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Krefeld: Priols hohe Kunst der abgebrochenen Sätze

Krefeld : Priols hohe Kunst der abgebrochenen Sätze

Das Wort "Altweibersommer" sei aktuell wohl eher als charmante Vokabel für Kanzlerinnendämmerung zu verstehen: So fiel Urban Priol am Freitag mit der Tür ins Seidenweberhaus und startete in einen zweimal 85 Minuten-Marathon durch das Chaos gegenwärtiger Politik und Nichtpolitik.

Kaum einer, der bei Priols Auftritt nicht sein Fett weg bekam: von Merkel, die am Donnerstag weniger für den Euro als für sich selbst Zeit gewonnen habe, und Westerwelle, der nun wohl doch länger bleibe als Gaddafi, über Rösler, die späte Rache der Roten Khmer, die "Ilsebilse-keiner-willse" Aigner, den "Teenie-Lover" Christian von Bötticher und den "Bonsai-Duce" Berlusconi, der sich nur ein einziges Mal zu etwas geäußert habe, von dem er tatsächlich etwas verstehe, bis zum Lohnnebenkostensenkungs-Präsidenten Dieter Hundt, dem "Käpt'n Ahab" Hans-Werner Sinn, leider ohne Moby Dick, und dem "Röschen von Hannover", das so anmutig, wie niemand sonst die Notwendigkeit wachsender Armut im Lande beschwören könne.

Mit rotem Faden durch die Krisen

Auch "der Dicke" (Helmut Kohl), "der Sechzehnte" (Papst Benedikt) sowie Barack Obama und die "Teebeutelpartei" blieben nicht unerwähnt — die meisten von ihnen Fälle für die Caritas oder den gelben Sack.

Das Abschweifen und spätere zielsichere Wiederaufgreifen des roten Fadens durch das tückische Krisengemenge beherrschte Priol ebenso perfekt wie die Kunst der unvollendeten Sätze.

Mehr noch als über die Krisen selbst regte er sich aber über die Leidenschaftslosigkeit auf, mit der die christlich geführte Bundesregierung Sprechblasen blubbernd im Kotau vor den Finanzfürsten verharre, während Jesus die Wucherer einst aus dem Tempel warf.

Da lobte er sich die neue isländische Regierung, die die Verursacher ihrer Staatspleite vor Gericht und auch schon hinter Gitter befördert und den britischen Spekulanten eine lange Nase gedreht habe, und auch die französische Bevölkerung, die ihrer Regierung den "Knüppel aus dem Sack" zeige, wenn sie dem Wahlvolk gegenüber zu frech werde.

Bei Kohl seien die Menschen immerhin noch die "Bürger draußen im Lande gewesen", bei Schröder schon nur noch "Gedöns", und bei Merkel gar die "letztlich Auchs", denen die Rettungsschirme nur vielleicht und als letzten nützen würden. "Ärgert sie zurück", appellierte Priol und erntete tosenden Beifall.

(mojo)