1. NRW
  2. Städte
  3. Krefeld

Plötzlich Krieg; Soldat aus Krefeld macht Wehrdienst in Finnland

Krefelder macht Wehrdienst in Finnland : Plötzlich Krieg

Der Krefelder Jannik Westerlich hat die finnische und die deutsche Staatsbürgerschaft. Seinen Wehrdienst hat er in Finnland abgeleistet – kaum war er dort, brach der Ukraine-Krieg aus. Er berichtet, was das für das Lebensgefühl der jungen Soldaten bedeutet.

Die Nachricht vom Ausbruch des Krieges in der Ukraine erreicht Jannik Westerlich bei einer seiner ersten Schießübungen. „Es war ein irreales Gefühl“, berichtet er, „wir hatten gerade mit dem Training von etwas angefangen, das wir theoretisch anwenden müssen, und plötzlich ist das für Hunderttausende Realität geworden. Als wir am Abend die ersten Bilder vom Krieg im Fernsehen gesehen haben, wurde uns allen bewusst, wie wichtig es ist, das zu können, wofür wir ausgebildet werden. Das ging schon ziemlich nahe.“

 Jannik Westerlich in Finnland in seiner Uniform. Er hat seinen Wehrdienst abgeleistet, obwohl er es nicht hätte tun müssen.
Jannik Westerlich in Finnland in seiner Uniform. Er hat seinen Wehrdienst abgeleistet, obwohl er es nicht hätte tun müssen. Foto: Jannik Westerlich

Jannik Westerlich ist 19 Jahre alt, ist in Krefeld aufgewachsen und hat 2021 am Fabritianum das Abitur gemacht. Seine Mutter ist Finnin, er hat die deutsche und die finnische Staatsbürgerschaft. In Finnland gibt es anders als in Deutschland noch die Wehrpflicht. Jannik hätte sie nicht antreten müssen, weil er zwei Pässe hat. Er tat es trotzdem. „Ich hatte zwei Gründe. Zum einen habe ich die Möglichkeit gesehen, die finnische Sprache besser zu lernen und den finnischen Teil meiner Familie besser kennenzulernen.“ Zum anderen ging es ihm um die politische Lage, die auch schon vor dem Ausbruch des Ukraine-Krieges in Finnland anderes gesehen wurde, als es in Deutschland bis dahin der Fall war.

  • Sanna Marin (36), Finnlands Regierungschefin, steht
    Aufregung um finnische Regierungschefin : Es gibt ein Recht auf Privatvergnügen, aber...
  • Bundeskanzler Olaf Scholz bei einer Pressekonferenz
    Brief an Olaf Scholz : Handwerker fordern kompletten Stopp der Russland-Sanktionen
  • Sophie Witte wird in der Oper
    Wegen des Ukraine-Krieges : Das Theater Krefeld ändert seinen Spielplan

Finnland hat eine 1340 Kilometer lange Grenze zu Russland. Im  kollektiven Gedächtnis der Finnen ist der russische Überfall auf Finnland 1939 unter Stalins Führung sehr lebendig. Die Russen sind damals im berühmten „Winterkrieg“ mehr oder weniger zurückgeschlagen worden; doch mussten die Finnen im Winterfriedensvertrag von 1940 territoriale Einbußen hinnehmen: Karelien, Salla und die Fischerhalbinsel gingen an die Russen – Namen, die jedes finnische Kind kennt. „Das ist ins kollektive Bewusstsein eingegangen“, resümiert Jannik. Viele Finnen sind aus den russisch besetzten Gebieten geflohen, auch Mitglieder seiner Familie haben seinerzeit Karelien verlassen.  Bis heute hält Moskau das Land besetzt – die Finnen haben diesen Landraub nicht vergessen.

