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Scheidende VHS-Leiterin von Krefeld erläutert die Aufgabe einer Volkshochschule

Scheidende VHS-Leiterin Inge Röhnelt : Wie eine Volkshochschule einer Stadt dient

Inge Röhnelt gibt die Leitung der Volkshochschule ab. Aus diesem Anlass sprachen wir mit ihr über Existenzberechtigung und Aufgaben der VHS sowie ihre Erfahrungen mit Krefeld. Röhnelt sagt, in Krefeld gebe es einen besonderen Geist.

„Volkshochschule ist ein Begegnungsort, an dem sich Gleichgesinnte zu einem gemeinsamen Interessengebiet treffen, und im besten Falle ein Zugehörigkeitsgefühl zur Stadtgesellschaft entsteht“, sagt Inge Röhnelt. Am ersten November 2021 endet für sie die Zeit als Leiterin der Volkshochschule. Zehn Jahre hat die promovierte Geisteswissenschaftlerin das Programm der Krefelder VHS  verantwortet und in dieser Zeit, neben den im Weiterbildungsgesetz NRW festgelegten Pflichtaufgaben, bei der Wahl vieler Veranstaltungsthemen ihre persönliche Handschrift hinterlassen.  „Mir haben immer besonders die soziokulturellen Themen gelegen“, sagt die 64-Jährige, die während ihres Germanistikstudiums 1980 Mitbegründerin von Düsseldorfs erstem Frauen-Cafe war, und die vor ihrem Beginn in Krefeld sechs Jahre als Leiterin des Kulturamtes in Ratingen für Theater, Museen, Büchereien und Kultur zuständig war.

„Gesellschaftliche Themen kann man gut über Kultur ansprechen, weil die Kultur Herz und Verstand anspricht“, davon ist sie fest überzeugt. In einem Gespräch berichtet sie über das, was Volkshochschule ihrer Ansicht nach für eine Gesellschaft leisten muss, über den Mut aktuelle Debatten zu befördern und über ihre eigene Annäherung an eine Stadt, in der sie viele Bürger erlebt hat, die wehmütig auf Vergangenes blicken, während bei Zugezogenen wie ihr, trotz der sichtbaren Probleme, die Freude an dem überwiegt, was die Stadt bietet: viele Parks, schöne alte Bausubstanz und „den Krefelder Geist“.   

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 „Das Kerngeschäft von  Volkshochschule sind zu 80 Prozent die Kurse mit etwa 50.000 Unterrichtsstunden pro Jahr“, erläutert Röhnelt und nennt als Basis die Kursformate der „lebenslangen persönlichen und fachlichen Weiterbildung“.

Bedeutsam sei Volkshochschule jedoch nicht allein als Lern- sondern auch als Begegnungsort einer aktiven und teilnehmenden Stadtgesellschaft. Zu Beginn ihrer Arbeit vor zehn Jahren habe für sie zunächst die Frage gelautet „Was braucht diese Stadt, und wie tickt sie?“ Auch wenn jede Leitung einen persönlichen Gestaltungsspielraum habe, so sei es zunächst mal die vorrangige Aufgabe von Volkshochschule, ein Bildungsangebot vorzuhalten, das die jeweilige Stadtgesellschaft benötigt. In Krefeld habe sie sehr unterschiedliche Zielgruppen vorgefunden und damit eine große Breite zwischen den Bildungsinteressen und den Bildungserfordernissen. „Je mehr die Stadt mir vertraut wurde, umso mehr ergaben sich dazu die entsprechenden Themen“.

So sei ihr in den ersten beiden Jahren aufgefallen, dass die Krefelder häufig über ihre Stadt „mopperten“, was sie verwundert habe. Von älteren Kursteilnehmern habe es immer wieder Geschichten über Zeiten gegeben, in denen in Krefeld noch ein ganz anderes Selbstwertgefühl geherrscht habe. Das habe sie neugierig gemacht, und es seien auf dieser Grundlage Themenformate  und Einzelveranstaltungen entstanden wie zum Beispiel „Rollenwechsel“ (Seminar/Stadtführungen mit historischen Persönlichkeiten) oder „Krefeld - meine Stadt“.

