Sabrina Tophoven - Deutschlands jüngstes Straßenkind macht Experiment

Aktivistin Sabrina Tophoven aus Krefeld: "Jüngstes Straßenkind" lebt für Experiment wieder als Obdachlose

Als Deutschlands jüngstes Straßenkind wurde Sabrina Tophoven bundesweit bekannt. Jetzt hat sie ein Experiment in Krefeld gewagt: Wie wäre es heute für sie, auf der Straße zu leben? Die Antwort: nicht auszuhalten.

Sabrina Tophoven kennt das Gefühl, ganz unten zu sein. Sie hatte einen Start ins Leben, wie ihn nur ganz wenige Menschen durchleiden müssen. Ihr Vater missbrauchte sie massiv, die Mutter verprügelte sie dafür aus Eifersucht, anstatt ihr zu helfen. So zeigte sie den Vater an und kam in ein Heim, wo die anderen Kinder sie als Neuankömmling und Halb-Sinti noch mehr quälten.

Also riss sie mit zehn Jahren aus und lebte fortan in Köln auf der Domplatte und auf der Straße. Bundesweite Bekanntschaft erlangte sie als Deutschlands jüngstes Straßenkind. Erst in den späten Teenagerjahren fand sie langsam den Weg hinaus, fand Liebe, machte eine Berufsausbildung und gründete eine Familie. Heute hat die 37 Jahre alte Krankenpflegerin fünf Kinder und zwei Enkel.

Tophoven schrieb zwei Bücher und startet Aktionen für Obdachlose

Die Erfahrungen der Vergangenheit aber bleiben, und sie weiß wie kaum ein anderer Mensch, wie es sich anfühlt, nicht beachtet, ja, nicht einmal als Mensch wahrgenommen zu werden. Eben dieses Gefühl hängt ihr bis heute nach und deshalb hilft Sabrina Tophoven mit all ihrer Kraft heutigen Obdachlosen.

Sie verteilt kostenlos Essen. Sie hilft, wo sie kann, und hat immer ein warmes Wort für die Ärmsten unserer Gesellschaft. Sie schrieb zwei Bücher und lief im Sommer in einer vielbeachteten Aktion von Krefeld nach Berlin, um auf Missbrauch aufmerksam zu machen.

Eine Woche auf Krefelds Straßen

Doch das war ihr nicht genug. Im Umgang mit ihren Schützlingen, für die sie sich durchaus verantwortlich fühlt, stellte Sabrina Tophoven sich immer mehr die Frage, ob sie selbst heute noch auf der Straße leben könnte. Darum unternahm sie im Herbst dieses Jahres das Experiment, selbst noch einmal für eine Woche - diesmal in Krefeld - auf der Straße zu leben.

"Ich habe mir bewusst den späten September ausgesucht, wenn die Temperaturen schon nicht mehr ganz so angenehm sind", erzählt sie. Doch nicht die Temperaturen, auch nicht Hunger oder Gefahr waren die Dinge, die sie dazu brachten, das Experiment nach zwei Tagen abzubrechen.

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"Ich konnte die Kälte der Menschen einfach nicht mehr ertragen. Denjenigen, die mich schlicht ignoriert haben, war ich schon dankbar", berichtet sie. Passanten hätten sie beschimpft, bespuckt, mit Essen beworfen und aufgrund ihrer dunklen Haare als Flüchtling beschimpft.

Sie bettelt nicht - und wird trotzdem beschimpft

Dabei habe sie einfach nur da gesessen, nicht einmal gebettelt oder auch nur einen Hut vor sich liegen gehabt. "Ich saß am Bahnhof, und da mir sehr kalt war, ging ich hinein, um mir einen Kaffee zu holen. Ein Mann in der Warteschlange stieß mich grob zur Seite", erzählt sie.

"Als ich ihn fragte, was das solle, antwortete er, ich solle nicht mit ihm reden. Ich könne ohnehin nicht gut genug Deutsch." Dabei spricht Sabrina Tophoven sogar ein ausgemacht gutes Deutsch. Sie ist ja auch Autorin und trat in TV-Talkshows auf. Auch als sie in diesem Deutsch mit dem Mann sprach, änderte der seine Aussagen nicht. "Ich weiß nicht, wie die Menschen das heute aushalten. Als Kind fand ich es nicht so schlimm, ich kannte es ja nicht anders. Aber so als Mensch abgewertet zu werden, das ist unerträglich."

Der Hinweis auf das Grundgesetz und den dortigen Artikel eins lässt sie nachdenklich werden. Tränen treten ihr in die Augen. "Ja, so sollte es in Deutschland wohl sein, oder?", fragt sie rhetorisch. "Ich glaube, wenn wir alle verstünden, dass alle - die Bürger, die Obdachlosen, die Flüchtlinge und so weiter - Menschen sind, wären wir weiter."

"Diese Menschen haben doch auch nur Angst"

Doch sie macht den Passanten, die sie bespuckt und beschimpft haben, keinen Vorwurf. "Diese Menschen haben doch auch nur Angst. Sie wissen damit nicht umzugehen", sagt sie. Wütend macht sie die Politik, die nichts dafür tue, Obdachlose zu integrieren. "Bei der Wahl hieß es, sie könnten ja wählen gehen. Ist das nicht abgeschmackt? Sie haben keinen Wohnsitz, oft keinen Ausweis. Wie sollen sie denn wählen?"

Und so bleibt ihr nur, selbst weiter zu kämpfen. Für Verständnis, Liebe und Menschlichkeit. Selbst hat sie kaum Geld, Krankenpfleger verdienen schlecht. Sie versorgt fünf Kinder und gibt dennoch ihr letztes Hemd für andere. Sabrina Tophoven ist eine ungemein starke und interessante Frau. Ein Mensch voller Ideale.

(RP)