Mennoniten-Tradition in Krefeld „Man musste sich rechtfertigen, dass man keiner Sekte angehörte“

Special | Krefeld · Seit Jahrhunderten leben Mennoniten in Krefeld. Doch von jeher waren sie in einer doppelten Verfolgungssituation. Vater und Sohn te Neues berichten, wie es heute ist, Mitglied der Freikirche zu sein. Und wie ihre Vorfahren vor mehr als 300 Jahren nach Amerika auswanderten.

Elmar te Neues in Hüls vor dem Stammsitz der Familie. Die Baugeschichte des Hauses geht bis ins 17. Jahrhundert zurück, als die Familie aus Mönchengldbach erst nach Hüls und dann teils nach Krefelder gezogen ist.

Elmar te Neues in Hüls vor dem Stammsitz der Familie. Die Baugeschichte des Hauses geht bis ins 17. Jahrhundert zurück, als die Familie aus Mönchengldbach erst nach Hüls und dann teils nach Krefelder gezogen ist.

Foto: Samla Fotoagentur/samla.de

Ein heiterer Moment: Wenn der Mennonit Elmar te Neues als Jugendlicher mit einem katholischen Mädchen ausging, sagten die Eltern: Oh je, der gehört irgendeiner evangelischen Sekte an. Und als er seine evangelische Frau im ohnehin katholikenarmen Friesland kennenlernte, sagte deren Mutter: Na Gott sei Dank, der ist wenigstens kein Katholik. Gelächter am Tisch.

Elmar te Neues und sein Vater Armin erzählen aus ihrer Familiengeschichte. Die Familie te Neues ist Mennoniten-Urgestein. Wenn Vater und Sohn erzählen, fällt eines sofort auf: die zeitliche Tiefe. Oder besser: die Nähe der Zeiten. Es ist, als sei die geschichtliche Entfernung nicht so groß. Evangelische Christen wissen auch, dass sie ihre Kirche Luther verdanken, diese Geschichte ist immer irgendwie da. Bei Mennoniten aber ist Geschichte immer auch ein Geflecht aus Familiarität. Es ist, als rücke der historische Zeitstrahl zusammen.

Mennoniten von Anfang an in einer doppelten Verfolgungssituation

„Man musste sich rechtfertigen, dass man keiner Sekte angehörte, sondern einer evangelischen Freikirche“: Elmar te Neues (l.) und sein Vater Armin. Das Gemälde im Hintergrund zeigt Elmars Urgroßvater Paul te Neues.

„Man musste sich rechtfertigen, dass man keiner Sekte angehörte, sondern einer evangelischen Freikirche“: Elmar te Neues (l.) und sein Vater Armin. Das Gemälde im Hintergrund zeigt Elmars Urgroßvater Paul te Neues.

Foto: Samla Fotoagentur/samla.de

Die Vorfahren der Familie te Neues wurden Mitte des 17. Jahrhunderts aus Mönchengladbach vertrieben, das damals zu Kurköln gehörte und also katholisch war. Die Familie landete erst in Hüls, zog dann weiter nach Krefeld, bis ein Teil nach Amerika auswanderte und Germantown, heute ein Stadtteil Philadelphias, mit aufbaute: endlich frei in der Neuen Welt.

In Mönchengladbach gehörte die Familie te Neues zu einer alten Schicht von Siedlern, die zwischen Mönchengladbach und Düsseldorf als Bauern lebten, berichtet Armin te Neues. Auch diese Schicht bestand im Prinzip aus Neulingen. „Es kann sein, dass der Name te Neues damit zusammenhängt: Wir waren die Neuen, die dort siedelten“, sagt Armin te Neues.

Wie auch immer. Im Zuge der Reformation schloss sich die Familie einer kleinen Kirche an, die in manchem radikaler war als die großen lutherischen oder reformierten Kirchen. So lebten die Mennoniten von Anfang an in einer doppelten Verfolgungssituation: verfolgt von den Katholiken und vom lutherisch-reformierten Teil des sich herausbildenden Protestantismus. Denn auch Lutheraner und Reformierte verfolgten die Mennoniten als Ketzer. Vor allem das „Wiedertäuferreich“ in Münster in den 1530-er Jahren, das viel von einer Terrorherrschaft hatte, radikalisierte und enthemmte die Verfolgung. Selbst ein Mann wie Melanchthon, der eher als theologischer Diplomat in die Geschichte einging, rief nach der Todesstrafe für alles, was nach Wiedertäufer aussah.

