Krefeld: Scharfer Ritt auf dem Steckenpferd

Krefeld: Scharfer Ritt auf dem Steckenpferd

Der neue Steckenpferdritter Rainald Becker glänzte bei der Steckenpferd-Verleihung mit politischem Witz. Die 832 Zuschauer im seit langem ausverkauften Seidenweberhaus erlebten eine Sitzung mit vielen Höhepunkten.

Manchmal fügen sich die Dinge wundersam: Der Karneval ist in diesem Jahr politischer geworden - das war den Comedians Bernd Stelter und Martin Schopps bei der Steckenpferd-Verleihung anzumerken. Kein Zufall: Die Mächtigen der Welt, die zurzeit die Schlagzeilen beherrschen, sind schwer karnevalstauglich - mächtig zwar und fähig, Unheil anzurichten, aber eben auch lächerlich. Trump, Kim Jong-un, Erdogan: Sie bekamen ihr Fett weg. Als hätte sie es geahnt, hat die Prinzengarde für dieses Jahr einen der bekanntesten politischen Journalisten Deutschlands zum Steckenpferdritter geschlagen: Rainald Becker, ARD-Chefredakteur, gebürtiger Krefelder und gesegnet mit trockenem Humor. Seine Ritterrede war dann auch erfrischend bissig, erfrischend politisch und erfrischend selbstironisch: Politiker, sagte Becker, seien so beliebt wie Journalisten; beide rangierten "kurz vor der Ratte".

Guter politischer Witz gerät eben selten luftig-leicht, sondern meist scharfkantig. Becker erklärte, warum Politiker Journalisten nicht mögen: "Wir erinnern die immer an ihr Geschwätz von gestern". Sprach's und zitierte genüsslich den Satz, mit dem SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz am Wahlabend die Zusammenarbeit mit Angela Merkel für beendet erklärte - Schulz: diese "gescheiterte Lichtgestalt" mit dem "Peitsch-mich-ich-hab's-verdient-Gesicht". Man spürte: Das politische Jahr 2017 hatte seine Tücken und Tiefpunkte, war aber karnevalistisch ein prima Pointenlieferant.

Neuer Look: FDP-Bundestagsabgeordneter Otto Fricke mit Bart - er ist im Elferrat der Prinzengarde. Foto: Lammertz Thomas

Erdogan zum Beispiel: Er habe, berichtete Becker trocken, am Tag der Steckenpferdverleihung seine Türkei zum Vorreiter der Pressefreiheit erklärt. Becker kommentierte das nicht weiter - wozu auch: Das Leben haut immer mal wieder solche Pointen raus. Zu den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen sagte Becker: "Cem Özdemir, mein Gott, war der traurig. Dabei hätte ich ihn so gern als Außenminister beim Besuch bei Erdogan gesehen."

Dass politischer Journalismus auch dort, wo er vergnügt ist, nicht immer ein Vergnügen ist, demonstrierte Becker mit ein paar Spottversen der Hauptstadt-Journaille: "Nicht ist öder/ als ein Interview mit Söder"; "Niemand sagt mehr Banales/ als Andrea Nahles"; "Nichts macht weniger Spaß/ als ein Gespräch mit Heiko Maas" - jeder Reim wiederum ein Beweis über die Karnevalsfähigkeit der Politik.

Der frisch gekürte Ritter Rainald mit Christian Cosman, Präsident der Prinzengarde. Foto: T.L.

Dem Publikum gefiel's; der scharfe Witz saß. Wie im Kontrast dazu wählte Aachens Bischof Helmut Dieser als Laudator eine feinhumorige Tonlage und berichtete über seine Erfahrungen mit der niederrheinischen Sprache auf der Suche nach Informationen über "Beckers Rainald dem seine Familie" - und zelebrierte lustvoll die Unlust des Rheinländers am Genitiv. Der Bischof erläuterte auch, was ihn als Steckenpferdritter 2017 mit Rainald Becker verbinde: Beide seien Männer des Wortes. Das hat sich bei Dieser früh angekündigt. Seine Mutter, so der Bischof, habe schon über den Sechsjährigen, pfälzisch gefärbt, gesagt: "Der muss amol sein Geld mit dä Schnüss verdienen." Voller Respekt rekapitulierte Dieser auch Beckers Aufsteig: vom Kfz-Mechaniker (bei Becker eine Episode der Jugend) zum ARD-Chefredakteur zum Steckenpferdritter.

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Die Sitzung hatte auch konzeptionelle Neuerungen: Die Prinzengarde ist bestrebt, das Programm zu straffen - Mitternacht sollte Schluss sein, und so gab Präsident Christian Cosman den sanft treibenden Anwalt des Zeitplans. Die Musik hatte mit Kasalla, den Klüngelköpp und Cat Ballou jungen Charakter; alle drei Bands bewiesen, dass Rock und Folk Planeten in der Milchstraße des rheinischen Karnevals sind. Zu den musikalischen Höhepunkten des Abends gehörte "Et jitt kein Wood" von Cat Ballou: ein Jahrhundert-Hit, mindestens ein Jahrfünfzig-Knaller. So ein Wunder-Lied glückt einer Band nur einmal im Leben.

Guter Dinge: SWK-Vorstand Kerstin Abraham mit ihrem Ehemann. Foto: Lammertz Thomas

Die klassische Karnevalsmusik war vertreten beim Aufzug der Prinzengarde - ihre Zeit auf der Bühne war begrenzter als sonst; das war auch Thema im Zwiegespräch auf der Bühne zwischen Garde und Präsident, und man wusste nicht recht, ob das augenzwinkernd oder halb ernst war. Jedenfalls: Die Zeit der grün-weißen Gardisten auf der Bühne war kürzer als früher.

Ein SPD-Tisch: Parteichef Ralph-Harry Klaer (r.) mit Ehefrau und Erster Bürgermeisterin Gisela Klaer; daneben Bernd Scheelen mit Ehefrau Monika. Foto: Lammertz Thomas

Die Paveier am Schluss des Abends, die musikalisch näher bei den Bläck Fööss liegen, glichen die Bilanz wieder aus: Weniger Rock, mehr Schunkeln und Mitsingen. Vereinzelt auf Kritik stieß bei den Zuschauern die Lautstärke: Sie wurde offenbar zuweilen als zu laut empfunden - vor allem bei Kasalla.

Glänzte mit einer bissigen politischen Rede: ARD-Chefredakteur Rainald Becker, der diesjährige Steckenpferdritter der Prinzengarde, bei seiner Ritterrede. Foto: Thomas Lammertz

Unterm Strich zeigte Präsident Cosman sich gestern zufrieden, dass der Zeitplan auf ein paar Minuten genau eingehalten wurde. Die Sitzung war von hochkarätiger Musik und Comedy bestimmt. Die Ritterverleihung mit dem Duett von Laudator und Ritterrede sorgte wie immer für so etwas wie intellektuellen Funkenflug, Wärme und Überraschung.

Humor ist eben auch dies: unabsehbar und darin spannend bis zur letzen Sekunde.

(RP)