Serie: Kampf gegen den Krebs (3): Mit Skalpell und Joystick

Kampf gegen den Krebs (3): Mit Skalpell und Joystick

Die Chirurgie hat technisch große Fortschritte gemacht: neben die klassischen OP-Techniken sind minimalinvasive Verfahren getreten. So können die Ärzte computergestützt bösartige Tumore immer besser bekämpfen.

Operiert wird heutzutage nicht mehr nur mit dem Skalpell und großen Schnitten, sondern auch vermehrt durch winzige Zugänge minimalinvasiv. Durch einen kleinen Schnitt gelangt der Operateur mit einer Katheter-Kamera und entsprechendem Instrumentarium ins Innere des Körpers und sieht in Großaufnahme auf einem Bildschirm das, was es zu operieren gilt. "Man kann die Situation mit einem sehr gut ausgeleuchteten Raum vergleichen, in dem man sich mit seinen Instrumenten bewegt", sagt Privatdozent Dr. Christoph Wullstein, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Minimalinvasive Chirurgie und stellvertretender Leiter des Darmkrebszentrums am Helios Klinikum Krefeld. Mit Kollege Computer und HD-Technik lässt sich Krebs heute präziser und viel schonender für den Patienten chirurgisch bekämpfen. Zu den verblüffenden und beeindruckenden Werten, von denen Wullstein berichtet, gehört die Menge an Bluttransfusionen: Heute wird weniger als ein Drittel der Blutmenge an Patienten übertragen als noch vor zehn Jahren.

Minimalinvasiv heißt andererseits nicht, dass die Operationen weniger radikal sind. Im Gegenteil: "Wir operieren heute radikaler als früher und auch Patienten in weiter fortgeschrittenen Tumorstadien, weil wir heute wissen, dass auch diese Patienten von einer Operation profitieren", erklärt Prof. Martin Friedrich, Chefarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie und Leiter des Prostatakrebszentrums am Helios. Das bestätigt auch Wullstein. Bei Dickdarmkrebs etwa hätten Studien ergeben, dass die Überlebensrate steigt, je mehr Gewebe entnommen werde. Dennoch belasten die schonenden OP-Methoden von heute den Körper des Patienten weniger als früher.

Ein wichtiger Nebenaspekt der neuen Technik ist das Thema Ausbildung. Junge Chirurgen werden heute mit speziellen Programmen geschult. "Das beginnt in einem Simulator mit dem Sortieren von Streichhölzern und dem Spannen von Gummibändern per Kamera und den originalen Spezialinstrumenten", berichtet Dr. Martin Hohls, Chefarzt der Klinik für Thoraxchirurgie und chirurgischer Leiter des Lungenkrebszentrums. Geschwindigkeit und Präzision der Bewegungen werden gemessen. "Hat man bestimmte Standards erreicht, geht es weiter mit anderen Programmen, die im Prinzip wie ein Videospiel funktionieren: Je nach Fertigkeit geht es ein Level höher" berichtet Hohls. Die jungen Chirurgen seien heute deutlich besser auf den Ernstfall OP vorbereitet, als er am Beginn seiner Laufbahn. Die neue Videotechnik macht auch den weltweiten Austausch an OP-Techniken einfacher. Immer mehr Operateure filmen mit dem Einverständnis ihrer Patienten komplexe Eingriffe und stellen diese Filme etwa über den Videokanal Youtube im Internet zur Verfügung.

So können sich Kollegen weltweit einen Eindruck der Methode verschaffen und sich bei Interesse näher damit beschäftigen. Was den Austausch Auge in Auge nicht ersetzt: Chirurg Wullstein war unlängst mit einem Team bei Kollegen in Indien, um dort eine bestimmten Operationsmethode zu studieren. Dank moderner Technik wird die gesamte Kommunikation der weltweiten Chirurgengemeinschaft schneller.

Freilich: Auch althergebrachte, offene OP-Techniken bleiben wichtig. "Es gibt einfach Krankheitsbilder, bei denen die klassische Technik weiterhin gebraucht wird", sagt Hohls. Auch die handwerklichen Fähigkeiten des Chirurgen bleiben zentral - ebenso wie eine gewisse psychische Stabilität. "Immerhin sind wir Ärzte, die einen Körper erst einmal verletzen müssen, um zu helfen. Auch das muss man lernen", sagt Hohls.

Manchmal verzichten die Operateure auch vollständig auf medizintechnische Hilfsmittel. Prof. Martin Friedrich zum Beispiel erklärt: "Ich nähe Gewebe meist von Hand" - auch wenn heute maschinelle Unterstützung durch Klammernahtgeräte möglich ist. Die sichere Hand sei eben bei bestimmten Verrichtungen nicht immer durch Technik zu ersetzen.

Geschick des Chirurgen und das aktuelle Wissen um den letzten Stand der fachlichen und medizinischen Entwicklungen sind etwa bei den bei Männern gefürchteten Prostata-Krebsoperationen zentral. Die Angst bei Männern: Inkontinenz. Prof. Friedrich meint, dies sei heute nicht mehr nötig und könne verhindert werden. "Es ist leider so, dass die chirurgische Qualität in Deutschland nach wie vor sehr unterschiedlich ist", sagt er.

Noch etwas hat sich an der Chirurgie deutlich geändert. Der Operateur ist heute Teil eines Expertengremiums. Bevor operiert wird, wird der Tumor gründlich analysiert, sowohl radiologisch als auch genetisch; erst aus der Gesamtbetrachtung heraus wird die OP-Strategie festgelegt. Dabei kann es durchaus sein, dass nicht oder deutlich weniger intensiv operiert wird - je nach Fall kann dies die individuelle Überlebensrate bei guter Lebensqualität auch verbessern.

Neben einem besseren Verständnis der Tumore haben sowohl die Narkosetechniken als auch die Intensivmedizin eine deutliche Weiterentwicklung erfahren - selbst schwerkranken Patienten können dadurch große radikale Operationen angeboten werden.

Alle drei Chirurgen betonen, dass im Kampf gegen den Krebs auch die Mitarbeit des Patienten wichtig ist. Vorsorgeuntersuchungen zum Beispiel. Bei Männern etwa ist die Prostatakrebsvorsorge ab 45 sinnvoll. Es hat sich herausgestellt, dass bei erhöhten PSA-Werten in jüngeren Jahren die Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung später erhöhe, berichtet Friedrich. Auch so können Untersuchungen, in den 40er Lebensjahren später lebensrettend sein - weil man alarmiert ist und aufpasst.

Weitere Informationen und alle Teile der Reihe "Kampf dem Krebs" finden Sie hier >

Hier geht es zu Teil 1 der Serie.

Hier geht es zu Teil 2 der Serie.

(RP)
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