1. NRW
  2. Städte
  3. Krefeld

Ola Vasiljeva stellt Werke in Bezug zu Arbeiten von Frauen des Deutschen Werkbunds im Kaiser-Wilhelm-Museum Krefeld aus

Krefelder Kunstmuseen : Die Zwischenwelten der Ola Vasiljeva

Das Kaiser-Wilhelm-Museum wird zum Haus der Frau: Die niederländische Künstlerin Ola Vasiljeva hat sich mit der Werkbund-Sammlung beschäftigt und den Blick auf die wenigen Arbeiten von Frauen gerichtet. Es entstand eine begehbare Skulptur.

Ein Blatt von 1903 ist der niederländischen Künstlerin Ola Vasiljeva zuerst in die Hand gefallen, als sie im Kaiser-Wilhelm-Museum die Werkbund-Sammlung sichtete: ein Bastelbogen der Gestalterin Clara Möller-Coburg für einen Hampelmann. Überaus inspirierend fand die 37-Jährige diese Arbeit. Und sie stellte fest, dass unter den rund 130 künstlerischen Positionen nur acht Frauen vertreten waren. Das war ihr Ansatz zur Recherche über Frauen im Werkbund. Ab morgen ist im Museum am Joseph-Beuys-Platz zu sehen, wie die Arbeiten der Werkbund-Frauen eine zeitgenössische Künstlerin beflügelt haben.

„Haus der F.“ ist der Titel, der dem 3. Sammlungssatelliten der Kunstmuseen voransteht: jenen neuen, aktuellen Zugängen zu Exponaten aus der Museumssammlung. Dazu werden junge Kunst- und Designschaffende eingeladen, um sich mit der Sammlung auseinanderzusetzen. Ola Vasiljeva ist in Lettland geboren und hat an der Rijksakademie in Amsterdam, der Kunsthochschule Utrecht und dem Croydon College in London studiert.

Mit dem Hampelmann von Clara Möller-Coburg fing alles an. Foto: Petra Diederichs

„Der Werkbund ist der Vorläufer für das Bauhaus. Ohne Werkbund hätte es das Bauhaus nicht gegeben“, sagt Museumsleiterin Katia Baudin. Der Werkbund wurde 1907 gegründet, um Künstler mit Handwerk und Industrie zu verbinden, damit sie funktionelle Lösungen für das moderne Leben realisieren sollten. Auch Bauhaus-Urvater Walter Gropius war aktives Werkbund-Mitglied. Frauen waren auch hier die Ausnahme. Ihre Arbeiten wurden von männlichen Kollegen oft als Kitsch abgetan. Darauf antwortete im Jahr 1914 die Ausstellung „Haus der Frau“ in Köln. Eine Gruppe Designerinnen um Anna Muthesius und Mies van der Rohes Partnerin Lilly Reich wollte belegen, dass Frauen sachliche Werke schaffen, ebenso wie die Männer. Ironischerweise warfen Kritiker den Künstlerinnen dann vor, sie kopierten die Männer. „Ich finde die Geschlechter-Diskussion überflüssig“, sagt Vasiljeva. Sie versteht ihre Arbeiten immer als „Dazwischen“ – zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Verspieltheit und Nüchternheit. Und so hat sie sich den Vorlagen ihrer Vorgängerinnen genähert: ebenso sachlich wie mit Lust am Spiel. Aus dem Haus der Frau wurde das Haus der F., und jeder Betrachter darf sein eigenes F fortschreiben.

Vasiljeva hat im Oberlichtsaal eine begehbare Installation geschaffen, eine Zwischenwelt, ein überdimensionales Spielzimmer, in dem alles das sein kann, was es auf den ersten Blick zu sein scheint – oder etwas ganz anderes. Was von einer Seite wie ein Möbelstück aussieht, wirkt aus einer anderen Perspektive wie ein Architekturmodell. Die Meinung ändert sich, sobald der Meinende sich bewegt. Eine Schrankwand ist eigentlich inspiriert von Fenstern der Werkbund-Zeit, ein Schreibtisch könnte genauso gut eine Küchenzeile sein; ein Teppich ist ein Spielfeld und zugleich Grundriss des „Hauses der Frau“. Elemente von Möller-Coburgs Hampelmann finden sich darauf; ein Neonleuchtobjekt wirkt wie der zum Protest erhobene Arm der Puppe. Ein Schuh auf einem Werbeplakat von vor 100 Jahren wird Teil eines Metalltores. Und wie achtlos über ein Möbel geworfene Pullis wirkende Textilien offenbaren erst bei genauem Hinsehen, dass ihre Übergröße auf Riesen deutet, die offenbar den Ort gerade verlassen haben. Vasiljeva bietet den Frauen von damals eine Bühne, die sie selber mitbespielt. Das hat seinen Reiz. X-fach lassen sich Beziehungsfäden zwischen damals und heute ziehen in einer Welt, die zwischen allen überholten Kategorien Freiräume schafft – Zwischenwelten. Ob die Kunst männlich oder weiblich geprägt ist, ist dabei die überflüssigste Frage.

Ola Vasiljeva lebt und arbeitet in den Niederlanden. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Nicht zur Ausstellung gehörend, aber unbedingt lohnenswert ist der Rundgang auf der zweiten Etage, bei dem viele Werke aus der Sammlung von nach 1945 zu sehen sind, die lange im Magazin waren. Darunter sind die Highlights der Sammlung: das fast drei mal drei Meter große Gemälde „1024 Farben“ von Gerhard Richter, die Bilder von Sigmar Polke, die Fotografien von Andreas Gursky und der Düsseldorfer Fotoschule, aber auch die pinkfarbenen Flamingos des Mies-van-der-Rohe-Stipendiaten Ramírez Figueroa.