Überliefert ist, dass mancherorts Mennoniten von Protestanten hingerichtet wurden, obwohl sie als ehrenwerte und anständige Bürger galten. Die Frage nach der Rechtgläubigkeit ging in dieser Zeit des Hasses oft genug vor. Die Mennoniten überlebten dennoch als Kirche, als Bund von beseelten Familien, die für ihren Glauben Heimat und Leben aufs Spiel setzten. Das prägt.

„Man musste sich rechtfertigen, dass man keiner Sekte angehörte“

 Blick auf die Mauer, die die Mennonitenkirche in Krefeld umgibt. Die Errichtung einer Mauer war Ende des 17. Jahrhunderts Bedingung für den Bau der Kirche; man sollte sie von der Straße aus nicht sehen.

Blick auf die Mauer, die die Mennonitenkirche in Krefeld umgibt. Die Errichtung einer Mauer war Ende des 17. Jahrhunderts Bedingung für den Bau der Kirche; man sollte sie von der Straße aus nicht sehen.

Foto: Reymann Architekten

Sprung in die Gegenwart. Elmar te Neues berichtet, dass er sich als Jugendlicher nicht gerade bedrängt oder verfolgt fühlte. „Aber es gab doch für uns Kinder und Jugendliche eine Minderheitenerfahrung“, erinnert er sich, „man musste sich rechtfertigen, dass man keiner Sekte angehörte, sondern einer evangelischen Freikirche.“ Die Kenntnisse über das, was Mennoniten sind, waren auch in einer Stadt wie Krefeld mit einer jahrhundertelangen Mennonitenpräsenz nicht sonderlich ausgeprägt.

Das galt im Prinzip von Anfang an, also vom Anbeginn der Einwanderung von Quäkern und Mennoniten nach Krefeld. Olaf Richter, Leiter des Krefelder Stadtarchivs, sagt dazu einen überraschenden Satz: „Die Einwanderung der Quäkerfamilien war keine so große Erfolgsgeschichte in Krefeld.“ Grund: Die Toleranz war von oben, nämlich von den Oraniern verordnet.

Jahrhundertealte Mennoniten-Tradition in Krefeld

Die ersten Mennoniten-Familien kamen 1607 nach Krefeld, in eine Stadt mit vielleicht 500 Einwohnern. In Krefeld gab es Katholiken und Reformierte – beide Gruppen sahen die Quäker und teils auch die Mennoniten mit Misstrauen und Ablehnung. Mitte des 17. Jahrhunderts gab es dann eine regelrechte Einwanderungswelle: Aus dem benachbarten Rheydt flohen rund 70 Familien mit vielleicht – konservativ, mit vier Köpfen pro Familie gerechnet – 240 Menschen nach Krefeld. Die 500-Seelen-Siedlung war danach eine andere.

Häuser waren überfüllt, Preise für Wohneigentum stiegen, es gab ein soziales Gefälle zwischen den oft wohlhabenden Einwanderern und den Alteingesessenen. Dazu kamen wachsende soziale Spannungen mit den Quäkern, die nur sehr unscharf von Mennoniten zu unterscheiden und noch einmal radikaler waren als die Mennoniten. Archivleiter Richter nennt als Beispiel das Duzen: Die Quäker haben hochgestellten Persönlichkeiten in der Anrede ihren Titel verweigert und duzten alles und jeden – nach dem Motto: Vor Gott sind alle gleich. „Das war nicht irgendeine Unhöflichkeit“, erläutert Richter, „die Anrede war sehr wichtig, und es war in der damaligen Zeit eine schwere soziale Verfehlung, jemandem nicht mit dem ihm zustehenden Titel anzureden. Das glich einer Beschimpfung und Beleidigung.“ So kam es auf Krefelds Straßen gelegentlich zu Rangeleien, Übergriffen und Prügeleien, wenn Quäker das Du gebrauchten. 1680 wurde schließlich eine Quäkerfamilie ausgewiesen, das Klima zwischen den Konfessionen war rau und voller Spannungen.

