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Neue Forschungsergebnisse über das Bauhaus in Krefeld

Neues Buch : Bauhaus in Krefeld: Ein Forschungsbericht

Die Industrie in Krefeld hat das Bauhaus viel stärker als bekannt als Motor für Innovation gesehen, und Krefeld war viel stärker als bekannt personelles Zentrum des Bauhauses in Deutschland – auch während und nach der Nazizeit.

Der Pavillon im Kaiserpark ist am Sonntag im Beisein von Oberbürgermeister Frank Meyer und zahlreichen Gästen eröffnet worden. Zugleich wurde ein Buch vorgestellt, das ein Fest für Bauhaus-Interessenten ist: Neue Forschungen sind gepaart mit zahlreichen historischen Abbildungen, die lebendige Einblicke in die Seidenindustrie und die Bauhaus-Szene der 20er und 30er Jahre vermitteln. Herausgeber sind die Kunsthistorikerinnen Christiane Lange (Krefeld) und Anke Blümm. Beide haben eine packende Einleitung zu dem 422 Seiten umfassenden Band geschrieben, die einen Forschungsbericht und eine bestens zu lesende Einführung ins Thema bietet. Skizziert wird, wie eng die Verbindungen zwischen Industrie und Bauhaus waren und wie sehr Krefeld ein Zentrum des Bauhauses in Deutschland war. Auch das teils enge oder bestürzend gleichgültige Verhältnis von Bauhäuslern zu den Nazis wird beleuchtet. Mit Blick auf die Industrie wird deutlich, wie systematisch die Industriellen das Bauhaus für Innovationen nutzen wollten. Dieses Milieu war ein Lehrstück über die gegenseitige Befruchtung von Kunst und Wirtschaft sowie ein Plädoyer gegen brancheninterne Fachidiotie.

Der Schütte-Pavillon im Kaiserpark ist am Sonntag eröffnet und erstmals für eine Ausstellung genutzt worden.Zugleich wurde die neue Publikation „Bauhaus und Textilindustrie. Architektur – Design – Lehre“ vorgestellt. Der Pavillon wirkt im Innern größer als von außen. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Wir drucken die Einleitung mit freundlicher Genehmigung des Prestel-Verlages und von Christiane Lange in Auszügen.

„Die vorliegende Publikation nimmt eine Verbindung zwischen Industrie und Bauhaus in den Fokus, die die bekannten Beispiele an Umfang, Dauer und Vielfältigkeit weit überragt. Nicht ein einzelnes Unternehmen, sondern eine ganze Branche, die deutsche Seidenindustrie, repräsentiert durch ihren Branchenverband, suchte seit den 1920er-Jahren den Kontakt zur gestalterischen Avantgarde, insbesondere zum Bauhaus. Über zwanzig Vertreter der Schule wirkten bis in die 1960er-Jahre als Architekten, Entwerfer oder Lehrer für die Seidenindustrie. Die linksrheinische Textilstadt Krefeld bildete den geografischen Mittelpunkt dieser folgenreichen Verbindung.

Seit dem 17. Jahrhundert hatte sie sich zu einem Zentrum der Seidenindustrie entwickelt. Bis zum Ersten Weltkrieg war ein moderner Industriestandort mit internationalen Handelsverbindungen entstanden, der als Lyon des Nordens der führenden Seidenmetropole Frankreichs gleichgesetzt wurde. Im Zuge dieser Entwicklung hatten sich bis 1900 über hundert Seidenwebereien angesiedelt sowie alle notwendigen Hilfsindustrien (Färbereien, Veredelungsbetriebe etc.), Betriebe der Weiterverarbeitungen (zum Beispiel Krawatten) und des Handels. Sie stellten Krawattenstoffe, modische Kleiderstoffe, Futterstoffe, Schirmstoffe, Bänder und auch Paramente her.

 Mit der Industrialisierung waren seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auch alle notwendigen Fachschulen für Gestaltung, Weberei, Gewebeveredlung und Färberei entstanden. Eine besondere Bedeutung innerhalb der Branche erhielt Krefeld bereits vor dem Ersten Weltkrieg, als es zum Zentrum der Interessensvertretungen der Seidenindustrie avancierte. Sie schlossen sich 1910 zum Dachverband Verein deutscher Seidenwebereien zusammen, der 1924 seinen Sitz ebenfalls nach Krefeld verlegte. Infolge dieser Umstände hatten Krefeld und seine Seidenindustrie in dem Zeitraum, den diese Untersuchung abdeckt, einen weit über das Lokale hinausgehenden nationalen und internationalen Wirkungsbereich.

Das Bauhaus und sein innovatives Potenzial wurde in Krefeld früh wahrgenommen. Schon um die Jahreswende 1924/25 hatte es einen informellen Austausch zwischen Walter Gropius, dem Krefelder Seidenfabrikanten und Verbandsmitglied Hermann Lange sowie dem Bürgermeister der Stadt gegeben, in dem sie die Möglichkeit diskutierten, das in Weimar politisch bedrängte Bauhaus nach Krefeld zu holen. Der Vorstoß muss im Kontext jahrelanger Bemühungen gesehen werden, die Gestalterausbildung in Krefeld zu reformieren, um im internationalen Markt bestehen zu können.

Als die Übersiedlung der gesamten Schule nach Krefeld die finanziellen Möglichkeiten von Industrie und Stadt überstieg, schlug Lange vor, zumindest die Webereiabteilung als Satelliten der Schule in Krefeld zu etablieren. Dazu kam es letztendlich nicht, da das Bauhaus das attraktive Angebot aus Dessau annahm. Doch die Erwartung, dass die »bahnbrechende« Innovation, die die Textilindustriellen für ihre Gestalterausbildung suchten, am Bauhaus zu finden sei, blieb offensichtlich bestehen.

