Krefeld: Selbsthilfegruppe für "Hochsensible"

Krefeld: Selbsthilfegruppe für "Hochsensible"

Die beiden Krefelder Denise Valica und Heiner Fischer haben jetzt die Gesprächsgruppe "Hochsensible Familie" zur Selbsthilfe für hochsensible Menschen gegründet. Das erste Treffen ist am kommenden Donnerstag.

Laute Musik, grelles Licht, Gerüche, Stimmengewirr - was von den meisten Menschen allenfalls gelegentlich als lästig wahrgenommen wird, kann für Denise Valica und Heiner Fischer schnell zur Tortur werden. Verantwortlich dafür ist ihre "Hochsensibilität". Nicht Krankheit sondern Geschenk, sagen beide; allerdings eines, mit dem Betroffene zu ihrem eigenen Wohle sorgsam umgehen müssen. Bei zu vielen Reizen von außen droht Überforderung und Erschöpfung. Weil "Hochsensibilität" ein Persönlichkeitsmerkmal ist, bei dem es hilft, wenn man weiß, dass man es hat - und vor allem, dass man die Veranlagung an seine Kinder vererbt, hat sich nun die Gesprächsgruppe "Hochsensible Familie" gegründet. Als Ziel nennen die Initiatoren Aufklärung und Austausch "über die sonnigen Eigenschaften von Hochsensibilität und die schattigen Lebenserfahrungen". Erstes Treffen ist am Donnerstag, 23. November, 19 Uhr, in der Selbsthilfe-Kontaktstelle, Mühlenstr. 42.

"Manchmal weiß man nicht, ist es Fluch oder Segen, wenn man so intensiv spürt", erklärt Denise Valica. Jede Sinnesinformation werde stärker als bei Normalsensiblen verarbeitet. Doch es gehe nicht allein um zu kalt, zu heiß, zu laut. Die Feinfühligkeit des Hochsensiblen gehe über die eigene Person hinaus und umfasse auch andere und das Zwischenmenschliche. Schon beim Betreten eines Raumes sei er in der Lage die Atmosphäre zu erfassen und erspüre sofort "wenn etwas nicht in Ordnung ist". Die Verarbeitung dieser ständig einströmenden Signale koste Kraft und zwinge, sich immer wieder durch Rückzug aus überfordernden Situationen eine Auszeit zu ermöglichen.

Sowohl Valica als auch Fischer sind erst im Alter von über zwanzig Jahren mehr oder weniger zufällig während des Pädagogik-Studiums beziehungsweise der Vorbereitung von Lehrstoffen auf die Beschreibungen und Ausprägung zur Hochsensibilität gestoßen. Beide schildern diesen Augenblick für sich als "bahnbrechenden Moment" und als "unglaubliche Befreiung". Bis dahin sei das Leben selbst mit Familie und Freunden immer wieder von komplizierten Situationen und auch Selbstzweifeln begleitet gewesen. "Endlich hatte das Kind einen Namen", sagt Fischer, und ebenso erleichtert zeigt sich Denise Valica. "Dass ich anders bin, habe ich von Kind an gemerkt. Manchmal habe ich mich wie ein Alien gefühlt, irgendwie nicht von dieser Welt. Ich fühlte mich einsam und allein".

Die inzwischen beide über dreißig Jährigen sind mit jeweils Normalsensiblen verheiratet. Das Zusammenleben beschreiben sowohl Denise Valica als auch Heiner Fischer als nicht kompliziert, allerdings schon unter Berücksichtigung der besonderen Bedürfnisse der Hochsensiblen. "Man braucht eine starke Hand, und es hilft, wenn einem gelegentlich gesagt wird: Jetzt geh mal in den Wald und komm erstmal runter", berichtet die junge Frau. Und im Falle von Fischer traf das Paar die Entscheidung, sich die Zeit der täglichen Berufstätigkeit zu teilen. In beiden Familien gibt es inzwischen Kinder im Alter von knapp zwei und vier Jahren. Auch sie sind hochsensibel. Im Umgang schreckhaft, zurückhaltend und eher kontaktscheu, sehen die Eltern mit Blick auf ihre eigenen Erfahrungen deutliche Parallelen. Doch im Gegensatz zu ihrer eigenen Kindheit ist die besondere Veranlagung inzwischen bekannt und zunehmend Forschungsgegenstand. Man weiß, dass hochsensible Kinder oft Schlafprobleme haben, über Kopf- und Bauchschmerzen klagen, dass sie mehr Ruhephasen brauchen und die Möglichkeit sich zurückzuziehen. "Meist bemerken Eltern schon früh, dass sich ihr Kind anders verhält als andere, haben aber keine Erklärung und sind verunsichert".

Die beiden Betroffenen betonen, dass Hochsensibilität keine Störung ist, vielmehr ein "Talent". Sowohl Eltern als auch Kinder sollten allerdings um diese Gabe wissen, da sie sonst, nämlich ohne Auszeiten und regelmäßigen Rückzug, oft alle an ihre Grenzen stoßen. Und ein weiterer Hinweis mag beruhigen: besonders selten ist die Veranlagung eher nicht. So gelten nach jetziger Forschung 15 bis 20 Prozent aller Kinder als betroffen. Foto: Valicia

Erstes Treffen: Donnerstag, 23. November, 19 Uhr, in der Selbsthilfe-Kontaktstelle, Mühlenstr. 42 www.hochsensiblefamilie.de

(RP)