"Rigoletto" in Krefeld ist trotz Regie-Baufehler ein grandioser Erfolg

Theater in Krefeld : Grandioser Rigoletto – trotz Baufehler

Es war ein großer Abend. Begeistert feierte das Premierenpublikum die Akteure der Verdi-Oper. Die Inszenierung fand keinen einhelligen Anklang. Es gab einzelne Buh-Rufe. Gilda als Android – ein Konstruktionsfehler der Regie.

Rigoletto ist ein Held ohne Strahlemann-Potenzial. Er ist ein verkrüppelter Außenseiter, der als Hofnarr nicht für seine geistreichen Aperçus geschätzt wird, sondern als Pausenclown belustigen soll – ein verspotteter Spötter, dessen Racheversuch an der Welt grausam enden wird, weil ihm sein Einziges genommen wird: seine Tochter Gilda.

Giuseppe Verdis Oper um eine Titelfigur, die ebenso tragisch wie zerrissen und grausam ist, bietet zeitgenössischem Regietheater ein Füllhorn von Interpretationsmöglichkeiten. Der Krefelder Hans Neuenfels hat die Handlung, die ursprünglich im 16. Jahrhundert spielt, auf eine Palmeninsel verlegt, Doris Dörrie auf einen Affenfelsen und Thomas Krupa in eine Puppenstube. An der Met ging es in das Las Vegas der Sinatra-Ära. Zirkus und Mafia-Milieu sind beliebte Ansätze. Und dann die spektakuläre Szenerie mit dem monumentalen bespielbaren Kopf bei den Bregenzer Festspielen. Jedes Gedankenspiel ist möglich. Verdis Musik verzeiht vieles. Bei ihrer ersten Regiearbeit fürs Theater Krefeld hat Dorothea Kirschbaum das Themenfeld der Künstlichen Intelligenz aufgerollt.

Zur Ouvertüre öffnet sich ein Tor in einer monumentalen grauen Wand. Julius Semmelmann hat sie als vor- und rückfahrbares Element gebaut, das unterschiedliche Räume definiert. Den Zutritt regelt ein Handabdruckscanner – weshalb Rigoletto meist draußen bleiben muss. Eine schöne Idee, die in vielen unlogischen Details fast untergeht.

Rigoletto zerschneidet eine Plastikfolie und enthüllt Gilda, die sofort an seine Brust sinkt. Die Schlüsselszene zeigt Rigolettos Tochter als Statue, ein lebloses Wesen, das menschliche Verhaltensweisen zeigt. Der Narr liebt eine Maschine, die auf artiges Töchterlein programmiert ist. Nur eine Maschine wird die Liebe zurückspiegeln. Doch ein kluger Ansatz verpufft, wenn er nicht bis zum Ende Spannung erhält. Hier hängt er schnell durch. Konstruktionsfehler der Regie. Aber der Abend ist musikalische ein Ereignis, das man nicht verpassen sollte.

Der von Johannes Schwärsky mit vielen Charakternuancen angelegte Rigoletto ist kein Klotz. Bewegend singt er, dass die Welt ihn zu dem gemacht habe, was er ist. Die Zerrissenheit zwischen Hass auf die Welt und zärtlicher Zuneigung zur Tochter setzt Schwärsky großartig um. Der Narr ist bei ihm keine lächerliche Figur, sondern ein Rächer, den man auf der Rechnung haben muss. Seine Entstellungen sind nicht körperlich. Es sind seelische Wunden. Devin McDonough (Kostüme) hat mit dem himbeerroten Anzug, der nur ganz entfernt an das klassische Narrenkostüm erinnert, einen prima Griff getan. Mit leuchtendem Bariton, dem er beißende Schärfe abringt, wenn es die Partie verlangt, flutet Schwärsky den Saal.

Sophie Witte hat einen jener goldenen Abende, an denen ihre Stimme fast überirdisch strahlt. Schon das passt nicht zur Androiden-Rolle, die ihr zugedacht ist. So warm, innig und zutiefst menschlich kann Hightech nicht klingen. Das Duett „Weine, Tochter“ ist anrührend. Außerdem bewegt sie sich so anders als die höfischen Androiden, die am GV (=Giuseppe Verdi?)-Logo auf der Uniform auszumachen sind. Sie ist verdammt, im Kitschkinderzimmer zu hocken und mit Plüschtieren Teestunde zu spielen, um kurz darauf für einen Mann, der wiederum nur mit ihr spielt, zu sterben. David Esteban ist jener leichtlebige Herzog von Mantua, der nicht nur im Verdi-Hit „La donna è mobile“ funkelt. Auch Matthias Wippich als Auftragsmörder mit Berufsehre und der Rest des Ensembles sowie der Chor machen den Abend zum großen Gewinn.

Die Niederrheinischen Sinfoniker bedienen sich unter Leitung von Generalmusikdirektor Mihkel Kütson aus vielen Klangfarbtöpfen. Große Gefühle im Forte, zärtliches Pianissimo und das effektvolle Wetterleuchten der Gewitterszenen leiden nicht unter Konstruktionsfehlern der Regie. Im Gegenteil. Musikalisch ist der Abend ein Juwel. Die Leistung der Akteure ist um so viel ausdrucksstärker als jeder Logikpatzer. In die verdient langen Ovationen mischten sich einzelne „Buh“-Rufe für die Regie.