Krefeld: Online-Sucht: Selbsthilfegruppen starten

Krefeld: Online-Sucht: Selbsthilfegruppen starten

Das Extrem sieht so aus: Leichenblasse Nerds – so nennen sich sonderbare Computerfreaks ironisch auch selbst – hocken Tag und Nacht vor ihren Bildschirmen, sind online und vergessen alles um sich herum. Essen, Trinken, Waschen und andere Bedürfnisse werden zur Nebensache – im Schrank stehen Becher oder Flaschen mit Urin. Zeit, um zur Toilette zu gehen, hat der Online-Süchtige nicht.

Das sei das Endstadium, erklärte Claudia Dässel von der Selbsthilfe-Kontaktstelle im Begegnungszentrum Wiedenhof, gestern auf Anfrage. Bis dahin sei ein langer Weg, und es lohne sich, die Anfänge beginnender Abhängigkeit zu erkennen und mit therapeutischer Hilfe oder Arbeit in Selbsthilfegruppen dagegen anzugehen. Leider sei die nächste Selbsthilfegruppe erst in Dortmund zu finden. Das soll anders werden: Heute fällt um 18 Uhr mit dem Vortrag von Maximilian Müller von der Fachklinik St. Camillus an der Mühlenstraße 42 der Startschuss zur Gründung der ersten beiden Selbsthilfegruppen in Krefeld. Eine soll den Betroffenen und die andere den Angehörigen vorbehalten sein.

Mehr als 500 000 Menschen in Deutschland seien onlinesüchtig. Die Sucht sei grob unterteilt in Spiel-, Sex- und Kommunikationssucht. Wenn das Leben nur auf die virtuelle Welt ausgerichtet sei, gerate der Alltag aus den Fugen und die Familie könne zerreißen. Soziale Kontakte sowie Schule und Beruf würden nebensächlich. Der Rückzug aus der realen Welt führe immer mehr in die soziale Isolation und könne auch zur Schuldenfalle werden, erklärt Claudia Dässel.

"Uns erreichen immer mehr Anfragen von Menschen, die unter Onlinesucht leiden oder einen Angehörigen haben, der davon betroffen ist", berichtet sie. Vor allem sei die Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen betroffen. Die Quote in dieser Gruppe liegt um rund 140 Prozent über dem Durchschnitt der 14- bis 65-Jährigen in Deutschland. Für Krefeld ergibt sich daraus, dass in der jungen Altersgruppe allein knapp 650 der Onlinesucht verfallen sein könnten. Die Gruppe der Gefährdeten sei noch viel größer: Demnach kämen allein für die Samt- und Seidenstadt noch mehr als 3000 Jugendliche und junge Erwachsene hinzu.

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Frauen tummeln sich mehr in Sozialen Netzwerken, Männer besuchen bevorzugt Spieleforen (auch Glücksspiele) und Sexseiten (kostenpflichtig). Damit könne ein Teufelskreis beginnen, sagt Claudia Dässel. Finanzielle Sorgen, Realitätsverlust, Arbeitslosigkeit, Eheprobleme – vieles ist denkbar und manches wahrscheinlich.

Eine der Schwierigkeiten bei der Onlinesucht bestehe darin, dass der Computer in der Berufswelt heute unverzichtbar sei. Wer sich in der Freizeit vier Stunden und mehr vor den Bildschirm setze, habe eine kritische Grenze zur Sucht erreicht. Symptome für diese Abhängigkeit seien der Verlust des Tages- und Nachtrhythmus', Probleme in der Schule und am Arbeitsplatz sowie der Verlust realer sozialer Kontakte und Freundschaften.

Kontakt Claudia Dässel,02151 - 961 90 25

(RP)
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