Ingrid Schupetta: "Schicksale der NS-Opfer berühren Krefelds Schüler"

Ingrid Schupetta: "Schicksale der NS-Opfer berühren Krefelds Schüler"

Nach 26 Jahren als Leiterin der NS-Dokumentationsstelle Villa Merländer geht Ingrid Schupetta in den Ruhestand. Wir sprachen mit ihr über ihre Schulzeit, Forschungserfolge, die Rückkehr zu G9 und den Charakter des Geschichtsunterrichts von heute.

Sie sind in den 26 Jahren immer auch Forscherin und Wissenschaftlerin gewesen. Gibt es ein Lieblingsprojekt oder eine Lieblingsveröffentlichung?

Schupetta Neu und zuvor nicht untersucht war das Schicksal der Zeugen Jehovas in Krefeld während der Nazi-Zeit. Sie gehörten zu den am stärksten verfolgten Gruppen. Es gab zwei Merkmale, die die Nazis extrem störten: Die Zeugen Jehovas hatten eine sehr gefestigte Ideologie, und sie verweigerten dem Staat und der herrschenden NSDAP sehr konsequent die Gefolgschaft. Himmler hatte sogar eine gewisse Hochachtung vor dieser Haltung. Es gab Zeugen Jehovas, die ein Jahrzehnt im KZ saßen. Darüber habe ich in der "heimat" publiziert. Am meisten habe ich mit dem Projekt "MEMOO - denkwürdige Orte zwischen Maas und Rhein gelernt (siehe www.villamerlaender.de/projekt-memoo.html). Danach hatte ich einen ganz anderen Blick auf den Niederrhein und das benachbarte Limburg. Ansonsten war eigentlich immer das jeweils nächste Projekt das Liebste.

Wie sind Sie zum Thema Geschichte und insbesondere zum Thema Nationalsozialismus gekommen?

Schupetta Geschichte hat mich interessiert, seit ich denken kann. Ich bin Jahrgang 1954; in der Schule haben wir das Thema Nationalsozialismus fast überhaupt nicht behandelt. In dieser Phase gab es noch viele Lehrer, die noch unter dem Eindruck der NS-Zeit standen und das Thema mieden. Meine Schulleiterin war ein Typ spätes BDM. Das einzige Mal, bei dem wir etwas über die NS-Zeit gehört haben, war im Religionsunterricht. Wir haben über die Weiße Rose und den christlichen Widerstand gesprochen. Widerwärtig war, wie unsere Religionslehrer detailliert die Hinrichtungsmethode in Plötzensee beschrieben hat. Das wäre nicht nötig gewesen.

Sie gehören also nicht zu der Schülergeneration, die genervt ist, weil die NS-Zeit angeblich zu viel behandelt wird.

Schupetta Nein. Ich gehöre zu denen, bei denen das gar kein Thema war. Zum Ende meiner Schulzeit war ich begeistert von einer Veranstaltung der Volkshochschule in Wanne-Eickel, wo ich damals gelebt habe. Die hatten den in Marburg lehrenden Politikwissenschaftler Reinhard Kühnl geholt, der mit seinen Forschungen zum Faschismus bekannt geworden ist. Und der konnte sehr lebendig vom Nationalsozialismus erzählen.

Das Pendel scheint ins Gegenteil umgeschlagen zu sein: In den letzten Jahren war es Mode, an Schulen Zeitzeugen zu hören. Wie sieht die Historikerin dieses Phänomen?

Schupetta Das ist methodisch nicht unproblematisch. Zeitzeugen sind eine Quelle, die man nicht einfach eins zu eins als historische Realität sehen kann; Berichte sind gefärbt; das wissen wir ja auch von uns, wenn wir etwas erzählen. Zeitzeugen liefern ein subjektives Bild; und oft ist es der Kinderblick auf die NS-Zeit. Insofern muss man solche Berichte auch sorgsam einordnen. Unterm Strich gibt es aber an den Schulen viele beeindruckende Projekte und auch sehr engagierte Geschichtslehrer.

Ist die Forschung zur NS-Zeit ausgereizt, ist alles erforscht, was es zu erforschen gibt?

Schupetta So kann man das nicht sagen. In Krefeld gibt es das Problem, dass die Akten der Stadtverwaltung aus dieser Zeit vernichtet sind. Vieles von dem, was übrig war, haben die Amerikaner mitgenommen. Es kann also sein, dass es noch Überraschungsfunde in US-Archiven gibt. Ich hätte sehr gerne die Akten gesichtet, die im Kriegsgefangenenlager Fichtenhain lagerten; dort war die Verwaltungszentrale für die Gefangenenlager der Region.

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Das heißt, Ihr Nachfolger muss in die USA reisen, wenn er noch Neues entdecken will?

Schupetta Das wird so einfach nicht sein. Zudem gibt es auch hier immer wieder interessante Funde wie den Briefwechsel von Heinrich Plum. Ich glaube, es wird in Krefeld zu einer Schwerpunktverlagerung hin zu der pädagogischen Arbeit geben. Diesen Weg habe ich eingeschlagen, zum Beispiel über Kooperationen mit Schulen. Klassen besuchen uns, es gibt Vor- und Nachbereitungen. Ich glaube auch, dass man neue Bildungs- und Projektangebote für Senioren entwickeln sollte.

Die Gymnasien gehen zurück zu G9. Begrüßen Sie diese Entwicklung? Es gab gerade von Geschichtslehrern die Sorge, dass G8-Schüler zu früh mit bestimmten Themen konfrontiert werden.

Schupetta Das stimmt, und ich begrüße diese Entwicklung sehr. Neuner-Klassen erreicht man über Fragen der Empathie, über persönliche Schicksale und die Frage, ob es Handlungsalternativen auch in Diktaturen gibt. Mit Zehner-Schülern oder Älteren kann man sehr viel besser über historische Zusammenhänge sprechen, weil sie ein erweitertes Weltbild haben und nicht mehr so mit der Pubertät und mit sich selbst beschäftigt sind. Unterm Strich bleibt die Villa Merländer eine wichtige Anlaufstelle für den Geschichtsunterricht. Alles hier ist Krefeld; das berührt Schüler schon.

Als Literaturfreund tut es mir manchmal leid, dass der Deutschunterricht mit Romanen zur NS-Zeit zum verkappten Geschichtsunterricht wird. So ist er nichts richtig: nicht richtig Deutsch- und nicht richtig Geschichtsunterricht.

Schupetta Das sehe ich ähnlich. Ich bedaure es, dass der Geschichtsunterricht auf viele Fächer verteilt wurde - wie Religion und Deutsch - und generell Nebenfachcharakter hat.

Wird es schwieriger, das Thema NS-Zeit an die Lebenswelt von Schülern anzuknüpfen?

Schupetta Nicht unbedingt. Deutschland wird bunter, weiblicher und älter, und dadurch ergeben sich neue Anknüpfungspunkte. Es gibt zum Beispiel kaum ein Kind mit erkennbar ausländischen Wurzeln, das keine eigenen Erfahrungen mit Rassismus hat. Das ist Thema bei den Jugendlichen, und darüber ergeben sich neue Perspektiven auf die NS-Zeit.

JENS VOSS FÜHRTE DAS GESPRÄCH

(RP)