 „Es gibt in Finnland eine große Akzeptanz und Wertschätzung für den Wehrdienst“: Jannik Westerlich, 19 Jahre alt.
„Es gibt in Finnland eine große Akzeptanz und Wertschätzung für den Wehrdienst“: Jannik Westerlich, 19 Jahre alt. Foto: Samla Fotoagentur/samla.de

Auch deshalb waren Jannik und seine finnischen Kameraden bei Kriegsausbruch alarmiert: „Es war ja nicht klar, ob Russland einfach durchmarschiert“, berichtet er über die ersten Tage des Krieges, „dann wäre schon die Frage gewesen: Was kommt als Nächstes? Ist danach das Baltikum dran?“

Die Debatte über den Nato-Beitritt Finnlands schwelte Jannik zufolge schon lange in dem Land; der Überfall Russlands auf die Ukraine gab bekanntlich den Ausschlag pro Beitritt. „Russland hat gedroht, dass ein Beitritt Konsequenzen haben würde. Das hat in Finnland und bei uns keine irrationale Angst ausgelöst; die Bedrohung ist sachlich diskutiert worden“, sagt er. So ist das wohl, wenn ein Land Jahrzehnte auf Tuchfühlung  mit einem aggressiven, unberechenbaren, mächtigen  Nachbarn lebt.

Dazu gehören auch andere Einstellungen. „Es gibt in Finnland eine große Akzeptanz und Wertschätzung für den Wehrdienst“, berichtet Jannik. „Man hat ja manchmal den Eindruck: Wer sich in Deutschland für den Wehrdienst entscheidet, wird verdächtigt, schießwütig oder sonstwas zu sein.“ In Finnland ist der Blick auf den Dienst an der Waffe ein anderer. Der Winterkrieg, die enge Nachbarschaft zu Russland, die ja auch eine Nachbarschaft von Demokratie und Autokratie mit starker Entwicklung zur Diktatur ist – all das hat die Finnen geprägt: „Bei den Finnen gibt es ein Bewusstsein dafür, dass sich ein kleines Volk behaupten kann und nicht mit dem Fingerschnippen eines Tyrannen Land und Freiheit verlieren darf.“ Jannik ist überzeugt: Die große Reserve an gut ausgebildeten Soldaten ist ein entscheidender Grund dafür, dass es seit dem Weltkrieg nicht zu einer weiteren Invasion gekommen ist. „Das Wichtige am Wehrdienst ist es ja nicht nur, auf den Ernstfall vorbereitet zu sein, sondern auch, um vorzubeugen, dass der Feind übermütig wird.“

Der Wehrdienst selbst ist intensiv. Er dauert je nach Truppengattung zwischen sechs und zwölf Monaten. „Mein Vater hat in Deutschland 15 Monate Wehrpflicht absolviert; davon waren drei Monate Ausbildung und der Rest Dienst. Ich bin letztlich trotz der viel kürzeren Dauer deutlich intensiver ausgebildet worden“, berichtet Jannik. Er hat eine besondere, mit hohen physischen und psychischen Belastungen verbundene Einheit ausgewählt: den Spähtrupp bei der Infanterie.

Diese Soldaten spähen den Gegner hinter der Front in feindlichem Gebiet aus; sie sind auf sich allein gestellt und im Gelände schwer gefordert, Skilaufen inklusive. Auch daran hängt eine historische Erinnerung: Im Winterkrieg haben die Finnen gegen die übermächtige russische Armee bestehen können, weil sie besser mit dem Winter und dem Gelände zurechtkamen. „Den Russen sind Panzerketten und Motoren eingefroren; die Finnen waren in schnellen Einheiten auf Skiern unterwegs“, resümiert Jannik.

 Seine härteste Übung war ein 36-Stunden-Marsch; seine Einheit musste in der ersten Nacht durchmarschieren; in der zweiten Nacht gab es zwei Stunden Schlaf. „Das Szenario, das wir geübt haben: Wir bewegen uns weit hinter die feindlichen Linien.“

Die Motivation für solche Strapazen teilt Jannik mit seinen finnischen Alterskameraden: „Es geht sehr konkret darum, die Freiheit der eigenen Nation zu verteidigen.“