Rarität: Römischer Kinderring aus Gold im Grabungsfeld Gellep gefunden

Gelduba : Das erste Gold der großen Grabung

Die Sensation von Gelduba ist ein kleiner Goldring aus dem 1. oder 2. Jahrhundert. Er hat vermutlich einem Kleinkind gehört.

Es war die größte Grabung aller Zeiten auf dem Gelände des ehemaligen Römer-Kastells Gelduba. Und eigentlich war die Sache auf dem 37.000 Quadratmeter großen Gelände in Gellep, das vor dem geplanten Bau von Europas größter Mühle von einem Archäologenteam noch auf Bodenfunde untersucht wurde, abgeschlossen. Doch Ulrich Esters machte noch einen letzten Gang. Als Sondengänger hat der 49-Jährige die zehnmonatigen Grabungsarbeiten seit Sommer 2017 begleitet. An diesem Abend wollte er noch einmal mit seinem Detektor den Abraum abscannen. Es war fast 23 Uhr, als er den vertrauten Piepton hörte. „Es war ein starkes Signal“, erzählt er. Und weil er seit 30 Jahren die Lizenz als Sondengänger hat, sagte ihm die Erfahrung, dass hier ein dicker Fisch ins Netz gehen würde.

Der Fisch war in diesem Fall ein kleiner Goldring: 1,3 Gramm schwer mit einem Durchmesser von 1,2 Zentimetern. Er muss einem Baby oder Kleinkind gehört haben. „Vermutlich war es ein Geschenk zur Geburt eines Säuglings“, sagt Viktoria Appel, die wissenschaftliche Bearbeiterin des Fundes. Lange hätte das Kind den Ring nicht am Finger tragen können. „Es wurde vielleicht später ein Anhänger an einer Kette. Aber es kann auch eine Grabbeigabe gewesen sein“, sagt Appel. Die Säuglings- und Kindersterblichkeit war hoch. Weil es ein Fund aus dem Abraum des Grabungsbodens ist, lässt sich keine Zugehörigkeit festmachen. Fest steht, dass der Ring römisch ist und aus dem 1. oder 2. Jahrhundert n. Chr. stammt. Es ist ein kostbares Stück. „Das Goldgewicht von 1,3 Gramm ist ungefähr vergleichbar mit einem Drittel Solidus, einer spätantiken Goldmünze“, berichtet Appel. Der Wert entsprach etwa 16 Prozent des monatlichen Einkommens eines Legionärs im 3. Jahrhundert. Das Kind muss zu einer wohlhabenden Familie gehört haben. Der Ring hat im vorderen Bereich eine Platte, in die eine ganz feine Ähre graviert ist — in der Antike ein Symbol für Fruchtbarkeit und gesundes Aufwachsen eines Kindes. „In Deutschland und der Schweiz gibt es nur zwei mir bekannte ähnliche Funde“, sagt Appel. Die Gestaltung des Rings ist typisch für die frühe römische Kaiserzeit und bis weit ins 2. Jahrhundert auch in den römischen Provinzen beliebt.

„Goldfunde aus jener Zeit sind generell selten, aber in dieser Kleinheit etwas ganz besonderes“, erklärt Museumsleiterin Jennifer Morscheiser. „Ich freue mich, weil dieser Fund eng mit der Geschichte des Museums verbunden ist: Es ist das erste Gold der großen Grabung von 2017/18. Gefunden wurde es von einem ehrenamtlichen Helfer, mit dem wir schon lange ein enges Vertrauensverhältnis haben. Und ausgewertet wird er von einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin.“ Riesengroß sei ihre Freude gewesen, als noch in der Nacht die E-Mail mit einem Foto des Überraschungsfundes von Esters auf ihrem Handy eingegangen sei.

Ulrich Esters hat den Ring mit der Sonde aufgespürt — zur Freude von Museumsleiterin Jennifer Morscheiser (r.) und Viktoria Appel. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Ulrich Esters ist von Beruf EGK-Mitarbeiter bei der Müllverbrennung. Die Sondengänge sind sein Hobby, in das er wöchentlich mehr als 40 Stunden seiner Freizeit investierte. Die Leidenschaft für die Antike ist bei ihm seit der Kindheit tief verwurzelt. „Meine Familie kommt aus Gellep. Ich bin mit den Funden aus dem Gräberfeld aufgewachsen. Der Goldhelm ist damals im Acker meiner Großmutter gefunden worden.“ Seit 30 Jahren hat er die Lizenz als offizieller Schatzsucher. „Da entwickelt man ein Gefühl dafür, auf was man wohl stößt, ob es Schlacke ist, Bruchstücke oder Bronze. Aber meist findet man nur rostige Nägel.“ Nicht so bei dieser Grabung. An seinen ersten Fund erinnert Esters sich: „Es war eine Bronzemünze des Kaisers Konstantin. An diesem Tag folgten noch 40 bis 50 weitere Münzen.“ Insgesamt ist ein sehr umfangreiches Konvolut an Münzen zutage gekommen, das die angehende Archäologin Viktoria Appel nun für ihre Abschlussarbeit auswerten wird. „Die Ausbeute ist immer deutlich höher als bei Grabungen ohne Sondengänger, die eine ganz andere Erfahrung mit den Detektoren haben als wir Archäologen“, sagt Morscheiser.

Neue Grabungsergebnisse Gellep. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Den Wert des Ringes zu bemessen ist nicht einfach: Zum Goldwert (Tageskurs über 1000 Euro) kommt der historische Wert sowie der Marktwert. „Aber da bin ich nicht aktiv und kann da keine Berechnung anstellen“, sagt Morscheiser. „Wir liegen aber sicher in einem höheren vierstelligen Bereich.“ Für Krefeld ist er unbezahlbar, ergänzt Esters. Auf seinen Finderlohn hat er übrigens verzichtet. „Der Ring ist ein kleines Stück davon, was uns 2020/21 zum Unesco-Weltkulturerbe werden lassen soll“, betont die Museumsleiterin.