Krefeld Polizei: So hilft man bei Gewalt

Krefeld · Innerhalb von zehn Jahren stieg die Zahl von Gewaltdelikten von Jugendlichen um 36 Prozent. Die Polizei verstärkt ihre Aufklärungsarbeit: Was können die meist jugendlichen Opfer und erwachsene Beobachter tun?

 Dieser Fall schockierte Krefeld: Ein Zwölfjähriger tritt am 10. Dezember 2011 in einer Straßenbahn ohne ersichtlichen Grund ein 13-jähriges Mädchen vor den Kopf und verletzt es schwer. Der Junge konnte anhand der Bilder einer Überwachungskamera ermittelt werden. Bestraft wurde er nicht – mit zwölf Jahren gilt man als Kind und ist strafunmündig.

Dieser Fall schockierte Krefeld: Ein Zwölfjähriger tritt am 10. Dezember 2011 in einer Straßenbahn ohne ersichtlichen Grund ein 13-jähriges Mädchen vor den Kopf und verletzt es schwer. Der Junge konnte anhand der Bilder einer Überwachungskamera ermittelt werden. Bestraft wurde er nicht – mit zwölf Jahren gilt man als Kind und ist strafunmündig.

Foto: ARCHIV

Mit Blick auf Gewaltdelikte von Jugendlichen will die Krefelder Polizei Zivilcourage fördern, ohne allerdings Menschen dazu zu bringen, sich in Gefahr zu begeben. "Zwischen Nichtstun und Einmischen gibt es viele Möglichkeiten", sagt Jörg Grothus, bei der Krefelder Polizei im Kommissariat Verbeugung für den Jugendschutz zuständig. Jugendlichen, die etwa in Bus oder Bahn in gefährliche Situationen kommen und zum Opfer von Schlägern zu werden drohen, rät Grothus, mit dem Handy Hilfe zu rufen. Für alle Beobachter gilt die Empfehlung: Einmischen ja, aber aus sicherer Entfernung.

Die meisten Jugendlichen seien völlig in Ordnung, betont Grothus. Leider sorgten Schlagzeilen über aggressive Jugendliche wie jetzt wieder am Wochenende dafür, "dass wir nicht mehr wahrnehmen, was positiv ist". Grothus will ausdrücklich junge Männer nicht pauschal unter Verdacht stellen. Die Jugend sei immer auch eine Zeit des Ausprobierens; dass Jugendliche Grenzen überschreiten, sei altersimmanent. Zudem engagierten sich viele Jugendliche ehrenamtlich etwa in Sportvereinen oder in sozialen Projekten.

Dennoch gilt auch: In NRW haben Gewalt und Aggression zugenommen. Im Zehnjahresvergleich der Polizeilichen Kriminalstatistik stiegen die Fallzahlen bei Körperverletzung durch Jugendliche von 2000 bis 2010 um 36 Prozent – bei Erwachsenen sogar um 58 Prozent.

In Krefeld gab es 2010 – neuere Daten sind noch nicht veröffentlicht – 113 Mehrfach-Tatverdächtige im Alter von acht bis 21 Jahren, bei den Bis-14-Jährigen waren es acht Jugendliche. In der Gruppe der 14- bis 18-Jährigen gab es 47 Mehrfachtatverdächtige, bei den 18- bis 21-Jährigen waren es 58 Personen. Viele Jugendliche, so Jörg Grothus, seien heute respektloser, auch gegenüber Lehrern und Polizisten. Die Fälle von Gewalt unter Alkoholeinfluss nähmen zu, auch die Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten. Eltern und Gesellschaft müssten Grenzen aufzeigen. Im Anti-Aggression-Training versetzten sich jugendliche Schläger in die Rolle von Opfern und sollen so lernen, ihre Aggression zu kontrollieren.

Wie aber können sich Jugendliche und Erwachsene vor Gewalt schützen? Begegne man aggressiven Jugendlichen auf dem Schulhof, so solle man selber besser keine Aggressionen zeigen, auf Provokationen nicht eingehen und Abstand aufbauen. Dazu gehöre auch ein selbstbewusstes Verhalten. Die Körpersprache dürfe nicht einer Opferrolle entsprechen. Bei einem Handy- oder Brieftaschenraub sollte man bei einer Übermacht nicht den Helden spielen. Besser sei es, die geforderten Sachen auszuhändigen, die Szene kühl zu beobachten, sich Details zu merken, um dann bei einer Anzeige die Täter genau beschreiben zu können.

Eltern und Schule müssten Jugendlichen klarmachen, dass es nicht angehe, per Handy gefilmte Szenen von Schlägereien ins Internet zu stellen. Ist für die Polizei Gewalt bei Jugendlichen eher ein Phänomen sozial schwacher Schichten, so spielen sich Probleme mit Alkohol und Cannabis eher im gutbürgerlichen Milieu der Gymnasien ab. Bei Drogenmissbrauch gibt es eine Verlagerung zu Aufputschmitteln wie Ecstasy-Pillen. Nicht das "Chillen" (entspannen), sondern der schnelle Kick sei angesagt.

Die Polizei bietet auch Kurse für Lehrer an. Direkt dürfen nach dem Gesetz erst Kinder ab 13 Jahren angesprochen werden. Doch auch an Grundschulen gibt es schon Gewaltprobleme. Wie reagiert man richtig, wenn ein Neunjähriger der Lehrerin gegen das Schienbein tritt? Jörg Grothus versucht in den Lehrerkursen, Antworten auf solche Herausforderungen zu geben.

Nach den aktuellen Erfahrungen der Polizei werden die Täter nicht jünger, der Schwerpunkt liegt mehr und mehr bei den jungen Erwachsenen. Bei Raubdelikten, Diebstählen und Sachbeschädigungen gingen die Zahlen tatverdächtiger Jugendlicher sogar zurück. Gegenüber 2009 nahm 2010 die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen bei schwerer Körperverletzung bei Kindern um 5,5, bei Jugendlichen um 9,6 und bei Heranwachsenden um 7 Prozent ab, ebenso bei Raubdelikten (Kinder -5,2, Jugendliche -3,9, Heranwachsende -8,8 %).

(RP)
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