Krefeld: Römer zum Anfassen in der Burg Linn

Krefeld : Römer zum Anfassen in der Burg Linn

Ein ganzes Wochenende lang zeigten Hobby-Historiker den Besuchern der Burg Linn, wie der römische Alltag abseits aller Klischee-Vorstellungen in der Praxis verlief. Die authentischen Nachgestaltungen faszinierten das Publikum.

Wer am Wochenende Linn besuchte und über die mittelalterliche Geschichte des Burgstädtchens hinaus bis zur Römerzeit vordringen wollte, konnte dies in der Vorburg tun. Bei strahlendem Sonnenwetter hatte ein lockerer Kreis von Römerzeit-Enthusiasten aus Rheinland-Pfalz, NRW und den Niederlanden, auf Einladung der Linner Museumsleiterin Jennifer Morscheiser zehn Zelte aufgeschlagen, in denen das Leben der Römer den Besuchern so detailgetreu wie möglich verdeutlicht wurde.

Wie haben die Römer damals ihren Alltag gelebt? Wieso waren sie in der Lage, ein so großes Reich zusammenzubringen? Was haben sie gegessen? Welche Kleidung trugen die Römer? Womit schmückten die Römer ihre Häuser? Durch Anfassen, Untersuchen, Nachfragen und Diskutieren mit den Hobby-Römern, die ähnlich wie beim Linner Flachsmarkt die alten Handwerkerkünste den Besuchern vorführten, kamen die zahlreichen Besucher zu ganz neuen Erkenntnissen über das Leben im ersten Jahrhundert n. Chr., das sich in der Region mit der Bataverschlacht im Jahre 69 ins Gedächtnis gegraben hat.

Anziehhilfe für einen römischen Legionär: Schon damals galt, die Uniform muss sitzen. Foto: Lammertz Thomas

Frank Kellner, vulgo Iucundus Iulianus, hat sich mit der damals üblichen Männerkleidung gewandet, einer Doppeltunika, die er zu Rindsledersandalen trägt. Die Fibel, die der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger aus Grevenbroich um den Hals trug, ist die Nachbildung einer Fibel, die er nahe der freigelegten römischen Villa Iucunda gefunden hat und die jetzt in einem Museum ausgestellt ist.

Seine Frau, die Grafikerin Susanne Stehling, trägt die gleiche Nachbildung dieser Fibel. Gefragt nach dem Erfolgsrezept der Römer antworten beide: Die Römer besaßen eine moderne Organisation, ihnen gelang es, höchst unterschiedliche Menschen in das Reich zu integrieren und sie hatten den unbedingten Willen zur Macht. "Die römischen Münzen sind die Vorläufer des Euros"!, ergänzte Keller. "Mit einem Sesterz konnte man in Gelduba, in Athen und in Ägypten bezahlen.

Wein, Weib und Gesang: Bei tollem Wetter wurde das Klischee besonders gerne vorgeführt. Foto: Lammertz Thomas

Der kaufmännische Angestellte Roger Fischer stellt sich als Flavius Sugambrius in der Gewandung eines römischen Auxiliar-Soldaten aus dem germanischen Volk der Sugambrer vor. Seine Unterunika, eine Art überlanges T-Shirt aus hautfreundlichem Leinen, dient als Unterwäsche. Die wollene Übertunika sollte den Körper wärmen.

Darüber wurde bei Bedarf die Paenula gezogen, der Militärmantel aus dickem Wollstoff. Der Wollschal, die Focale, verhinderte das Scheuern der Rüstung und sollte den Hals schützen. Das Cingulum Militare, der Militärgürtel, war ein um die Hüften geschwungener Ledergürtel, der mit Metallplättchen verziert war. Deren Klappern und Rasseln sollte den Gegner beunruhigen und diente als Unterleibsschutz.

Fein nachgebildete Möbelstücke erwarteten den Besucher. Foto: Lammertz Thomas

Die Caligae waren robuste Sandalen aus Rindsleder, deren Sohlen mit zahllosen Eisennägeln besetzt waren. "Auf normalem Untergrund findet man guten Halt, auf Gestein wirken die Nägel wie eine Eisbahn", ist Kellers Erfahrung. Die Bewaffnung bestand aus dem Galea genannten Helm, der neben klappbaren Ohrenschützern an der Vorderseite eine breite Manschette aufwies, die gegnerische Schwerthiebe ableitete.

