Oper in Krefeld: La Traviata am Schwanenbrunnen

Oper in Krefeld : La Traviata am Schwanenbrunnen

Drei Figuren, ein Streichquartett, große Liebe und schrecklicher Tod auf 90 Minuten komprimiert: So präsentiert der Verein Music to go Verdis Oper „La Traviata“. Der Bühnenklassiker kommt quasi im „Espresso-Format“ und open air. Schauplatz ist der Schwanenmarktbrunnen.

Selbst Julia Roberts hat in der Rolle der „Pretty Women“ bei der Todesszene im Opernhaus Tränen vergossen: In kaum einer anderen Rolle dürfen Sopranistinnen so elegant sterben wie als Violetta Valéry. Sie ist die große tragische Figur des 19. Jahrhunderts in Frankreich: ein Bauernmädchen, das aus Not zur Kurtisane wird, aber dann die große Liebe findet. Doch ein Happy End gibt es für sie und ihren Alfredo nicht, denn Violetta ist todkrank. Eine Oper über eine „leichte Dame“, noch dazu eine Tuberkulosekranke – das hatte es vor Giuseppe Verdi nicht gegeben. Bei der Premiere 1853 in Venedig fiel das Werk denn auch zuerst einmal beim Publikum durch. Erst eine überarbeitete Fassung ließ „La Traviata“ zu einer der erfolgreichsten italienischen Opern werden.

Aber taugt der Stoff, um Menschen in der Fußgängerzone zu berühren? Désirée Brodka ist sich da ganz sicher. „Ich hatte anfangs Sorge, wie die Leute mit dem Nicht-Happy-End umgehen. Aber die war völlig unbegründet. Wir erleben sehr viel Wertschätzung.“ Und schließlich hätten viele Zuschriften von Zuschauern sie ermutigt, nach den Operetten „Der Vogelhändler“ und „Die lustige Witwe“ auch mal Oper zu bearbeiten. Das Ergebnis erleben die Krefelder am Freitag, 9. August, vor dem Schwanenmarktbrunnen.

Désirée Brodka ist Initiatorin des Vereins „Music to go“, der klassische Musik für jedermann zugänglich machen will. Im „Espresso-Format“ bringt sie mit ausgebildeten Musikern und Opernsängern Bühnenklassiker auf die Straße. Am Niederrhein, im Ruhrgebiet und sogar im hessischen Rodgau und in Andernach tourt sie in den Sommerwochen mit ihren Produktionen, die immer unter freiem Himmel stattfinden (solange das Wetter es zulässt) und keinen Eintritt kosten.

Raphael D. Thöne hat die knapp dreistündige Oper musikalisch bearbeitet und eine halb so lange „Traviata“ geschaffen, die mit Streichorchester und drei Figuren auskommt. „Aber die bekannten Arien wie das Trinklied und Siempre libere bringen wir natürlich“, sagt Brodka. Sie singt die Violetta  und führt als Moderatorin durch die Aufführung. Denn gesungen wird in der italienischen Originalsprache. „Ich verweise auf markante Textpassagen, so dass die Zuhörer immer genau verfolgen können, wo wir gerade sind“, sagt die Sängerin. Sie ist überzeugt von der „Espresso“-Variante, die als Konzentrat auf Violetta, ihren Liebhaber Alfredo Germont (gesungen von Carlos Moreno Pelizari) und dessen Vater Giorgio Germont (Agris Hartmanis) zusammengefasst ist. „Da ist die Liebesgeschichte und da ist das Potenzial für den Streit zwischen dem Sohn und seinem Vater, der mit der nicht standesgemäßen Verbindung von Alfredo und Violetta nicht einverstanden ist“, erklärt Brodka.

Die Geschichte der Oper geht ihr nahe. „Bei meinen Recherchen bin ich darauf gestoßen, dass Violetta keine fiktive Figur ist, sondern dass es die Frau wirklich gegeben hat“, erzählt sie. Vorlage war eine gewisse Marie Duplessis, eine Modistin und Kurtisane, zu deren Verehrern viele Adlige der Pariser Gesellschaft gehörten. Auch der Dichter Alexandre Dumas der Jüngere hatte 1844 bis 1845 eine leidenschaftliche Affäre mit der Dame. In dieser Zeit machte ihr bereits die Tuberkulose zu schaffen, an der sie zwei Jahre später starb. Seinen Kummer verarbeitete Dumas in dem berühmten Roman „Die Kameliendame“.

Der Roman und eine 1852 aufgeführte Bühnenversion bewegten die Pariser Gesellschaft. Auch Verdi muss der Stoff an die Nieren gegangen sein. Denn er lebte in jener Zeit mit der Sängerin Giuseppina Strepponi zusammen, die mehrere uneheliche Kinder hatte und als persona non grata galt.

Für Sopranistinnen gilt die Violetta als Traumrolle, Anna Netrebko und Maria Callas sind mit Ovationen für die Partie gefeiert worden. Einen dicken Schinken haben sich Brodka und ihre Kollegen da vorgenommen. „Es funktioniert, weil wir ganz nah dran sind am Publikum“, glaubt Tenor Carlos Moreno Pelizari.

Diese Unmittelbarkeit war auch der Grund, der die Verwaltung überzeugt hat. Denn Music to go, die in diesem Jahr zum dritten Mal das Terrain vor dem Schwanenmarkt  in einen Konzertsaal verwandeln, hatten diesmal verschärfte Auflagen zu erfüllen. Wegen der neuen Außengastronomie auf dem Platz am Schwanenbrunnen haben sich die Rettungswege der Feuerwehr verlagert. Platz für einen Bühnenaufbau gibt es aus Sicherheitsgründen nicht mehr. „Aber wir haben ja keine Bühne, nur ein ebenerdiges Zelt. Deshalb sind wir so mobil, dass wir im Ernstfall sofort Platz machen können“, sagt Initiatorin Brodka.

Wegen der veränderten Platzverhältnisse können auch weniger Sitzgelgenheiten aufgestellt werden. Brodka rät deshalb allen Besuchern, sich einen Klappstuhl oder ein Kissen mitzubringen. Bei schlechtem Wetter werden Zelte aufgestellt. Und sollte es stark regnen, weichen die Sänger und Musiker in den Schwanenmarkt aus.

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