1. NRW
  2. Städte
  3. Krefeld

Mihkel Kütson verlängert seinen Vertrag am Theater Krefeld und Mönchengladbach

Theater Krefeld : Gentleman am Dirigierpult: Kütson verlängert Vertrag

Der Generalmusikdirektor des Theaters Krefeld und Mönchengladbach bleibt bis 2027

Der Mann ist ständig in Bewegung. Wer Mihkel Kütson bei der Arbeit im Orchestergraben beobachtet, der kann das Bühnengeschehen aus seinen Bewegungen ablesen – quasi wie Untertitel, die auch die Feinheiten der Musik erklären. Die blonden Haarsträhnen fallen ihm schon nach der Hälfte der Ouvertüre ins Gesicht: Dirigieren ist Leidenschaft. Aber auch Schwerstarbeit. Nicht nur drei Stunden im Frack am Pult der Niederrheinischen Sinfoniker fordern Mihkel Kütsons enormen körperlichen Einsatz. Auch Proben sind schweißtreibend. Wer trocken bleibt, hat nicht alles gegeben. Und alles fordert Kütson, von sich und von den Musikern.  Seit 2012 ist der Este Generalmusikdirektor am Theater Krefeld und Mönchengladbach. Sein Vertrag läuft bis 2022. Am Donnerstagabend hat der 48-Jährige ihn vorzeitig verlängert bis 2027.

„Wir sind also noch nicht fertig“, sagt er mit dem für ihn typischen leichten Lächeln. Kütson ist ein Feuergott, wenn er den Dirigentenstab hält, in der persönlichen Begegnung ist er Gentleman. Mit estnischem Understatement würde er das als Qualität seines Berufsstandes bezeichnen: „In meinem Beruf muss man eher einen diplomatischen Umgang pflegen. Man muss zuhören, gegebenenfalls korrigieren, aber die Kritik muss fein verpackt sein“, hat er in einem früheren Gespräch mit unserer Redaktion erzählt. Er ist höflich, freundlich, unkompliziert, zielsicher. Wenn er über Musik redet, dann sprüht er Funken.

So setzt er Dinge um, die ihm wichtig sind. Als er vor acht Jahren von Flensburg an den Niederrhein kam, hat er klargemacht, dass Orchesterarbeit nichts für Sprinter ist. Sein Ziel ist die Qualität, die andauert. Ein Mann für den Marathon. Den läuft er am Gemeinschaftstheater mit Bravour. Dennoch hat es ihn bisher nie so lange an einem Dirigentenpult gehalten. „Das ist nicht üblich in der schnelllebigen Zeit, wo jeder auf rasche Karrieresprünge guckt“, sagt. Er bleibt. Auch weil er am Niederrhein die Freiheit für Gastspiele mit den berühmten internationalen Orchestern genießt, und auch ein bisschen Heimat hat.  „Für mich ist immer wichtig, einen Ort zu haben, wo ich mich gut fühlen kann“, hat er mal gesagt.

Gut fühlt er sich in Rheydt, wo er vertraglich verpflichtet seinen Wohnsitz hat. Und hier kennt er auch Supermärkte und Kneipen – schon von Berufswegen. Mit den niederrheinischen Sinfonikern spielt er im Einkaufsladen auf oder in den Gaststätten der Altstadt. Ungewöhnliche Wege, um Publikum für Musik zu begeistern, liebt er. Er hat sich für die Abonnenten der Sinfoniekonzerte als Marketingobjekt verlosen lassen, er picknickt mit Besuchern auf Golfgreens und unterlegt Schwarz-Weiß-Stummfilme mit orchestralem Glanz. Die Niederrheinischen Sinfoniker hat er dafür schnell begeistert. Rausgehen, auf die Leute zu und zeigen, dass Kultur der Seele gut tut, das empfindet Kütson als erfüllende Aufgabe seiner Zunft. Und gut fühlt er sich mit dem Orchester, das seine Experimente mitmacht, wenn es um Großprojekte wie Salome oder Lohengrin geht oder um neue Formate. „Wir wollen uns stilistisch noch breiter aufstellen.“

Kütson ist ein Nahbarer, einer, der sich begeistert und andere in Brand setzen kann. Das spürt das Publikum. Dessen Vorlieben nimmt er ernst. Als erster Musikchef am Gemeinschaftstheater hat er Wunsch-Sinfoniekonzerte veranstaltet und einen Wettbewerb für ganz junge Musiker etabliert: „Bühne frei“. Für „Star Wars“ mit Sinfonieorchester und Lasershow haben ihn nicht nur Cineasten geliebt. So schafft er Vertrauen. Einer, der so was kann, dem folgt man auf unbekanntes kulturelles Terrain. Kütson erkundet es vorher gründlich: „Man muss einen Komponisten nicht mögen, um seine Musik zu verstehen“, ist seine Devise.

So hat er – dezent,  aber stetig – die Sinfoniekonzerte immer auch mit zeitgenössischer Musik bestückt.  Wer die Hits von Beethoven, Mozart, Mahler, Tschaikowsky hören will, der lernt auch Christopher Theofanidis, John Corgliano oder Carter Pann kennen. Dafür erlebt er auch im Neujahrskonzert eine Sandmalerin, einen Kunstpfeifer oder eine Flamencotänzerin. Kütson öffnet die Schublade vermeintlich elitärer Klassik und schürt die Lust, darin zu stöbern. Dem Theater bekommt es gut, dem Publikum auch, dem Orchester ohnehin.

Kütsons Leben ist voller Musik, und davon sprudelt auch er über. Wer ihn nach dem schönsten Klang fragt, erhält eine überraschende Antwort: „Die Kaffeemaschine“.