Alltagsutensilien waren in der Burg Linn für den Betrachter ausgestellt. Foto: Lammertz Thomas

Auf der Rückseite war ein tiefreichender Nackenschutz angebracht, denn die Germanen neigten dazu, die römischen Soldaten anzuspringen und ihr Kurzschwert in ungeschützte Körperstellen wie den Nacken zu schlagen. Seine Ausrüstung musste der römische Soldat selber beschaffen. Dafür erhielt er vom Staat einen Kredit. Da die Hilfssoldaten weniger Sold bekamen, war ihre Ausrüstung oft gebraucht und recht schäbig. Das Schuld /Scutum trug der Soldat auf dem Rücken.

Das Kurzschwert, der Gladius, war die gefährlichste Waffe. Es wurde mit dem rechten Arm geführt, der linke Arm hielt das Scutum, so dass der Körper gedeckt war, der Soldat aber trotzdem zum Angriff übergehen konnte. Der Pugio genannte Dolch war die nur selten verwendete Notwaffe, die der Soldat als letzte Gegenwehr verwendete. Zusammen mit einem Verpflegungsvorrat für drei Tage kam so etwa ein Gewicht von etwa 45 Kilogramm zusammen. "So viel hat auch der moderne Soldat auf seinen Märschen zu schleppen", weiß Bundeswehr-Reservist Fischer.

Die Kosmetikerin Daniela Poppe hat römische Küche bereitet. Das Moretum nach dem Kochbuch des Apicius schmeckt ausgesprochen interessant und würde auch der heutigen Küche als "Amuse Geule" gut stehen. Es besteht aus Schafskäse, Olivenöl, Selleriegrün, Koriander viel Knoblauch, Pfeffer und Garum genanntem vergorenem Fisch, der hochsalzig oder in einer süß-scharfen Variante hergestellt werden kann.

"Die Römer kannten kein Knollengemüse", weiß Poppe, "sie aßen nur das, was über der Erde wuchs."Die römische Domina kultivierte als Frau, die nicht arbeiten musste, ihre noble porzellanfarbene Blässe. Sie schminkte Augen und Lippen, lackierte die Nägel mit Rot. Die Haarfarbe Blond war sehr begehrt, erzählte Poppe, aber nicht durch Färben der Haare herzustellen. Also trugen die Frauen Haarteile, für die germanische Sklaven ihr Haar zu lassen hatten.

Ralf Möller ist der informelle Mittelpunkt der Gruppe, die individuell in einzelnen Geschichtsgruppen organisiert sind. Er tritt in der Gewandung eines Salarii, eines Salzhändlers, auf. "Der römische Staat besaß ein Monopol auf den Salz- und Steinhandel. Einem solchen Händler ging es wirtschaftlich gut", sagte Möller, der für sich den Namen Gatalas gewählt hatte.

Die Römer hatte neben den uns von den Städten am Vesuv bekannten Mosaiken eine ganze Kultur der Tafelmalerei, also Bilder auf Holzbrettern. Auch Statuen, Altäre, Kapitelle und Inschriften wurden bemalt. Art Director Jan Hochbruck hat sich als Tertius Pictor dieser Seite des römischen Lebens zugewandt. Er zeigte den Besuchern, wie man in der Antike Farben mischte und wie die antiken Maler mit der Encaustik umgingen, den Farben, die erwärmt werden mussten.

Wer auf diese Weise Vergangenes sichtbar machen möchte, betreibt keinen Karneval. Die Protagonisten sehen sich als Interessengemeinschaft geschichtlich arbeitender Menschen, die eng mit Archäologen und Handwerkern zusammenarbeitet, um längst Versunkenes als Wurzeln des heutigen Lebens freizulegen. Neue Sichtweisen verändern ständig die Darbietungen der Gruppe. Wenn am 12. Mai 2018 in der Reihe "Sport trifft Kultur" unter dem Titel "Crossover Burg Linn" Sport auf das Museum trifft, sind Teile der Gruppe auch dabei. Hier zeigen sie Kindern, wie die Römer Feuer gemacht haben.

(oes)
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