Seit der Gründung der Schule für Flächenkunst 1932 mit Johannes Itten als Leiter waren bis in die 1960er-Jahre sechs Angehörige des Bauhauses in leitender Funktion in der Ausbildung beschäftigt. Parallel hatte der Branchenverband Mitte der 1920er-Jahre begonnen, durch aufwendig gestaltete Messeauftritte von Mies van der Rohe und Lilly Reich das Image der Deutschen Seide bei der nationalen und internationalen Öffentlichkeit zu verbessern.

 Das Engagement von Bauhäuslern durch die Seidenindustrie überdauerte mehrere politische Systeme: Mies, Reich, Itten, aber auch der Textilgestalter Karl Hermann Haupt erhielten Aufträge bzw. eine Anstellung bis in die NS-Zeit. Andere Bauhäusler wie Georg und El Muche, Elisabeth Kadow (geborene Jäger), Gerhard Kadow, Max Peiffer Watenphul und Immeke Mitscherlich gelangten überhaupt erst während der nationalsozialistischen Herrschaft in die Seidenstadt und erlebten dort deren Ende und den Aufbau der Bundesrepublik. Oskar Schlemmer war ganz erstaunt über die vielen Bauhaus-Absolventen, die er traf, als er im Dezember 1940 seinen alten Bauhaus-Kollegen Georg Muche in Krefeld besuchte.

Muche leitete seit einem Jahr die Meisterklasse an der Krefelder Textilingenieurschule, Schlemmer war kurz zuvor in den Wuppertaler Arbeitskreis des Lackfabrikanten Kurt Herberts aufgenommen worden, um seinen Lebensunterhalt mit lacktechnischen Experimenten bestreiten zu können. Gemeinsam besuchten sie die Webeschule und das städtische Kaiser-Wilhelm-Museum, wo gerade eine Ausstellung mit Kunsthandwerk gezeigt wurde, in der mehrere ehemalige Kollegen und Absolventen des Bauhauses vertreten waren.

In einem Brief Schlemmers an seine Frau ist eine Schilderung des Besuchs erhalten, die ein Schlaglicht auf die Bauhäusler in Krefeld um 1940 wirft: »Muche hat telegraphiert, daß sie mich zu einem Besuch in Krefeld erwarten. Nach dem Essen gingen wir zur Schule, einem alten Backsteinbau [die Webeschule]. Ganz oben im Dach sind die Räume von Muche, die mit dem übrigen Teil nichts zu tun haben. Eigener Etat von der Industrie. Er zeigt mir Stoffe, die unter seiner Leitung entstanden sind, zum Teil schöne Sachen wie man sie nicht oder selten sieht. Entschieden Anregung für die Industrie, die sie kauft und im großen herstellt. Wir gingen noch im Museum vorbei, wo zur Zeit eine kunstgewerbliche Ausstellung ist: Wagenfeld (Gläser), Lindig (sehr schöne Vasen), Wandteppiche von Benita Otte und der Mögelin, auch Tümpel. Ebenso ist Kadow, der Leiter einer Schulklasse, vom Bauhaus, desgleichen seine Frau, Lehrerin für Seidenstickerei. Ein Teil davon war nachher bei Muche zum Kaffee, außerdem Volger, Stadtbaumeister in Krefeld, der Mann der Lisbeth Beyer. Das war nun wirklich eine Überraschung! Ist das nicht amüsant, soviel Bauhaus auf einem Fleck und alles brauchbare Leute?«

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten hatte auf diese zahlreichen Engagements kaum einen hindernden Einfluss, obwohl das Bauhaus zu den etablierten Feindbildern der NS-Propaganda zählte. Muche selbst hatte in den 1950er-Jahren das Narrativ entwickelt, dass in Krefeld eine Art Schutzzone für die von der NS-Propaganda diffamierten Bauhaus-Angehörigen bestanden habe, in der die Ideen des Bauhauses weiter wirken konnten. Die vorliegende Untersuchung wird diese Behauptung, die bereits von der Nachkriegs-Verklärung des Bauhauses geprägt ist, relativieren.

Begünstigt durch die privaten Sammleraktivitäten einiger Seidenindustrieller einerseits, einer sehr aktiven Ortsgruppe des Werkbundes andererseits und einem städtischen Museum, das Teil dieser Initiativen war und ihnen immer wieder eine Plattform bot, war tatsächlich ein produktives Netzwerk entstanden, in dem Avantgardekünstler, Werkbund-Mitglieder und Seidenindustrielle zusammenkamen. Insbesondere die Fabrikanten Alex Oppenheimer und Hermann Lange sowie der Verbandsfunktionär Erich Raemisch können als wichtige Verbindungspunkte zwischen den verschiedenen Szenen gewertet werden.

 Während sich Muche trotz herausgehobener Position in der Lehre einem Kontakt mit den nationalsozialistischen Amtsträgern fast gänzlich entziehen konnte, trat Gerhard Kadow 1940 unter Druck – wie er sagte – in die NSDAP ein. Auch der Architekt Hans Volger wurde 1937 NSDAP-Mitglied, weswegen er nach 1945 aus dem städtischen Dienst entlassen wurde. Ab 1948 rehabilitiert, konnte er bis Anfang der 1960er-Jahre den Neubau von Schulen, Wohnbauten,städtischen Gebäuden in Krefeld in leitender Position mitbestimmen.

Bei der Verbindung von Bauhaus und Seidenindustrie nahm der Branchenverband Verein deutscher Seidenwebereien eine zentrale Rolle ein. Er trieb die Reformierung der Ausbildung voran, er engagierte Mies und Reich für Ausstellungsentwürfe – dies alles sowohl während der Weimarer Republik als auch zur NS-Zeit.“