Krefeld: Schillerkommando in Chucks

Krefeld : Schillerkommando in Chucks

Mit Schillers Drama "Die Räuber" schlägt Regisseur Matthias Gehrt die Brücke vom 18. ins 21. Jahrhundert. Eine gefeierte Premiere.

Ihre Uniformen sind zeitlose graue T-Shirts und Hosen und dazu moderne Chucks. Statt Friedrich Schillers Vorrede zum Drama geben sie Losungen aus wie "Die Vernunft ist die einzige Monarchie in der Geisteswelt", "Jeder hat das gleiche Recht zum Größten und zum Kleinsten" und "Das Künftige hat keine Zukunft mehr". Für die streitbare Truppe ist klar: Es muss sich was ändern. "Noch zu warten ist Wahnsinn. Die Katastrophe ist nicht das, was kommt, sondern das, was ist." Das Mantra einer zornigen Generation wird sich leitmotivisch durch den Abend ziehen - drei Stunden lang. Es ist kein reiner Schiller, aber die Essenz Schillerschens Denkens, die Schauspieldirektor Matthias Gehrt mit einem ebenfalls konzentriert kleinen und umso dichteren Ensemble von sechs Leuten auf die Bühne bringt. Es ist ein berauschender Abend, den das Premierenpublikum mit rauschendem Beifall feierte.

Der kolossale Fünfakter von 1781 ist entkernt. Kirchen- und gesellschaftliche Kritik vom Vorabend der Aufklärung ist eingedampft. Als Destillat bleibt der Zorn auf Verhältnisse, in denen kein Platz ist für diejenigen, die aus dem Raster der Konformität herausfallen, die Randgruppen und Ungeliebten, die Unzufriedenen, die leichte Beute sind für Verführer mit ideologischem Lockstoff. Texte aus Schillers Philosophischen Briefen und dem Roman "Die Philosophie im Boudoir" seines Zeitgenossen Marquis de Sade unterfüttern das und verweben sich mit Zitaten aus einem 2007 erschienenen politischen Manifest, das in Frankreich unter dem Pseudonym "Unsichtbares Komitee" erschienen ist, zu einer Stimmung, wie sie in den Banlieus und anderen sozialen Randgebieten brodelt. Es ist die Keimzelle für Gewalt, die aus der Frustration wächst. Und wer nicht das Reclamheft heimlich mitliest, kann oft nur mutmaßen, welcher Text wem zugeordnet werden muss.

Henning Kallweit, Philipp Sommer, Vera Maria Schmidt, Adrian Linke und Ronny Tomiska sind das Schillerkommando, das in Turnschuhen gegen eine Demokratie stürmt und drängt, die keinen Aufbruchsgeist mehr kennt. Ihre Welt ist eine dunkle, tiefe Halle ohne Fenster. Kaltes Licht aus nackten Neonröhren erhellt die Szenerie kaum. An der Seite sind Filmscheinwerfer postiert. Kostüme und Perücken aus dem Rokoko hängen auf totenkreuzartigen Ständern. Kostümbildnerin Petra Wilke und Bühnenbildnerin Gabriele Trinczek haben das Spiel der doppelten Ebenen aufgegriffen: Der Salon des 18. Jahrhunderts, in dem Joachim Henschke als Graf von Moor residiert, wird aus der Tiefe der Bühne nach vorne geschoben. Die Turnschuh-Revoluzzer verwandeln sich mit Gehrock, Rokokokleid und Perücke zur Schillerschen Personnage und schlagen die Brücke zwischen 18. und 21. Jahrhundert. Sie steigen in den Schiller-Kasten ein und aus und wechseln dabei rasant und hochkonzentriert ihre Rollen. Musik von Pink Floyd, den Einstürzenden Neubauten und aus dem Italo-Western "Spiel mir das Lied vom Tod" begleiten sie dabei. Die Schauspieler agieren bei ihren Charakterwechseln so genau wie ein Schweizer Uhrwerk. Sie erinnern an den Chor der antiken Tragödie, wenn sie beschwörend Texte mitsprechen oder ein Stimmen-Chaos kreieren, das so labyrinthisch wirkt wie das Böse, in dem sich die verhassten Brüder verirren und aus dem sie keinen Ausweg finden. Der Chor ist die Macht, die verführt, verspricht, einbläut, manipuliert. Die Moor-Söhne sind einfache Opfer. Karl (Philipp Sommer), weil er darunter leidet, dass der Vater ihn verstoßen hat, und nun seinen Selbstwert bei den Räubern zurückfinden will. Franz (Henning Kallweit), weil er die Liebe des Vaters nie hatte und als der Ewig-Zu-Kurz-Gekommene nun Rache nehmen will. Amalia (Vera Maria Schmidt) kämpft als Ritterin der Liebe auf verlorenem Posten. Alles, woran sie glaubt, ist ihr längst entglitten. Den Moment dieser Erkenntnis zelebriert Schmidt fragil und innig.

Henning Kallweit ist ein bis ins Mark eiskalter Franz. In seiner Besessenheit quält er jeden Schwächeren, der ihm in den Weg kommt. Er demütigt Amalie, deren anhaltende Treue zu Franz er trotz aller Intrigen und Schikanen nicht brechen kann, derart, dass sich auch das Publikum ekelt. Kallweit lächelt dabei maliziös und mit einem Blick, der Diamanten schleifen könnte. Sommer ist ein ebenbürtiger Gegenspieler. Er ist stolz und stark, bis er merkt, dass die Geister, die er rief, ihn in der Zange haben, dass er verantwortlich ist für Tod und Leid Unschuldiger und den Strom der Gewalt nicht stoppen kann. "Ich hätte glücklich sein können", ist sein bitteres Resümee. Die Akteure sind großartig: Die Menschen und Schicksale auf der Bühne berühren. Langen Beifall und standing ovations spendete das Publikum für Ensemble und Inszenierungsteam.

Die Räuber. Schauspiel in fünf Akten von Friedrich Schiller. Vorstellungsdauer ca. drei Stunden, eine Pause Weitere Termine: 6., 9., 11. 18. Mai, 2. Juni, 10. und 15. Juli Kartenbestellung unter 02151 805125.

(RP)
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