Römischer Brennofen aus dem 1. Jahrhundert in Linn

Archäologie : Römischer Ofen begeistert Historiker

Ein Modell des Brennofens aus dem ersten Jahrhundert, der in Gellep gefunden wurde, soll im Maßstab 1:20 entstehen und im Museum Burg Linn zu sehen sein. Den Originalofen zu erhalten, wäre finanziell nicht machtbar.

Nachhaltiges Bauen ist keine Erfindung unserer Zeit. Auch in den frühen Jahrhunderten haben die Menschen recycelt: Ziegel, Holz, Tuffstein. Was die Vorgänger hinterlassen haben, konnte neu verwertet werden. Steine von eroberten und niedergebrannten Häusern und Burgen waren prima Baumaterial, das abgetragen wurde und aus dem Neues entstand. Lehm war dazu nicht geeignet. Und das ist ein unschätzbares Glück für die Archäologie. Denn so war der Brennofen von Gelduba für Wiederverwerter uninteressant – er blieb erhalten. Heute ist er eine Sensation. „Es ist die am besten erhaltene Baustruktur eines Ofens aus dem späten ersten Jahrhundert“, sagt Jennifer Morscheiser, Leiterin des Museumszentrums Burg Linn. Der Ofen von Gelduba ist in seinem Top-Erhaltungszustand einmalig (wir berichteten).

Den Ofen, so wie er ist, für die Nachwelt zu erhalten, ist theoretisch möglich, aber nicht realistisch: „Das würde einen hohen sechsstelligen Betrag kosten, und der Aufwand wäre immens gewesen“. Ein riesiger Kran wäre erforderlich, um den 20 Tonnen schweren Block zu bewegen. Eine Baustraße müsste außerdem angelegt werden. „Und dann stellt sich die Frage: Was machen wir mit so einem großen Objekt“, so die Museumsleiterin. Zumal ein großer Teil des Ofens unterirdisch verbaut war.

Der Brennofen war unterirdisch verbaut. Foto: Ulrich Ernenputsch

Der Ofen misst rund zwei Meter im Durchmesser, ist 1,90 Meter hoch und hat eine Kantenlänge von 3,50 Meter. „Dazu kommt der Platz für die Grube, von der aus er beschickt wurde. Solche Dimensionen sind nicht praktikabel.“ Aber es wird einen maßstabsgetreuen Ofen in der Burg geben - etwa 1: 20 -, der einen Platz in der Dauerausstellung haben wird. Vorgesehen ist das für 2019. Zurzeit ist es noch Thema einer Doktorarbeit.

Blick ins Innere des Ofens. Foto: Ulrich Ernenputsch

Der Ofen ist wissenschaftlich so detailliert dokumentiert worden, dass man ihn eins zu eins wieder aufbauen könnte. „Wir haben millimetergenaue Aufnahmen der Oberfläche und Struktur. Aus den Fotos kann man ein dreidimensionales Modell errechnen. Mit einem 3D-Scanner könnte man ihn also rekonstruieren“, erklärt Stadtarchäologe Hans-Peter Schletter. Er ist noch immer tief beeindruckt von dem Fund, der die Historie des Castells Gelduba verändert. Die Archäologie war vom 2./3. Jahrhundert ausgegangen. Der Ofen stellt klar: Schon im späten 1. Jahrhundert haben hier Menschen gelebt. Sie haben den Ofen aus ungebrannten Dachziegeln in die Erde gemauert. Durch die Brenntätigkeit wurden die Ziegel quasi von innen nach außen mitgebrannt.

Archäologe Hans-Peter Schletter ist beeindruckt von dem Fund. Foto: Ulrich Ernenputsch

Dass der Ofen unterirdisch verbaut war, gehört zum Glück der Archäologie, denn so ist er nie abgetragen oder überbaut und zerstört worden. „Wir haben im Ofen Keramik entdeckt, die wir auf dem Gräberfeld wiedergefunden haben. Deshalb ist die genaue Datierung möglich“, sagt Schletter.

„Jede größere Siedlung hatte einen Ofen, der gewerblich genutzt wurde“, erzählt Morscheiser. „Töpfe und Krüge wurden in hohen Mengen benötigt. Neu ist, dass wir für Gellep auch die Dachziegelproduktion nachweisen können. Dafür muss es einen Absatzmarkt in der Region gegeben haben.“ Fundort ist der nördliche Vicus am Römer-Kastell Gelduba. Der Vicus ist eine kleinere römische Zivilsiedlung, die meist an ein Militärlager angeschlossen war. Um das Lager der Soldaten bildete sich die Infrastruktur für eine Siedlung. Händler, Handwerker, Gastwirte und die Frauen der Soldaten ließen sich dort nieder. „Zu einer solchen Siedlung gehören typischerweise Backöfen, eine Darre zum Bierbrauen. Schuster und Pferdeflüsterer waren immer dabei - und auch die Prostitution“, berichtet Morscheiser. Der Fund des Ofens bekräftigt für sie: „Gellep ist ein ganz besonderer Fundplatz in Deutschland, sogar in Europa“. Kastell Gelduba soll deshalb in zwei Jahren als Teil des Niedergermanischen Limes Unesco-Welterbe werden.