1. NRW
  2. Städte
  3. Krefeld

Sasaki beim Tanzfestival MOVE in der Krefelder Fabrik Heeder

Tanzfestival MOVE in der Fabrik Heeder : Tanz über Mut, Sex und Einsamkeit

Tanzabend der Solisten beim Tanzfestival MOVE in der Fabrik Heeder: Der japanische Tänzer und Choreograph Mitsuki Sasaki bot die Premiere seines neuen Stücks „piano piano“. Emanuele Soavi zeigte „PANsolo“.

Begegnet Euch! Die Corona-Krise zwingt alle, auf eingefahrene Strukturen neu zu blicken. Was sollen wir festhalten und was loslassen? Zwei Soli-Tanzstücke zeigen, wie eng Krisen und schöpferische Prozesse zusammenhängen.

Ende März saßen alle auf dem Trockenen: die Theaterhäuser waren geschlossen, kein Training fand mehr statt, und alle Vorstellungen wurden bis auf Weiteres abgesagt. Der Herbst lässt es, trotz der angespannten Lage zu, dass die Häuser unter strengen Schutzmaßnahmen wieder geöffnet sind und sich Künstler und Publikum wieder begegnen können – so auch die Fabrik Heeder mit ihrem Tanzfestival Move.

... und als Frau. Die stete Verwandlung ist Thema des ehemaligen Lehrers des Folkwang-Tanzstudios. Foto: Bonnie

Die magische Begegnung zwischen Künstler und Zuschauer bildet schließlich den Kern eines jeden Theaters und ist nur schwer zu ersetzen. Weltweit reagierten Künstler darauf – so auch der japanische Tänzer und Choreograph Mitsuki Sasaki. Sein neues Stück „piano piano“, hatte am Samstag im Rahmen von MOVE! Premiere. Ein wunderbares Stück, das sich von leisen und kaum sichtbaren Bewegungen, hin zum expressiveren und freien Spiel des Tänzers entwickelt. In seinem schwarzen Anzug auf nackter Haut haftet ihm etwas Schweres und doch zutiefst Menschliches an.

Während der Anfangssequenz von „piano piano“ passiert viel. Sasakis Hände sind wie gemalt, sie wandern gleichmäßig, fast schwebend in alle Himmelsrichtungen, verdecken sein Gesicht, sind Spiegelbild und Flügel und lassen sein Gesicht schmerzverzehrt zurück, als er den Kopf Richtung Nacken lehnt, so als habe er sich erhängt. Mehrere Male zeigt der Tänzer diese ausdrucksstarke Szene und fesselt das Publikum in höchste Konzentration.

Die Bühne wird nun durch große Spots, rechts und links, erhellt. Wie ein Seiltänzer, der jeden Schritt mit größter Bewusstheit geht, versetzt Sasaki seinen Körper von enormer Langsamkeit in höchste Muskelspannung. Scheinbar mühelos bringt er seinen Körper in Unruhe, lässt Arme in die Luft schnellen, schüttelt allen Ballast von sich ab und steht schließlich nur noch im weißen Unterkleid auf der Bühne.

Die Musik war bis dahin piano – leise, instrumental, von langsamen Klaviertönen begleitet, mal langsam, mal schnell, doch jetzt schlägt Sasaki andere Töne an. Er singt schrill, schreit, wirft sich mit vollem Einsatz auf den Boden, verrenkt seinen Körper kunstvoll und ruft in den Zuschauerraum „que bella cosa“ - während im Hintergrund die Stimme des italienischen Opernstars Luciano Pavarotti zu hören ist. Eine Hommage an das Leben – kurz vor Weltuntergang?

Ohne dass die Stimmung zu sehr ins Theatrale kippt, dreht Sasaki weiter und öffnet den Blick – wie geht der Tanz mit den neuen Herausforderungen um? Sasaki fühlt sich während der Corona-Krise an die 1960er Jahre erinnert, „in der die Welt von der Hektik der Politik umgeben war.“

Die vielleicht größte Herausforderung, der Künstlerinnen und Künstler schon immer gegenüber standen, ist das einsame Streben nach Ruhm und Erfolg.

Blues-Sängerin Nina Simone hat dazu 1976 ein wunderbares Lied geschrieben, das Sasaki in seiner letzten Szene spielt.

Zart, fließend und mit feingliedriger Motorik, findet er berührende, poetische und belustigende Bilder zu den Zeilen aus „Stars“: „… they come and go, they come fast they come slow. They live their lives in sad cafes and music halls. They always have a story.“ Sasakis Geschichte macht Mut weiterzugehen, die Herausforderungen anzunehmen und etwas Neues daraus entstehen zu lassen.

Den zweiten Teil des Solistenabends bestreitet Emanuele Soavi mit seinem bereits 2011 preisgekrönten Stück „PANsolo“. Auch hier geht es um das Thema Einsamkeit – weniger in Bezug auf den schöpferischen Prozess, sondern in Hinblick auf die extreme Kraft der Natur und des Triebes. Das Thema an sich wiegt schon viel, Soavi legt noch eine Schippe drauf und spannt den Bogen zu der mythologischen Figur Pan.

Zerrissen zwischen Zerstörer und Erhalter, halb Gott, halb Ziegenbock, lebt er allein in der Natur. Soavi zieht eine Parallele zum Heute und sieht wachsenden gesellschaftlichen Druck als Hauptursache für Einsamkeit und die Flucht in eine sexualisierte und auf Äußerlichkeiten fixierte Gesellschaft.

Mit großem schauspielerischem Talent spielt Soavi Pan, mal als sinnlichen Verführer, mal als mächtigen Dämon, der im Dunkeln zu flirrenden und lärmenden Sounds (live eingespielt von Soundkünstler und Schauspieler Stefan Bohne) umhergeistert – auf der Suche nach Erlösung. Fest steht – Pan sein muss weh tun.

Soavi zeichnet ein düsteres Bild eines Outsiders, zerfressen von Sehnsucht und Selbstzerstörung. Zum Glück entlässt er das Publikum nicht ganz in die Dunkelheit. Mit mehreren Tonschichten legt Pan seinem Gesicht ein neues Antlitz zu und stellt alles auf Neustart.