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Krefeld: Nachdenken über die Landwirtschaft

Krefeld : Nachdenken über die Landwirtschaft

Ein Jahr lang haben wir Krefelder Landwirte bei ihrer Arbeit begleitet. Zu den wichtigsten Lektionen gehört ein einfacher Satz: Es ist nicht selbstverständlich, genug zu essen zu haben.

Ein Jahr lang waren wir Gast auf Höfen in Krefeld, haben die Menschen hinter den Produkten vorgestellt, von ihrer Arbeit und aus ihrem Leben berichtet. Was beim Beobachter als erstes verlorengeht, ist das Gefühl von Selbstverständlichkeit. In jedem Supermarkt finden wir wie selbstverständlich Produkte des Feldes - bis hin zu verzehrfertigem Salat, der Stunden zuvor noch auf dem Acker stand. Es gibt sie aber nicht, diese Selbstverständlichkeit. Die Fülle an Lebensmitteln verdanken wir einer hocheffizienten Landwirtschaft, die alte Tugenden wie intime Kenntnis der Natur mit moderner Technik verbindet. Der Hunger ist besiegt, wir müssen Missernten nicht mehr fürchten - das ist eine große Leistung. Auch Hungersnöte in Afrika sind nicht auf Mangel an Nahrung zurückzuführen, sondern auf politisches Chaos und Gewalt. Führt man sich das alles vor Augen, wird man demütig. Und dankbar. Es ist nicht selbstverständlich, genug zu essen zu haben.

Dahinter stehen Technik, logistische Meisterleistungen und Menschen, die hart arbeiten. Dennoch sehen sich Landwirte oft kritisiert. Die letzte Aktion rheinischer Bauern, an der auch Krefelder beteiligt waren, stand unter dem Motto: "Der Landwirt aus der Nachbarschaft kommt in die Stadt - rede mit ihm". Landwirte fühlen sich zu Unrecht, im Übermaß und ohne Dialog über die Fakten an den Pranger gestellt: Als Tierschinder und Naturvernichter, denn Naturschützer machen die Intensität der Bewirtschaftung verantwortlich für den Verlust vieler Tier- und Pflanzenarten.

Solche Debatten sind zuweilen hysterisch und nicht immer gerecht: In Deutschland wird täglich eine Fläche von 100 Fußballfeldern versiegelt. Über diesen Naturverlust durch Straßen-, Wohnungs- und Gewerbebau wird selten geredet - Landwirte beklagen ihn oft. Als hysterisch darf man etwa die Debatte um das angeblich krebserregende Herbizid Glyphosat einstufen. Die Fachwelt hat den Stoff in der Art, wie er in der Landwirtschaft genutzt wird, als nicht krankmachend eingestuft - die Angst aber bleibt. Auch Gentechnik ist hochumstritten; viele Menschen haben Angst davor und sehen nicht die Chancen.

Angst muss man aber auch vor globalen Entwicklungen haben. Die Weltbevölkerung wächst nach UN-Schätzungen bis 2100 auf rund 11,2 Milliarden Menschen - heute leben 7,5 Milliarden Menschen auf dem Globus. Heißt: Die Erde muss in zwei Generationen 3,7 Milliarden Menschen mehr ernähren - so viele Menschen, wie um 1970 auf der Welt lebten. Weltweit sind Wüsten auf dem Vormarsch, der Klimawandel verändert ganze Landschaften. Wie ernährt man unter diesen Bedingungen ein, zwei, drei Milliarden Menschen mehr ohne intensive Landwirtschaft?

Die Produktivitätssteigerungen jedenfalls sind beeindruckend: 1950 wurden auf einem Hektar 2580 Kilogramm Weizen geerntet - heute sind es 8090 Kilogramm. 1950 gab ein Hektar Land 24.490 Kilogramm Kartoffeln, heute sind es 43.810; 1950 legte ein deutsches Huhn 120 Eier pro Jahr, heute sind es 294. Fragt sich dennoch: Wie viel Leistungssteigerung kann man Boden und Tieren noch abpressen? Oder gibt es irgendwann Hungersnöte mit Millionen von Toten? Was geschieht dann mit einer Weltgesellschaft? Dies im Blick, muss man wohl sagen: Wir sind verdammt zu intensiver Landwirtschaft.

Auch Naturschützer fordern nicht die Abschaffung der intensiven Landwirtschaft - nur ihre Eindämmung. 50 Prozent der Fläche Deutschlands werden landwirtschaftlich genutzt, davon 70 Prozent als Ackerland und 29 Prozent als Grünland. Europaweit fließen 40 Prozent des EU-Haushalts oder 60 Milliarden Euro in die Landwirtschaft. Im Durchschnitt, rechnet der Naturschutzbund Nabu vor, zahlt jeder Steuerzahler 112 Euro jährlich für Europas Bauern. Geld ist also da - der Nabu fordert, mehr davon für die naturverträgliche Pflege der Landschaft auszugeben und den Anteil der intensiv genutzten Fläche zurückzufahren. Die Landwirte sollen für den Verlust an Produktivität Ausgleichszahlungen erhalten.

Es stellt sich aber eine weitere Frage: Kann man es wollen, dass Lebensmittel teurer werden? Das wird gern gefordert, nach dem Motto: Weniger intensive Landwirtschaft macht Lebensmittel besser und umweltverträglicher. Doch wie viel Verteuerung verträgt eine Gesellschaft nach einer Phase des Überflusses und der Selbstverständlichkeit?

Das letzte Hungerjahr in Europa, das nicht durch Kriege verursacht wurde, geht ins Jahr 1816 zurück. Ursache war der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im Jahr 1815. Die Unmassen an Asche, die er in die Atmosphäre drückte, machten das Jahr 1816 zum "Jahr ohne Sommer". Missernten waren die Folge - und Hunger in Europa.

Billige Lebensmittel sind eine große soziale Errungenschaft. Sie aufs Spiel zu setzen, wäre geschichtsvergessen: Die letzte Königin, die irritiert fragte, warum die Leute nicht Kuchen kaufen, wenn sie kein Brot haben, hieß Marie Antoinette. Es ist nicht sicher, ob sie diesen Satz gesagt hat. Sicher ist, dass sie 1793 in Paris geköpft wurde. Hunger und Teuerung von Lebensmitteln zerreißen eine Gesellschaft.

(RP)