Krefeld: Monteverdi-Musik aus der Psychiatrie

Krefeld: Monteverdi-Musik aus der Psychiatrie

Ein bisschen Merkel, ein bisschen Trump und jede Menge Wahnsinn, dazu wundervolle, 400 Jahre alte Musik: Kobie van Rensburgs ungewöhnliche Kammeroper "Der seltsame Fall des Claus Grünberg" hatte Premiere. Ein kleines Juwel im Theaterspielplan.

Kobie van Rensburg ist Monteverdi-versessen. So sehr, dass er in seiner Jugend über die Musik des italienischen Komponisten (1567-1643) völlig die Zeit vergaß - und eine wichtige Lateinprüfung verpasste. Wie sich sein Verhältnis zum Latein entwickelte, verrät der gebürtige Südafrikaner nicht. Aber Monteverdi hat er im Blut. Das hat van Rensburg als Sänger aller großen Monteverdi-Partien bewiesen, ebenso als Regisseur, der alle drei Opern in Szene gesetzt hat. Außerdem hat er aus dem Monteverdi-Fundus bereits mehrere Pasticcio-Opern zusammengestellt. Die jüngste entstand zum 450. Geburtstag des italienischen Meisters im vergangenen Jahr für das Gemeinschaftstheater. "Der seltsame Fall des Claus Grünberg" feierte jetzt Krefeld-Premiere. Ein bemerkenswerter, multimedialer Abend, den das Publikum auf der Bühne sitzend erlebte und mit großer Freude aufnahm.

Was läge für einen Mann wie van Rensburg näher, als eine Geschichte zu erfinden über einen Mann, der verrückt ist nach Monteverdi. Im wörtlichen Sinne. Claus Grünberg (Andrew Nolen) ist in der Psychiatrie gelandet. Weltverloren hockt er in seinem Rollstuhl und starrt. Sein Blick ist in eine innere Welt gerichtet, in die kein Außenstehender eindringen könnte, hätte van Rensburg, der Multimedia-Tüftler, der schon dem Figaro, Don Giovanni und dem Barbier von Sevilla eine zusätzliche filmische Ebene verpasst hat, nicht auch hier digital getrickst. Auf einer großen Videowand spielt sich Grünbergs Innenleben ab. Hier mischen sich Welt und Wahn, Vergangenes und Fantasiertes. Das ist intelligent gemacht.

Grünberg ist durch den Tod seiner Frau und seiner Tochter aus der Bahn geworfen worden. Weder Psychopharmaka noch Zwangsjacke bringen ihm Frieden. Die Musik Monteverdis ist das einzige Band, das ihn hält. Der Komponist, der ebenfalls Frau und Kind auf tragische Weise verlor, hat vor einem halben Jahrhundert den Soundtrack für Grünbergs waidwunde Seele geschrieben. Klänge, die von tiefer Liebe erzählen, von großem Glück, aber auch von verzehrendem Schmerz und unstillbarer Todessehnsucht.

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Wundervoll setzt Yorgos Ziavras als musikalischer Leiter mit einer kleinen Gruppe der Niederrheinischen Sinfoniker die berührend schönen Harmonien um. Van Rensburg hat sich für seine "Favola in Musica" im Wesentlichen in den Monteverdi-Opern, im Fragment "Arianna" und bei den Madrigalen bedient und sie zu einer nahtlosen Einheit verwoben. Orgel, Cembalo und Laute klingen im Verbund mit einem Streicher-Sextett frisch und erstanunlich modern. Monteverdi, ein Zeitgenosse Shakespeares, wollte bei aller Suche nach neuen Stilmitteln vor allem Musik schreiben zum Mitfühlen. Das geht an diesem Abend auf schönste Weise auf. Hier gilt es nicht nur mitzuleiden am tiefen Schmerz der Titelfigur, der Nolen mit facettenreichem Spiel großes Format verleiht. Er glänzt in den dunklen Tiefen seiner Bass-Stimme und überrascht mit Counterqualitäten. Es gibt auch reichlich Momente zum Genießen und Bilder, die voller Esprit und Witz sind: Auf der Videoleinwand tosen Wasser, tummeln sich Raubfische, wüten Feuer und tanzen Seifenblasen. Dank exakt ausgefeilter Bluescreentechnik erscheint Grünberg seine verstorbene Frau (Susanne Seefing) in einer Wasserkaraffe. Wenn Figuren plötzlich mit Merkel-Maske auftauchen oder Grünberg mit einem Papp-Trump über Gewalt und Macht debattiert, hat das Charme und Witz.

Die Sänger des Opernstudios, Panagiota Sofroniadou, Agnes Thorsteins, Alexander Kalina und Alexander Liu schlüpfen mit großer Spielfreude in diverse Rollen, traktieren den Patienten als medizinische Crew und verwandeln sich in die mythischen Gestalten seiner Wahnsinnsphasen. In den innigen Momente zwischen Claus und Claudia Grünberg entfalten Nolen und Seefing, die Monteverdis Koloraturen mit Leichtigkeit und Anmut ihrer feinen Sopranstimme umsetzt, mitreißende Dramatik. Die Liebe wird am Ende die stärkste Macht bleiben. Grünberg schlitzt sich die Hauptschlagadern auf. Auf der Videowand ergießt sich ein rotes Meer, in dem alles versinkt. Doch noch eindrucksvoller ist Nolens Mimik. Als Sänger und Schauspieler hinterlässt er einen tiefen Eindruck, wenn er sich zum Ende der Spielzeit vom Gemeinschaftstheater verabschiedet.

"Der seltsame Fall des Claus Grünberg" auf der Theaterbühne. Es gibt nur 85 Plätze. Weitere Vorstellungen: 29. Mai, 1. und 12. Juli, Kartenreservierung: Tel. 02151 805125

(RP)