Krefeld: Schüler fertigen 15 Intensivinterviews mit Kriegszeugen

Krefeld : Schüler fertigen 15 Intensivinterviews mit Kriegszeugen

Angeregt vom Förderverein der Volkshochschule (VHS), erinnerten Schüler der Klasse 9b des Ricarda-Huch-Gymnasiums am gestrigen Sonntag in einer Gedenkveranstaltung an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren in Krefeld. Bei 15 Intensivinterviews mit Krefelder Zeitzeugen der Jahrgänge 1924 bis 1934 gewannen sie rund 20 Stunden Filmmaterial, das sie zu einer dichten filmischen Themenfolge mit einprägsamen Statements schnitten. Unterstützt wurde der Kontakt mit gelebter Geschichte von den Lehrerinnen Ruth Müller und Britta Taetz, von Mitarbeitern des Stadtarchivs, von Cristine Westenfelder vom Krefelder Kresch-Theater, der Historikerin Irene Feldmann sowie von Christoph Dautermann vom Museum Burg Linn.

Mit dieser Hilfe konnten sie Arbeitsgruppen bilden und auf einer Bühne im VHS-Foyer die Aufarbeitung der Erinnerungen in szenischen Darstellungen präsentieren. Zusätzlich stellten die Schüler zur Verfügung gestellte Gebrauchsgegenstände wie ein Detektorgerät als Radioersatz, amtliche Verfügungen, Briefe und Schulzeugnisse aus.

Lehrerin Ruth Müller und Historikerin Irene Feldmann (links) unterstützten die Schüler bei ihren Gruppenarbeiten. Foto: Thomas lammertz

Ein Sonderstand beschäftigte sich mit der unterschiedlichen Versorgung der amerikanischen Besatzer und der einheimischen Krefelder Bevölkerung, die bei Kriegsende gerade noch 120 000 Menschen zählte. Hier konnten sich die älteren Besucher längst vergessene Begriffe wie Muckefuck, Brennnesselspinat, Schulspeisung, Care-Paket, Lebensmittelkarten, Hunger schieben, Organisieren und Maismehlbrot wieder ins Gedächtnis rufen. Letzteres, ein eher trockener gelblicher Zwieback, hatten die Schüler zur besseren Veranschaulichung für die Gäste nachgebacken. Die Versorgung mit Maisbrot beruhte auf einem Übersetzungsfehler des englischen Wortes "Corn"(Mais) für Korn.

Bei der Begrüßung der zahlreichen Gäste streifte VHS-Leiterin Inge Röhnelt ihre eigene Schulzeit, die die vielen Fragen der Schüler zur NS-Zeit ausklammerte. Die nachfolgende Generation wollte mehr über den Wiederaufbau als über die Erlebnisse der NS-Zeit reden. Mit ihrem Schaffensdrang wollte sie überspielen, dass sie moralisch am Boden gelegen hatte. Jens Voss, der Leiter der Krefelder Redaktion der Rheinischen Post, moderierte die Veranstaltung. Er verwies darauf, dass die Schüler nun drei Generationen weit vom Ende des Weltkrieges entfernt wären. Unterlegt von dem Calypso "Working for a Yankee Dollar" spiegelten sie pantomimisch in teilweise drastischen Kurzszenen das Alltagsleben zweier typischer Nachkriegsfamilien.

Wie stark sich das heutige Deutschland von dem autoritär-rassistischen Hitlerdeutschland unterscheidet, wurde eher nonverbal deutlich. Schüler verschiedener Herkunft agierten frei und ebenbürtig auf der Bühne. Spontan entschied sich Zeitzeuge Hans Werner Joust, Jahrgang 1930, zu einem Schlusswort, für das er viel Zustimmung erhielt: "Lernen Sie miteinander zu leben, nicht gegeneinander!"

(oes)
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