Dazu kam eine juristische Unsicherheit in der politischen Großwetterlage in den deutschen Landen, deren Bedeutung Archivleiter Richter betont. Im Westfälischen Frieden von 1648, der das Ende des 30-Jährigen Krieges besiegelte, wurden zwar Lutheraner und Reformierte als Konfessionen reichsrechtlich anerkannt, nicht aber Mennoniten und Quäker. Diese Gruppen, die sich als Kirchen verstanden, waren also vollständig davon abhängig, von einem Fürsten geduldet zu werden – außerhalb dessen Reichweite hatten sie rechtlich kein Existenzrecht.

Aufbruch in die Neue Welt – nach Amerika

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Foto: Jens Voss

So also war das Lebensgefühl von Quäkern und Mennoniten in Krefeld im ausgehenden 17. Jahrhundert: geprägt von sozialen und konfessionellen Konflikten und einer reichsrechtlichen Unsicherheit bei von oben verordneter, aber unten an der Basis nur murrend gelebter Toleranz. In diesem Klima wuchs dann die Bereitschaft bei Quäkern und den Quäkern nahestehenden Mennoniten, ganz neu anzufangen – in Amerika, der Neuen Welt, wo der britische Quäkerführer William Penn sich anschickte, einen ganzen Staat auf religiöser Freiheit aufzubauen – heute Pennsylvania mit Philadelphia und Germantown.

Die Familie te Neues spaltete sich auf: Von drei Brüdern wanderten zwei nach Amerika aus, einer blieb in Krefeld. Die te Neues, deren Nachfahren heute in den USA Nyce heißen, blieben sich nahe über Zeiten und Kontinente hinweg. Bis heute. Erst im September dieses Jahres hat die Mennoniten-Familie von Randy Nyce aus Philadelphia Krefeld besucht. Nyce - te Neues: Randy führt seine familiären Wurzeln auf Hans und Jan te Neues zurück, eben jene Vorfahren von Armin und Elmar te Neues, die 1692 nach Amerika auswanderten und dort hohe Ämter in der Mennonitengemeinde von Philadelphia innehatten: Hans war Pastor, Jan war Dekan, also Vorsitzender des Ältestenrates, der die Geschicke der Gemeinde leitete.

Amerikanisch-deutsches Mennonitentreffen in der Krefelder Mennonitenkirche (v.l.) Tassilo te Neues, Randy, Juanita und Garret Nyce aus Philadelphia sowie Elmar te Neues, in Krefeld bekannt als Unternehmer und IHK-Präsident.

Amerikanisch-deutsches Mennonitentreffen in der Krefelder Mennonitenkirche (v.l.) Tassilo te Neues, Randy, Juanita und Garret Nyce aus Philadelphia sowie Elmar te Neues, in Krefeld bekannt als Unternehmer und IHK-Präsident.

Foto: Jens Voss

Die Familien Nyce und te Neues halten Kontakt. Auch im Jahr 1983, dem Jahr der Philadelphiade, haben sich Mitglieder des amerikanischen und des Krefelds Zweigs der Familie getroffen. 1983 – da war die Auswanderung von 13 Krefelder Familien nach Amerika 300 Jahre her. Nach dem Gespräch mit Elmar und Armin te Neues möchte man ergänzen: Es waren nur 300 Jahre, denn so weit ist das alles nicht weg im amerikanisch-deutschen Familiengeflecht te Neues.

Dieser Text ist Teil unseres Projekts „Krephilly“, das die Rheinische Post gemeinsam mit dem Philadelphia Inquirer umsetzt. Anlass ist das 340-jährige Jubiläum dieser ganz besonderen Städteverbindung zwischen Nordrhein-Westfalen und den USA. Mehr über das Projekt „Krephilly“ und weitere Texte finden Sie hier.

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