Neue Studie zur Verfolgung von Homosexuellen in der NS-Zeit in Venlo

Roze-Zaterdag in Krefeld und Venlo: Neue Studie zu Homosexualität in NS-Zeit

Eine Düsseldorfer Historikerin untersucht gemeinsam mit dem NS-Dokumentationszentrum, wie massiv Schwule und Lesben ab 1940 in Venlo verfolgt wurden. Heute komme es wieder verstärkt zu Angriffen, so die Forscher.

Sabine Reimann blickt ein letztes Mal auf das Papier, das vor ihr auf dem Tisch in der Villa Merländer liegt. Dort stehen die Zitate geschrieben, die zeigen, was Homosexuelle in Deutschland alles ertragen müssen. Am Niederrhein. In Krefeld.

Ein Gynäkologe, der einer lesbischen Patientin sagt, sie habe ja sicherlich noch keinen echten Sex gehabt. Eine alte Frau, die in der S-Bahn zwei Männer auffordert, sich doch bitte nicht mehr zu küssen. Was sollen denn die Kinder denken. Und ein Junge, der auf einem Schulhof unwidersprochen sagt, Schwule gehören vergast. Es sind Szenen, die Krefelder Homosexuelle zusammengetragen haben. Nicht 1945, sondern 2019. Eigentlich forscht Reimann, Historikerin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, in der Vergangenheit. Doch diesmal geht es auch um die Gegenwart. Um das Heute.

In diesem Jahr macht die NS-Dokumentationsstelle besonders auf die Diskriminierung von Homosexuellen aufmerksam. Heute und damals. Vergangene Woche hat der Künstler Gunter Demnig einen Stolperstein für Johannes Winkels an der St.-Anton-Straße verlegt. Der 22-jährige wurde im Dritten Reich wegen sexuellen Kontakten zu anderen Männern angeklagt. Daraufhin deportierte ihn die SS. Er starb 1943 im KZ Sachsenhausen. Der Stolperstein für Winkels ist der zweite für einen Homosexuellen in Krefeld.

Die Schreibstuben Karte des Krefelder Homosexuellen Johannes Winkels, Dachau-Häftling Nr. 40986. Er starb dort am 17.Februar 1943. ⇥ Foto: Jürgen Wenke.

Doch es gab weit mehr Opfer – und viele sind noch immer unbekannt. Reimann wird im Sommer mit ihren Kollegen eine Studie veröffentlichen, die untersuchen soll, wie massiv Homosexuelle zwischen 1940 und 1945 in den von Deutschland besetzten Niederlanden verfolgt wurden. In dieser Woche hat sie den Zwischenbericht vorgestellt. Der Fokus liegt auf Venlo, weil die Stadt mit Krefeld erstmals grenzüberschreitend den „Roze zaterdag“ ausrichtet, ein Aktionsjahr, in dem für Toleranz gegenüber Homosexuellen geworben wird. Reimann arbeitete Archive und alte Zeitungen durch, führte Expertengespräche, immer auf der Suche nach Zeitzeugenberichten. Doch Aufzeichnungen von Überlebenden gibt es kaum. Viele haben geschwiegen.

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Reimann sagt: „Niemand gab nach dem Krieg zu: ‚Ich war im KZ, weil ich schwul bin.‘“ Die Suche war schwierig. Bislang kann Reimann nicht nachweisen, dass auch niederländische Homosexuelle in die KZs gebracht wurden. „Homosexualität stand unter Strafe und viele Männer  landeten im Gefängnis, aber es gab kein Anstieg im Vergleich zur Zeit vor der deutschen Besatzung“, sagt Reimann. Ab 1940 begann sich die homosexuelle Szene in den Niederlanden langsam abzuschotten, Kontakt dorthin hatte kaum jemand. In Krefeld konnte Reimann immerhin fünf Männer ausfindig machen, die deportiert wurden, weil sie andere Männer liebten. Zwei starben im KZ, die Spur der anderen verliert sich. Was mit ihnen passierte, ist unklar. Nun will die Historikerin das Forschungsfeld ausweiten und außerhalb von Venlo suchen.

An Winkels letztem Wohnort vor Beginn der Verfolgung, der St.-Anton-Straße 68, hat der Künstler Gunter Demnig einen Stolperstein eingelassen. ⇥ Foto: Stadt.

Die bisherigen Ergebnisse erstaunen. Thomas Tillmann, Lehrer am Gymnasium Fabritianum, hatte ursprünglich geplant, zusammen mit seinen Schülern für die verfolgten niederländischen Homosexuellen im Rahmen des „Roze zaterdag“ ein Mahnmal zu errichten. „Aber wie wir sehen, gibt es derzeit kaum etwas zu mahnen“, sagt Tillmann.

Am Donnerstag, 14. Februar, wird er mit Schülern an  einer Diskussionsrunde im Theater Krefeld teilnehmen, die auch das NS-Dokumentationszentrum organisiert. Titel: „DIS(S)-Kurs: Diskriminierung von lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen in der NS-Zeit bis heute.“ Eingeladen sind alle Krefelder, auch Heterosexuelle. „In Zeiten, in denen die Ehe für alle gilt, müssen wir uns immer wieder fragen, ob so ein Thema noch aktuell ist“, sagt Tillmann. „Die Antwort ist: Leider ja. Derzeit nimmt die Gewalt gegen Homosexuelle wieder zu, es gibt erschreckend viele Grenzverschiebungen.“ Helfen könnten nur der Austausch untereinander und die Möglichkeit, Vorurteile abzubauen. Und das vielleicht nun zufällig am Valentinstag. Dem Tag der Liebe.

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