Montessori-Lehrer Thomas Müller holt seit 1990 bedeutende Künstler nach Krefeld

Krefeld: Ein Chauffeur im Dienst der Kunst

Thomas Müller hat in Krefeld eine der erstaunlichsten Reihen zum Thema Kunst initiiert: die „Künstlergespräche“. Er blickt auf 70 Gespräche und zahlreiche spannende Begegnungen mit Künstlern zurück.

Irgendwann im Gespräch sagt er: „Ich hab immer den Fahrdienst gemacht.“ Stimmt, er ist auch ein Chauffeur im Dienst der Kunst: Thomas Müller, Lehrer für Kunst und Sozialwissenschaften an der Montessori-Gesamtschule, hat berühmte Künstler gefahren, darunter Markus Lüpertz und Jörg Immendorff. Ein Lehrer holt berühmte Künstler nach Krefeld? Es gehörte etwas Glück, ein gutes Netzwerk, Künstler ohne Star-Allüren und das wachsende Renommee der Reihe dazu.

Thomas Müller hat Kunst studiert. Es gab dazu auch eine familiäre Prägung. Vater und Großvater haben Kunst gesammelt. Dass kunstgeschichtliches Wissen mitteilenswert sein kann, hat Müller schon als Schüler erprobt: Er machte in Aachen Dom- und Stadtführungen. Wenn man so will, waren dies erste Erfahrungen damit, dass das Reden über Kunst gewinnbringend ist. Im Studium lernte er auch angehende Künstler kennen, die er später zu seinen Gesprächen einlud.

Beim ersten Gast dann hatte Müller auch das Quäntchen Glück, dass man am Anfang von Projekten braucht: Er lud Tony Cragg ein, der schon eine Berühmtheit war. Der Kontakt zu dem Professor an der Kunstakademie Düsseldorf kam über dessen Ehefrau Tatjana zustande, die aus St. Tönis stammte und mit der Müller bekannt war. 1990 fand dann das erste Künstlergespräch statt, damals noch in der VHS.

Auch der zweite Gast 1990 war und ist eine Berühmtheit: Malerfürst Markus Lüpertz, der sich als leutseliger und angenehmer Gast erwies. Müller holte ihn damals an der ehemaligen Hochschul-Mensa ab. Lüpertz bemerkte gleich am Anfang der Autofahrt, dass er gerade zu den „zehn erotischsten Männern Deutschlands“ gewählt worden sei. So beginnt dann wohl ein unvergesslicher Abend. „Wir fuhren Kolonne nach Krefeld, da viele Lüpertz-Studenten mitfuhren“, erinnert sich Müller. Lüpertz war zu der Zeit Rektor der Akademie, das Gesprächsthema in Krefeld lautete: „Belebte Formen und kalte Malerei“. „Er provozierte als bekannter Selbstdarsteller auch kritische Stimmen in der Zuhörerschaft“, erzählt Müller, „aber hier zeigte sich das kommunikative Talent Lüpertz’. Er sprach seine Kritiker als ,seine speziellen Freunde’ an.“ Das Besucherinteresse war riesig, viele Interessenten mussten wegen Überfüllung des Raumes abgewiesen werden. Nach der Veranstaltung wechselten Künstler und Gäste gemeinsam zu „Gleumes“, wo Lüpertz kurzerhand viele Gäste zum Bier einlud. Bei der Einladung hatte Müller die Beziehung des Künstlers zu Krefeld geholfen: Lüpertz hatte an der Krefelder Werkkunstschule bei Laurens Goossens studiert und ist mit dem Fotografen Peter Lindbergh einer der bekannteren Absolventen.

Jörg Immendorff hat Müller bei der Autofahrt nach Krefeld als angenehmen Gesprächspartner kennengelernt. Der Künstler konnte aber auch anders: Beim Künstlergespräch 1991 war er außer sich vor Wut, als aktuelle Arbeiten von ihm als unpolitisch kritisiert wurden - etwa die „Söhne der Sonne“.

Zweimal - 1988 und 1989 - war Adolf Luther Gast bei den Künstlergesprächen. Beim zweiten Gespräch 1989 zusammen mit Hans Joachim Albrecht ging es um Krefeld und seine Plätze. So machte Luther Vorschläge für die Gestaltung des Von-der-Leyen-Platzes. Ein Schattenwurf der Hauptfassade des Rathauses sollte in der Plattierung des Platzes erkennbar sein. „Am Ende der Veranstaltung fragte ich Luther, ob er sich vorstellen könnte, ein Kunstwerk von sich der der VHS zu überlassen.“ Luther schenkte der VHS tatsächlich seine „Hommage an Malewitsch“. Auch andere Gäste wie Thomas Ruff und Klaus Rinke zeigten sich spendabel und vermachten der VHS Werke von sich.

An der Idee, Künstler zu Krefeld als Ort für Kunst zu befragen, hielt Müller fest. Ludger Gerdes entwickelte sein Modell ,Kerzen für Krefeld’. Gerdes schlug vor, an den vier Ecken der Wälle zwanzig Meter hohe Kerzenskulpturen mit dunklem Marmorsockel aufzustellen. Georg Ettl entwickelte Ideen für eine Neugestaltung des Umfeldes des Kaiser-Wilhelm-Museums. Der Krähen-Zaun dort ist von ihm.

Ab 2002 fanden die Künstlergespräche in der Montessori-Schule statt. Müller bat die Künstler nun, einige Werke zur Veranschaulichung mitzubringen. So brachte Konrad Klapheck 2014 vier grafische Arbeiten mit. Klapheck galt als Star der Nachkriegsavantgarde; der Zuspruch war mit 150 Gästen außergewöhnlich, und später haben ihn Montessori-Schüler mehrfach in seinem Atelier besuchen können. Der Künstler Klaus Kubick brachte mehr als 15 eigene Objekte mit, so dass das Künstlergespräch ein Rundgang durch eine Kubick-Ausstellung wurde. Frank Jacob Esser brachte einige seiner großen Bildformate auf einem offenen Wagen mit. „Manchmal“, resümierte er später, „ist es auch gut, wenn es nicht regnet.“ Bestens besucht war auch das Künstlergespräch mit Thomas Schütte. Er hatte einen Diavortrag über das Entstehen seiner begehbaren Skulpturen mitgebracht und erwies sich an dem Abend auch als unprätentiöser Mensch, der gleichwohl faszinierend von seiner Kunst zu erzählen vermochte.

Faszinierend von Kunst erzählen: Darum geht es in der Reihe im Kern seit 30 Jahren. Und was fasziniert Thomas Müller an der Kunst? Sie ist, lautet seine Antwort, ein „Raum der Freiheit.“

Der Montessori-Kunsttreff findet jeden zweiten .Mittwoch des Monats, 19.30 Uhr, in der Schulzeit, statt. Am 11.Juli geht es um Markus Lüpertz und Juan Munoz.