Krefeld: Offensive für Mies-Hallen

Krefeld : Offensive für Mies-Hallen

Der Eigner des weltweit einzigen Fabrikgebäudes von Mies van der Rohe will den Komplex sanieren. Er hat dazu Mittel beim Bund beantragt. Politik und Experten unterstützen ihn entschieden. Das Projekt ist auch wirtschaftlich bedeutsam.

Vielleicht muss man von Amerika aus einen Blick nach Krefeld werfen, um die Bedeutung dieses Gebäudes zu ermessen: Als Mies van der Rohe das HE-Gebäude mit angeschlossener Fabrikhalle ab 1931 für die Verseidag in Krefeld plante, da machte er allein von der Produktionshalle 150 Zeichnungen — Studien eines Architekten, die heute wie der gesamte Mies-Nachlass im New Yorker Museum of Modern Art (MoMa) aufbewahrt wird.

Der heutige Besitzer des Komplexes ist Reiner Leendertz. Er hat beim Bund Denkmalschutz-Mittel zur Sanierung der sogenannten Shed-Hallen mit den charakteristischen Spitz-Dächern beantragt und wird massiv unterstützt: von allen Krefelder Bundestagsabgeordneten und von der Unteren Denkmalbehörde. Seit dem Besuch von Deutschlands oberstem Kulturförderer in Krefeld hat Leendertz einen weiteren Verbündeten: Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) zeigte sich bei seinem Erkundungsgang durch Haus Lange/ Esters (wir berichteten) sichtlich beeindruckt vom Krefelder Mies-Erbe, beherbergt die Stadt doch drei von sieben der klassischen Mies-Bauten in Deutschland.

Neumann lobte besonders den guten Zustand der Doppelvilla Esters/Lange. Weniger gut sieht es bei den Shed-Hallen aus, die mit dem HE-Gebäude eine Einheit bilden. "Besonders das Glasdach der Hallen ist sanierungsbedürftig; es ist an vielen Stellen nur notdürftig geflickt. Im Grunde muss der gesamte Komplex einmal durchsaniert werden", sagte Leendertz gestern auf Anfrage unserer Zeitung.

Dabei tragen auch die Hallen eindeutig die Handschrift des weltberühmten Architekten, der in den USA besonders verehrt wird. Denkmalpfleger Gerhard Hanisch, Fachmann der Unteren Denkmalbehörde, nennt als Kennzeichen die "reduzierte Formensprache", die klare Funktionalität und die bewegliche Raumaufteilung im Inneren der Hallen. Die Form der Shed-Dächer habe Mies allerdings nicht erfunden — Hanisch: "Die Dächer sind so geformt, dass das Licht von Norden her in den Raum dringt. In den Hallen war ursprünglich eine Färberei. Das Licht musste zur sicheren Farbkontrolle gleichmäßig sein; zudem sollte verhindert werden, dass die Stoffe in direktem Sonnenlicht ausbleichen."

Eigentümer Leendertz sieht in einer denkmalgerechten Sanierung auch eine wirtschaftliche Chance für Krefeld: Mit dem Weltarchitekten Mies könne man für Krefeld werben und vielleicht Investoren für neue, hochwertige Büroflächen anziehen. "Es geht auch um Identifikation und das Signal: Wir haben tolle Architektur und stellen sie heraus, sind stolz darauf." Zurzeit sind Neu-Investitionen auf dem Gewerbe-Immobilienmarkt die Ausnahme — die in Krefeld zu erzielenden Mieten seien einfach zu niedrig. Mit Mies als Zugpferd ließe sich das ändern, hofft Leendertz.

Die Kenner unterstützen ihn aus architekturhistorischen Gründen: Krefelds Bundestagsabgeordnete Otto Fricke (FDP), Ansgar Heveling (CDU) sowie Siegmund Ehrmann und Bernd Scheelen (beide SPD) werben in einem gemeinsam unterzeichneten Schreiben bei Kulturstaatsminister Neumann um Unterstützung der Sanierung aus Mitteln des "Denkmalschutz-Sonderprogramms III" des Bundes.

Heveling hatte den Besuch Neumanns in Krefeld vor mehr als einem halben Jahr eingefädelt — alle Beteiligten betonen, dass sie keinen Wahlkampf mit dem Thema betreiben wollten — Heveling: "Damals ist von einer Landtagswahl noch keine Rede gewesen."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Shed-Hallen von Mies

(RP)
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