Doch neben Themenangeboten zu Vergangenheit und Gegenwart sieht Röhnelt die fachliche und gesellschaftliche Herausforderung für die Volkshochschulen aktuell insbesondere bei Zukunftsthemen.  In Zeiten von „Megatrends“ wie Digitalisierung, Pluralität der Gesellschaft und Klimawandel komme VHS die Aufgabe zu, für den „Durchblick durch Faktencheck“ zu sorgen. „Wir müssen Angebote vorhalten, die die Menschen dazu befähigen, eine eigene Haltung zu kontrovers diskutierten Themen einnehmen zu können“. 

Um „diffusen Ängsten“ und „Echokammern“ etwas entgegensetzen zu können, müsse VHS wissenschaftliche Erkenntnisse, kontroverse Standpunkte sowie emotionale Strömungen aufgreifen, wobei alle Veranstaltungen unter dem Credo der politischen Neutralität zu stehen haben. „Mit den Angeboten der VHS spiegeln wir die gesellschaftspolitischen und aktuellen Themen der Stadtgesellschaft wider“, sagt Röhnelt und nennt „Fridays for Future“(FFF) als Beispiel. „Die haben immer vor unserer Haustür getagt und immer von uns den Strom bekommen“. Schnell sei klar gewesen, „die kriegen nicht nur den Strom, sondern denen wollen wir auch inhaltlich eine Plattform bieten“, und so seien FFF-Aktive zu Impulsgebern von Veranstaltungen eines sehr kontrovers diskutierten „Mega-Themas“ geworden.

Veranstaltungen wie diese haben laut Röhnelt nicht allein die Aufgabe der politischen Bildung, sondern fördern zudem die „Resilienz“ der Bürgerschaft. „Für den Zusammenhalt einer Stadtgesellschaft ist es wichtig, dass man sich begegnet und dass man eine Debatten- und Dialogkultur pflegt“. Ob zur Zukunft des Seidenweberhauses, zum Krefelder Mobilitätskonzept, zur Gleichstellung von Frauen, zur Integration oder  zur Kopftuchdebatte, „Volkshochschule muss Angebote machen, die eine Identifikation mit der Stadt und ihren Themen befördern“.

Sie habe die Erfahrung gemacht, dass das Interesse an diesen Veranstaltungen dank eines aufgeschlossenen Bürgertums zum Teil überwältigend ist. „In Krefeld kann man über alles reden. Die Haltung ist liberal und alles andere als engstirnig, sondern weltoffen“, lobt Röhnelt. „Das ist der Geist dieser Stadt“, glaubt sie, den sie in den vergangenen Jahren immer wieder erlebt habe.

Beeindruckend habe sich dies als Grundhaltung 2015 bei der Ankunft der Flüchtlinge gezeigt, als sich bei einer Veranstaltung unzählige Bürger im Foyer der VHS eingefunden hatten, um den Geflüchteten als ehrenamtliche Helfer bei ihrem Start in Krefeld zur Seite zu stehen. Gleiches gelte für Krefelder Unternehmen und deren spontane Bereitschaft „richtig viel Geld“ bereitzustellen, damit die VHS sofort mit den Deutschkursen habe beginnen können, noch bevor die Mittel zur Finanzierung durch das Bundesamt für Migration eingetroffen seien.

Die scheidende Volkshochschulleiterin hält das bürgerschaftliche Engagement für einen „Schatz“, der das „Potenzial für Zukunftsthemen“ darstellen könne. Vor acht  Jahren hat Inge Röhnelt sich mit ihrer Familie für Krefeld als Wohnort entschieden, und sie wird bleiben. Sie verlässt eine Volkshochschule, deren wirtschaftliche Bilanz sie innerhalb der letzten zehn Jahre „ordentlich getoppt hat“, und deren Teilnehmerzahlen trotz Konkurrenz durch Internet und „Freizeitstress“ stabil geblieben sind; ein Ergebnis, das die Leiterin als „ein gutes Ziel“ bewertet. Der VHS gehe es gut, resümiert die scheidende Leiterin. Viele Themen seien „rund“ geworden, und Projekte dank einer konstruktiven Zusammenarbeit mit Krefelder  Netzwerkpartnern erfolgreich umgesetzt worden. Auch wenn sie sich nach ihrem Abschied von der Volkshochschule nicht in den Ruhestand begeben werde, so habe sie beschlossen „Für mich ist es der richtige Zeitpunkt zu gehen.“