall sperrte man die Stadttore. In der Nacht vom 2. auf den 3. Februar 1702 brannte es in Hüls, Verwundeten wurden voll Mitleid die Tore geöffnet. Die „Verwundeten“ entpuppten sich als preußische Soldaten, die die Stadttore für ihre Truppen öffneten.

Am 15. Februar 1702 hatten sich alle Krefelder in der Stadtkirche einzufinden, vor der 200 preußische Reiter die „Oranierpartei“ einschüchterten. Der Krefelder Magistrat und die Bürger huldigten dem Preußenkönig (die Mennoniten mit Handschlag statt Eid). Krefeld war preußisch geworden. Mit tiefgreifenden Folgen: Der Magistrat sank herab von einer Vertretung der führenden reformierten Familien zu einer Instanz, die Erlasse der preußischen Verwaltung entgegennahm und umsetzte.

Als Friedrich Wilhelm I. 1713 preußischer König wurde, fuhr er zunächst einen harten Kurs gegenüber Krefeld: Es fanden gewaltsame Werbungen von Soldaten statt und 1732 drohte er den Mennoniten die Ausweisung an, falls sie weiterhin den Kriegsdienst verweigerten. Nur kurz darauf änderte sich der Ton. Der König garantierte, dass in der Stadt keine Werbung stattfinden dürfe. Und als der oben erwähnte Besuch von 1738 stattfand, hatte sich der Soldatenkönig zu einem Freund der Stadt entwickelt. Sein Nachfolger, Friedrich der Große besuchte Krefeld 1751 und 1763. Er gewährte den von der Leyens ein Monopol auf Seidenstoffe, auch die Anbindung Krefelds an die Postroute Köln–Kleve ist auf ihn zurückzuführen. Friedrich II. erlaubte den Katholiken den Bau einer eigenen Pfarrkirche, der heutigen Dionysiuskirche. Krefeld war für Friedrich II. ein „Kleinod“.

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